Spielen ohne Grenzen
Bei Kindergeburtstagen ist weniger oft mehr

Münsterland -

Höher, schneller, weiter: Das scheint für Leistungssportler ebenso zu gelten wie für Kindergeburtstage. Die Feiern müssen immer aufregender und somit aber auch teurer werden. Kinder wünschen sich oft allerdings nur Zeit zum Toben und Spielen.

Montag, 03.12.2018, 11:20 Uhr
Der Kuchen, die Kerzen, das Lied:Geburtstagsrituale geben auch schon kleinen Kindern Geborgenheit und Freude am Feiern. Im Mittelpunkt zu stehen, überfordert sie in den ersten Jahren oft. colourbox.de
Der Kuchen, die Kerzen, das Lied: Geburtstagsrituale geben auch schon kleinen Kindern Geborgenheit und Freude am Feiern. Im Mittelpunkt zu stehen, überfordert sie in den ersten Jahren oft. Foto: colourbox.de

Kicken, bis die Sohlen glühen: So dürfte ein Kindergeburtstag für ihren fünfjährigen Sohn aussehen. Wenn er es sich aussuchen dürfte. Aber auch, wenn seine Mutter Lisa Althoff entscheiden sollte. Viel Platz für ihn und seine Freunde in der Fußballhalle, dazu ein Geburtstagskuchen – sie würde das Komplettangebot einer Soccer­halle sofort in Anspruch nehmen. Doch noch hat sich der junge Mann nicht geäußert, ob er überhaupt Freunde einladen möchte. Also hält sich seine Mutter zurück und genießt es, anderen Eltern bei der Erfüllung der Wünsche ihrer Kinder zu helfen.

Lisa Althoff ist Köchin und Konditorin und gestaltet mit Kochkursen Kindergeburtstage. Sie hat erfahren, wie aufgeregt Väter und Mütter am Ehrentag ihrer Kinder sein können. „Manche setzen sich unter Druck, ihren Kindern etwas Cooles und Aufregendes zu bieten.“ Diese Eltern nähmen gern an, dass sie mit ihrem Angebot die Idee mitbringt, die sie selber nicht einlösen oder umzusetzen vermögen.

Kinder wollen sich austoben

Lisa Althoff entwickelt mit dem Geburtstagskind und seinen Gästen ein Menü. Nach der ersten Begeisterung fürs Schnippeln und Rühren weiß die 30-Jährige schon, was kommt, wenn die Kinder in der Grundschule oder jünger sind: „Die wollen sich austoben. Dann schicke ich sie für 20 Minuten in den Garten. In so einer großen Runde zu spielen, ist doch ganz selten möglich.“

Toben und spielen. Am besten ohne Grenzen. Genau diese Beobachtung hat Familie Püning auf ihrem Bauernhof in Everswinkel gemacht: „Wir haben hier während unseres Weihnachtsbaumverkaufs im Advent so oft gesehen, dass es die Familien genießen, dass ihre Kinder hier viel Platz haben, rennen und sich verstecken können“, erinnert sich Dörte Püning.

Spielscheune in Everswinkel

Eine Idee war geboren: Aus einem Teil einer Scheune wurde eine Spielscheune – „mit natürlichen Materialien wie Stroh und Holz, wenig Plastik, viel Platz und der Möglichkeit, so laut zu sein, wie man möchte“. Eltern können sie anmieten. Die Verpflegung, die sie selbst mitbringen, können sie in einer separaten Küche anrichten.

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Die Spielscheune auf Hof Püning in Everswinkel erfreut sich großer Beliebtheit. Foto: privat

Eine Schatzsuche durch die Tannenschonung in Eigenregie, toben im Sandspielbereich mit Matschküche – bei der Einrichtung war Familie Püning wichtig, dass diese Feste unkompliziert ablaufen können. Die Rückmeldungen sind entsprechend: „Viele Eltern sagen: Das war ein Selbstläufer.“

Kindergeburtstage haben nicht mehr dieselben Rahmenbedingungen wie früher.

Dörte Püning

Zeit und Platz für das gemeinsame Spiel zu haben, mache Eltern und Kinder oft schon glücklich. „Kindergeburtstage haben ja nicht mehr dieselben Rahmenbedingungen wie früher“, verweist Dörte Püning auf knappen Wohnraum, kleine Gärten, die große Rasselbanden kaum vertragen, und berufstätige Eltern, für die es eine zusätzliche logistische Herausforderung ist, eine Kinderparty auf die Beine zu stellen.

