Ein notwendiger Schritt
Kohleausstieg bedeutet Klimaschutz

Die wissenschaftliche Faktenlage zur Verbrennung fossiler Energieträger ist eindeutig: Sie schadet dem Klima. Noch immer bezieht Deutschland seine Energie zu 40 Prozent aus der Kohle. Was nun vonnöten ist, ist ein kluger, ein sensibler Rückzug, der den Bergbauregionen eine Perspektive bietet.

Sonntag, 16.12.2018, 16:56 Uhr aktualisiert: 16.12.2018, 18:41 Uhr
Noch rauchen die Schlote.Die Kohlekommission, die im Juni 2018 eingesetzt wurde, plant das Vorgehen der Kohleverfeuerung. dpa
Noch rauchen die Schlote.Die Kohlekommission, die im Juni 2018 eingesetzt wurde, plant das Vorgehen der Kohleverfeuerung. dpa

Es ist noch nicht lange her, da blickte die ganze Welt nach Deutschland. Kein anderes Land schien den Ausbau regenerativer Energiequellen schneller und konsequenter zu verfolgen als die Bundesrepublik. Milliarden von Euro wurden in Forschung und Entwicklung gesteckt. Arbeitsplätze wurden geschaffen. Eine ganz neue Industrie entstand. Mittlerweile tragen die Erneuerbaren Energien 40 Prozent zur nationalen Stromversorgung bei.

Auch der Ausstieg aus der Atomenergie ist beschlossene Sache; die ersten Kraftwerke sind bereits abgewickelt, die übrigen werden folgen. Trotzdem hat Deutschland seinen Status als Musterschüler in Sachen Klima- und Umweltschutz verloren. Der Grund? Noch immer setzt die Bundesrepublik auf fossile Energieträger, allen voran Braun- und Steinkohle. 60 Braun- und 87 Steinkohlekraftwerke listet die Bundesnetzagentur in ihrer Statistik auf (Stand 19. November 2018; ab einer Netto-Nennleistung von mehr als zehn Megawatt).

24,3 Prozent aus Braunkohle

Mit knapp 40 Prozent hat die Kohle immer noch großen Anteil am Strommix hierzulande (siehe Grafik). 24,3 Prozent davon entfallen auf Braunkohle – überwiegend aus dem Rheinischen, dem Lausitzer und dem Mitteldeutschen Revier – und 13,9 Prozent auf Steinkohle, die inzwischen größtenteils importiert wird. Deutschland (168 Millionen Tonnen) ist damit Weltmeister in Sachen Braunkohleverbrauch – noch vor China (140 Millionen Tonnen), Russland (73,7 Millionen) und den USA (66,2 Millionen).

Der Grund für den traurigen Spitzenplatz liegt im Boden: Wegen einer Laune der Erdgeschichte ist Deutschland besonders reich an Braunkohle. Da Lagerstätten im Vergleich zur Steinkohle wesentlich jünger sind, liegen sie nicht so tief unter der Erde und sind leichter zugänglich. Obwohl ihre spezifischen Eigenschaften äußerst nachteilig sind (hoher Wasseranteil, geringer Wirkungsgrad, höchste Kohlendioxidemission aller fossilen Energieträger), wird Braunkohle in Deutschland seit mehr als hundert Jahren industriell genutzt.

Braunkohlekraftwerke sind veraltet

Gemessen an den CO-Emissionen stehen sieben der zehn schmutzigsten Kraftwerke Europas in Deutschland. Das liegt im Wesentlichen daran, dass die Flotte der deutschen Braunkohlekraftwerke in erheblichem Maße veraltet ist.

Wie die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in einer Studie (2017) vorrechnet, reichen die globalen Vorräte an Erdöl, Erdgas und Kohle noch Jahrzehnte aus, um den Energiebedarf zu decken. Für das Klima sind diese Zahlen fatal – denn die Verbrennung fossiler Energieträger, allen voran Kohle, lässt die Temperatur unserer Atmosphäre massiv ansteigen. Im Schnitt ist sie seit Beginn der Industrialisierung bereits um gut ein Grad Celsius gestiegen.

Emmissionen müssen bis 2030 halbiert werden

Der Weltklimarat IPCC sagt, um gefährliche Klimaveränderungen zu verhindern, müsse der Anstieg der globalen Mitteltemperatur auf 1,5 Grad Celsius begrenzt werden – um dieses Ziel einzuhalten, müssten wiederum die Emissionen bis 2030 halbiert und bis 2050 auf null gesenkt werden. Technisch, darin sind sich Wissenschaftler und Umweltverbände einig, ist das längst möglich – allein der politische Wille fehlt.

