Lebensqualität statt Wachstum
Maßstäbe für wirtschaftlichen Fortschritt

Der Wohlstand wird in den meisten Ländern am Bruttoinlandsprodukt gemessen. Doch die Kritik an dem alten Maßstab wächst. Einkommensverteilung, Lebensqualität und Umweltschutz rücken stärker in den Fokus. 

Mittwoch, 26.12.2018, 13:04 Uhr aktualisiert: 26.12.2018, 16:57 Uhr
Der Wohlstand der Menschenist nicht nur vom Geld abhängig. In Bhutan (oben links) wird versucht, das Glück der Menschen zu messen. Auch Bildung und Umweltschutz steigern den Wohlstand. colourbox.de
Der Wohlstand der Menschenist nicht nur vom Geld abhängig. In Bhutan wird versucht, das Glück der Menschen zu messen. Auch Bildung und Umweltschutz steigern den Wohlstand. Foto: colourbox.de

Die deutsche Wirtschaft wächst – seit Jahren. Doch gilt das auch für den Wohlstand? Die Wohlstandsmessung in Deutschland ist geprägt von Paradoxien: Ein Autounfall mit möglichst großem Sachschaden ist eine gute Nachricht für die konjunkturelle Entwicklung. Gleiches gilt, wenn sich Frau oder Mann entscheiden, ihre Hausarbeit aufzugeben, dem Müßiggang zu frönen und stattdessen eine Haushaltshilfe einzustellen, die kocht und putzt.

Und umgekehrt: Ist es sinnvoll, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) fällt, wenn eine junge Mutter den Nachhilfelehrer ihrer Kinder heiratet, weil selbst erbrachte Leistungen innerhalb eines gemeinsamen Haushalts im BIP nicht erfasst werden. Doch warum sollte der gemessene Wohlstand gewachsen sein, wenn sich die objektive Lage gar nicht verbessert hat?

Es wird nicht richtig gemessen, was wirklich passiert.

Christine Lagarde

Zur Erläuterung: Das Bruttoinlandsprodukt, also das anerkannte Maß für die Wohlstandsentwicklung hierzulande, ergibt sich aus der Produktion aller Waren und Dienstleistungen im Inland abzüglich der Vorleistungen und Importe. Folglich steigert der Ersatz eines bei einem Unfall zerstörten Autos die BIP. Die bezahlte Dienstleistung einer Haushaltshilfe hat einen ähnlichen Effekt.

Zweifel an Wachstum

Eine Studie des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung zweifelt daher trotz des kräftigen Wirtschaftswachstum an, dass der Wohlstand in Deutschland in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Als Hauptgrund gibt das Institut die wachsende Einkommensungleichheit an. Insgesamt stagniere das Wohlstandsniveau auf dem Niveau der neunziger Jahre. Doch nicht nur gewerkschaftsnahe Kreise zweifeln an der Aussagekraft des Bruttoinlandsprodukts als Wohlstandsindikator.

„Wir müssen das Bruttoinlandsprodukt wohl neu berechnen“, forderte jüngst die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde. „Es wird nicht richtig gemessen, was wirklich passiert“, kritisierte Lagarde. Der ehemalige US-Präsidentschaftskandidat Robert F. Kennedy, brachte das Dilemma schon früh auf den Punkt:„Das Bruttoinlandsprodukt misst alles, außer dem, was das Leben lebenswert macht.“

Tag des Glücks: Was Münsteraner glücklich macht

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  • Stephan Schlegelmilch: „Richtiges Glück hatte ich lange nicht mehr – eher Sorgen. Aber wenn andere lachen, macht mich das glücklich.“

    Foto: Susanna Jaworski
  • Gertrud Elias: „Für mich bedeutet Glück, etwas besonders Gutes zu essen zu haben!“

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  • Jana Völker: „Was Glück für mich bedeutet? Mein Kind. Mein Baby macht mich glücklich.“