„Eltern befinden sich heute oft in einem Spannungsfeld“, erklärt Stefanie Greubel, die an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft im rheinländischen Alfter Professorin für Kindheitspädagogik ist. Kinder seien meist Wunschkinder mit wenigen oder gar keinen Geschwistern. Ihre und die Lebensläufe ihrer Eltern seien individueller und individualisierbarer.

Rituale gehen verloren

Rituale im Familienleben gingen durch diese Situation freiwillig oder unfreiwillig verloren. Dabei seien gerade sie es, die Familien zu einer Quelle von Sicherheit und Geborgenheit machten. Ein Kindergeburtstag sei ein Meilenstein im Kinderleben. Wecken mit dem Geburtstagskuchen, Kerzen und einem Lied: Die frühe Erfahrung von Traditionen, die den einen Tag Jahr für Jahr zu etwas Besonderem machen, bilden einen verlässlichen Rahmen.

Bei der Doppelbelastung von Eltern mit Beruf und Familie sei Familienzeit per se etwas Besonderes und ein hohes Gut. Greubel formuliert die Gretchenfrage: „Wie wird da ein Geburtstag noch besonderer?” Ein Dilemma, das erklärt, warum manche Eltern vermeintlich immer noch eins draufsetzen möchten.

Kinder erlernen das meiste durch Begegnung und Bindung, Bewegung und Spiel.

Prof. Dr. Stefanie Greubel

Dabei könnte weniger oft mehr sein: „Kinder werden die ganze Woche entertaint, stecken in Kindergarten und Schule in Zeitplänen und müssen sich an Spielregeln ­halten. Sie sind sehr durchorganisiert. Da dürfen wir nicht unterschätzen, wie sehr sie es genießen, bei einer Geburtstagsfeier bestimmen zu dürfen und einfach mit ihren Freunden und der Familie zusammen zu sein.“

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Lehrt Kindheitspädagogik in Bonn: Prof. Dr. Stefanie Greubel. Foto: privat

Eine Einsicht, die sich mit Erkenntnissen der Kindheitspädagogik decke: „Kinder erlernen das meiste durch Begegnung und Bindung, Bewegung und Spiel”, erklärt die Professorin und zweifache Mutter. Den größten Gefallen tue man ihnen daher mit Zeit, Aufmerksamkeit und Freispiel.

Wichtig sind Momente der Gemeinschaft

Um dem Geburtstagskind und seinen Bedürfnissen gerecht zu werden, brauche eine Feier auch Momente der Gemeinschaft wie beim Auspacken und Bestaunen der Geschenke. Die Herausforderung an die Eltern bestehe darin, als Moderatoren sensibel die Gruppe zu beobachten, aber beim Eingreifen nicht spürbar zu sein.

Wie viel Feierei ist in welchem Alter angemessen? „Einjährige brauchen nicht viele Gesichter, die sie anstarren.“ Für sie sei das Erleben erster Rituale schon Höhepunkt genug. „Der erste Geburtstag ist eher ein Tag für die Eltern.“ Das könne sich je nach Kind bis zum zweiten oder dritten Geburtstag erhalten. „Kinder schämen sich in dieser Phase mitunter noch, im Mittelpunkt zu stehen.“ Eltern seien gut beraten, auf ihre Kinder und das, was ihnen zuzutrauen ist, zu schauen. „Damit müssen Erwachsene klarkommen.“

Kinder in die Vorbereitungen einbinden

Je älter die Kinder, desto mehr wird das Gefühl, im Mittelpunkt zu stehen, ein positives, das Selbstbewusstsein entwickeln kann. Sie erleben Vorfreude, lassen sich in Vorbereitungen einbinden und basteln Einladungskarten. Stefanie Greubel: „Sie erleben dann: ‚Ich bin selbst wirksam!‘“. Sind sie in dieser Form beteiligt, wissen die Kinder nicht nur, was sie an ihrem Festtag erwartet, sondern ertragen auch Konflikte und die Grenzen von Lösungen, beispielsweise wenn es um die Zahl der Gäste geht.

Sind die Kinder noch älter, haben sie eine noch klarere Vorstellungen von der eigenen Geburtstagsfeier mit Freunden. „Elf-, Zwölfjährige haben von sich aus andere Ansprüche“, erklärt Köchin Lisa Althoff. Für diese Zielgruppe dürften ihre Menüs herausfordernder sein. „Sie lassen sich gerne etwas beibringen“, bräuchten einen Mehrwert. Oder seien einfach nur noch gern zusammen.

Wie ihre elfjährige Tochter, die sich eine Übernachtungsparty mit Freundinnen gewünscht hatte. Der kulinarische Beitrag der Mutter beschränkte sich da auf das Anrühren von Gesichtsmasken, mit denen es sich die jungen Damen auf dem Sofa gemütlich machten.

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