Nettostromerzeugung in Deutschland in 2018_Zeichenfläche 1

2014 bis 2016 schien es, als hätten die globalen CO-Emissionen ihr Maximum erreicht. Doch seit 2017 wächst der Ausstoß wieder. In vielen Ländern hat die Konjunktur angezogen, gleichzeitig haben sich die grundlegenden Strukturen im Energiesektor nicht verändert. Erschwerend kommt hinzu, dass die billige Kohle vielen ärmeren Ländern Aufschwung verspricht; neben der Türkei und Ägypten investieren zahlreiche asiatische Länder massiv in Kohlekraftwerke. Einige Staaten, wie etwa Polen, argumentieren zudem, dass sie sich durch die Nutzung der Kohle Souveränität sichern und sich unabhängig von Rohstoffimporten machen.

Es ist die Frage: Wie schnell kann man sich von der Kohle verabschieden? Aus klimapolitischer Sicht darf es keinen weiteren Aufschub geben.

Tina Löffelsend, Leiterin des Referats für Energie und nationale Klimapolitik bei der Umwelt- und Naturschutzorganisation Bund

Deutschland hat sich im Rahmen des Pariser-Klimaabkommens (2015) dazu verpflichtet, seine Emissionen bis 2020 um 40 Prozent zu senken. Bis 2030 sollen minus 55 Prozent, bis 2040 minus 70 und bis 2050 minus 80 bis 95 Prozent erreicht sein, jeweils bezogen auf das Basisjahr 1990. Um diese Ziele einzuhalten wurde im Juni 2018 die Kohlekommission gegründet, die sich um ungeklärte Fragen in Sachen Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung kümmern soll.

„Es ist die Frage: Wie schnell kann man sich von der Kohle verabschieden?“, sagt Tina Löffelsend , Leiterin des Referats für Energie und nationale Klimapolitik bei der Umwelt- und Naturschutzorganisation Bund. „Aus klimapolitischer Sicht darf es keinen weiteren Aufschub geben. Es braucht allerdings eine Balance mit anderen Aspekten. Einerseits muss die Versorgungssicherheit gewährleistet bleiben, andererseits gilt es, die Arbeitsplätze sozialverträglich abzubauen und in den Regionen Perspektiven zu schaffen, wie es nach der Kohle für sie weitergehen kann.“

Kritischer Wendepunkt liegt zum Greifen nahe

Obwohl der kritische Wendepunkt zum Greifen nahe liegt, ringt Deutschland – als Europas führende Wirtschaftsmacht und Land der Energiewende – mehr denn je mit seiner besonderen Verantwortung im Kampf gegen den Klimawandel. Dabei drängt die Zeit: Ohne ein zeitnahes Einschwenken auf einen Kohleausstiegspfad wird Deutschland alle seine Klimaschutzziele verfehlen, die kurzfristigen ebenso wie die langfristigen, die nationalen ebenso wie die international vereinbarten.

Natürlich wissen nicht nur die Konzerne und Bundesländer, dass der Ausstieg aus der Kohle unausweichlich ist – nicht das Ob ist die Frage, nur noch das Wann und Wie muss geklärt werden. „Ohne Kohleausstieg sind die Klimaziele nicht zu erreichen“, mahnt Löffelsend.

Ohne Kohleausstieg sind die Klimaziele nicht zu erreichen.

Tina Löffelsend, Leiterin des Referats für Energie und nationale Klimapolitik bei der Umwelt- und Naturschutzorganisation Bund

Tatsächlich ist es ein Perspektivenwechsel, der sich langsam vollzieht: Nicht die Innovationen und Chancen der Energiewende stehen plötzlich im Fokus, sondern der Abschied des Alten. Der Kohleausstieg, er wirkt dabei für viele als Schreckensszenario, das nun Wirklichkeit wird.

Die technischen Hürden scheinen überwindbar; Ausbau der Stromnetze, Installation von Erneuerbaren Energien und Entwicklung intelligenter und leistungsfähiger Speichertechnologien. Viel schwerer aber scheinen die emotionalen Hürden zu sein, denn mit dem notwendigen Abschied aus der Kohle werden sich die Regionen und die Menschen, die in ihnen leben, eine neue Identität erarbeiten müssen. „Die Kohlekommission wird ihren Bericht erst im Februar 2019 vorlegen können.

Die Zeit wird eng

Die Verzögerung hat sich aufgrund ungeklärter Fragen zum Strukturwandel zwischen Bund und Braunkohle-Bundesländern ergeben“, sagt Tina Löffelsend, die durchaus Kritik am mangelnden Enthusiasmus und an der fehlenden Kreativität der Betroffenen übt. „Die Länder haben viel zu lange gezögert, sich auf die Zeit nach der Braunkohle vorzubereiten, obwohl das Ende so oder so absehbar ist.“ Die Zeit gleichwohl, sie wird eng. „Das Problem wird nicht kleiner. Ohne Kohleausstieg heizen die Kraftwerke das Klima weiter ungebremst an. Gehandelt werden muss jetzt.“

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