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  • Marie Piontek: „Glück ist, meine Freunde um mich zu haben, ausgeglichen zu sein – und zusammen gutes Essen zu genießen.“

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  • Florian Schmidt: „Satt zu sein und nicht hungern zu müssen. Keine Angst haben zu müssen. Menschen zu haben, die einen lieben.“

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  • Julian Steier: „Glück bedeutet vor allem, Ziele zu erreichen. Es ist schön, das zu verwirklichen, was man sich vorgenommen hat.“

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  • Patricia Baumgartner: „Wenn ich in drei Wochen meine Prüfung zur Arzthelferin bestehe, dann werde ich überglücklich sein.“

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  • Timo Bedi: „Für mich bedeutet Glück, bei meiner Familie zu sein.“

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  • Bilal Ahmad: „Glück spüre ich dann, wenn ich bei meiner Familie bin. Und wenn ich alles habe, was ich mir wünsche.“

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  • Bene Eiche: „Glück? Das ist, wenn man kein Unglück hat. Oder, wenn man ganz unerwartet einfach mal einen Pasch würfelt.“

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  • Thomas Lau: „Mit Menschen zusammen zu sein, die ich liebe und die mir viel bedeuten.“

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  • Renate Tiggels: „Glück bedeutet für mich, dass alle Menschen gesund und froh sind. Wenn es allen gut geht, bin ich glücklich.“

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Die Kritik am BIP ist nicht neu, sie existiert seit der Schaffung der Kennziffer. Der entscheidende Anstoß für die Ermittlung des Volksvermögens kam vom US-Senat. Der beauftragte 1932 den Ökonomen Simon Kuznets damit, ihm ein quantitatives Bild der damaligen Wirtschaftskrise zu verschaffen. Damit war die Grundlage für das heutige BIP gelegt.

Glücks-Beispiel: Bhutan

Es gibt zahlreiche Ansätze, den Wohlstand eines Landes anders zu messen. Berühmtestes internationales Beispiel ist das Königreich Buthan. In dem Himalaya-Land ist das Bruttonationalglück Maßstab für die wirtschaftliche Entwicklung. Bereits im 18. Jahrhundert – exakt im Jahr 1729 – wurde das Glück der Bevölkerung als das entscheidende Ziel der Politik in Bhutan definiert.

Folgende Faktoren bestimmen das Glück der Bhutaner:

►die Förderung einer sozial gerechten Gesellschaft

►die Bewahrung und Förderung kultureller Werte

►der Schutz der Umwelt 

► eine bürgernahe Verwaltung

Doch bewirken die Grundsätze tatsächlich mehr Glück bzw. Wohlstand? Das ist strittig. Fest steht aber: Der Umweltschutz im Land hat ein hohes Niveau, die Lebenserwartung ist in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen und Umfragen zufolge sind nicht diejenigen Bhutaner zufriedener, die ein höheres Einkommen haben.

Der alternative Maßstab interessiert indes zunehmend auch andere Länder. So haben etwa Ecuador und Bolivien inspiriert von ihrer indigenen Bevölkerung Glücksfaktoren in ihre politischen Zielsetzungen aufgenommen.

Alternatives BIP?

In Deutschland wird die Diskussion um das richtige Maß für den Wohlstand ebenfalls geführt: Eine von den Parteien des Bundestags geschaffene Enquete-Kommission mit dem Namen „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ wurde Ende 2010 beauftragt, Alternativen zum BIP zu prüfen. Ergebnis: Im Mai 2013 wurde ein ganzheitlicher und vor allem nachhaltiger Fortschrittsindikator als neuer Urmeter der Ökonomik vorgeschlagen. Er soll neben dem materiellen Wohlstand auch das Soziale, die Teilhabe und die Ökologie abbilden.

Zehn Komponenten hat die Kommission konkret festgelegt: BIP pro Kopf, Einkommensverteilung, Staatsschulden, Beschäftigung, Bildung, Gesundheit, Freiheit, Treibhausgase, Stickstoff und Artenvielfalt. Doch Konsequenzen hat die Arbeit der Wissenschaftler bislang nicht: Die Quartalswerte des BIP bleiben bislang weiter der Fetisch der Wirtschaftsexperten in Politik und Forschungsinstituten.

Wohlstand der Menschen ist nicht nur vom Geld abhängig. In Bhutan (oben links) wird versucht, das Glück der Menschen zu messen. Auch Bildung und Umweltschutz steigern den Wohlstand.

Wohlstand der Menschen ist nicht nur vom Geld abhängig. In Bhutan (oben links) wird versucht, das Glück der Menschen zu messen. Auch Bildung und Umweltschutz steigern den Wohlstand. Foto: colourbox

Auf Initiative des Umweltbundesamts in Dessau wurde ein weiterer moderner Maßstab für Wohlstand entwickelt: der „Nationale Wohlfahrtsindex“ (NWI). Schöpfer sind der Heidelberger Wirtschaftsprofessor Hans Diefenbacher und Umweltforscher Roland Zieschank von der Freien Universität Berlin. Der NWI fasst rund 20 Messgrößen zusammen, die von den Schäden durch Luftverschmutzung oder Alkohol- und Drogenmissbrauch bis zum Wert ehrenamtlicher Arbeit reichen. Daraus errechneten die Forscher eine Kennzahl, die ein realistischeres Bild vom Zustand des Landes geben soll. Ihr Ergebnis: Während das BIP in den vergangenen 15 Jahren meist stieg, schwankte der NWI zum Teil erheblich.

Nicht nur Nachteile

Doch das BIP hat nicht nur Nachteile. Sein größtes Plus ist seine internationale Vergleichbarkeit. Schließlich ist es weltweit standardisiert. Doch bezweifeln selbst Nobelpreisträger wie Joseph Stiglitz und Amartya Sen die Aussagekraft des traditionellen Universal-Maßstabs. Gemeinsam mit dem französische Ökonomen Jean-Paul Fitoussi arbeiteten sie in einer Expertenkommission, die im Jahr 2008 von der französischen Regierung unter Nicolas Sarkozy eingesetzt wurde. Aufgabestellung: Mit welchen Mitteln lassen sich Wohlstand und sozialer Fortschritt messen, ohne sich einseitig auf Einkommensgrößen wie das Bruttosozialprodukt zu stützen.

Ein Ergebnis der Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission: Beim Messen des Wohlbefindens sollten das Einkommen und der Konsum erfasst werden anstelle der bisherigen Messun g der Produktion. Auch empfahlen die Wissenschaftler, die Einkommens- und Vermögensverteilung sowie die Verteilung des Konsums viel stärker ins Auge zu fassen.

"Happy Planet Index"

In den vergangenen Jahren haben sich noch zahlreiche weitere Institutionen der Suche nach alternativen Fortschrittsindikatoren gewidmet. So entwickelte die britische Denkfabrik New Economics Foundation den Happy Planet Index (HPI). Die Messlatte ist hier die ökologische Effizienz, mit der eine Nation ihr Wohlbefinden generiert. Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass Reichtum für eine Vielzahl von Menschen nicht vorderstes Ziel ist, sondern dass für sie ein glückliches und gesundes Leben an erster Stelle steht.

Renommiert ist der Index der menschlichen Entwicklung, HDI abgekürzt, der von den Vereinten Nationen als Wohlstandsindikator für Staaten angewandt wird. Der HDI wird seit 1990 im jährlich erscheinenden Bericht über die menschliche Entwicklung veröffentlicht. Er berücksichtigt nicht nur das Bruttonationaleinkommen pro Kopf, sondern ebenso die Lebenserwartung und die Dauer der Ausbildung anhand der Anzahl an Schuljahren, die ein 25-Jähriger absolviert hat, sowie der voraussichtlichen Dauer der Ausbildung eines Kindes im Einschulungsalter.

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