Interview mit Ralph Ghadban
Wissenschaftler über kriminelle Familien, Integrations-Fehler und die Rolle des Islams

Berlin/Düsseldorf -

Kriminelle Clans geraten vermehrt in den Blick der Öffentlichkeit. Unser Mitarbeiter Volker Resing sprach mit dem Islamwissenschaftler und Sozialarbeiter Ralph Ghadban über diese Strukturen.

Montag, 04.02.2019, 01:00 Uhr aktualisiert: 04.02.2019, 07:47 Uhr
Bei der Razzia Mitte Januar durchsuchten Polizei und Zoll in Bochum auch eine Sisha-Bar. Die Sicherheitsbehörden gehen verstärkt gegen kriminelle Clans vor. Schwerpunkt ist NRW und Berlin.
Bei der Razzia Mitte Januar durchsuchten Polizei und Zoll in Bochum auch eine Sisha-Bar. Die Sicherheitsbehörden gehen verstärkt gegen kriminelle Clans vor. Schwerpunkt ist NRW und Berlin. Foto: dpa

Was ist das Besondere an diesem Phänomen der organisierten Kriminalität?

Ralph Ghadban : Bei der klassischen organisierten Kriminalität finden sich Menschen sozusagen freiwillig zusammen und begehen Verbrechen. In den Clan wird man hineingeboren und hat keine andere Wahl das mitzumachen. Das bedeutet nicht, dass alle Clan-Mitglieder kriminell sind, aber durch die Verwandtschaft und die Clan-Solidarität sind sie gezwungen oder werden gezwungen, über die Untaten zu schweigen. So kommt es zu einer Art Zwangsgemeinschaft und Schweigekartellen.

Wieso sind diese kriminellen Strukturen besonders gefährlich?

Ghadban: Diese Strukturen sind viel schwieriger zu durchschauen und aufzubrechen. Die Polizei kann sie auch nicht unterwandern, wie es in anderen kriminellen Milieus möglich ist. Außerdem beschert der Profit Wohlstand für den ganzen Clan und sorgt so weiter für Zusammenhalt. Die Stärke des Clans ist auch das Mobilisierungspotenzial. Schnell können Brüder und Cousins als Mitstreiter rekrutiert werden. Nie hat man es nur mit einem Gegenüber zu tun. Derartiger Zusammenhalt ist inzwischen ganz untypisch für die stärker individualisierte Gesellschaft des Westens. Das macht auch Gerichtsprozesse schwierig und legt manche Verhandlung regelrecht lahm.

Das bedeutet aber auch, in den Clans gibt es selbst Opfer dieser Strukturen.

Ghadban: Genau das müssen wir stärker in den Blick nehmen. Es gibt keine offiziellen Berechnungen. Ich gehe davon aus, dass 30 bis 50 Prozent der Clan-Mitglieder eigentlich ein normales Leben führen wollen. Doch auch Mitwisserschaft und Schweigen kann zu Komplizenschaft führen und so werden viele unfreiwillig und unweigerlich in die Kriminalität mit hineingezogen.

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Ralph Ghabhahn Foto: privat

Wie viele Clans gibt es, welche Unterschiede gibt es?

Ghadban: Wenn wir von Clans in Deutschland sprechen, reden wir in den meisten Fällen von den libanesisch-kurdischen Clans, insbesondere den Mhallami-Kurden, die aus halbnomadischem Ursprung ein besonders großes Zusammengehörigkeitsgefühl haben und in Deutschland schlecht integriert sind. Nach Einschätzung des Bundeskriminalamtes umfasst diese Gruppe etwa 200 000 Personen. Hinzu kommen in letzter Zeit etwa Clans aus Tschetschenien, Albanien, Kosovo, auch jesidische Clans, die ähnlich organisiert und teilweise auch als Clan kriminell aktiv sind.

Wie sind diese Clans entstanden, wie konnte es zu dieser Parallelwelt kommen?

Ghadban: Der Clan ist im Nahen und Mittleren Osten und in Nordafrika die Grundlage des sozialen Zusammenlebens. Insofern sind diese Großfamilien ganz automatisch durch die Migration der zurückliegenden Jahrzehnte nach Deutschland gekommen. Dass sich kriminelle Strukturen bildeten, ist natürlich nicht zwangsläufig, sondern auch das Ergebnis fehlender Integration. Das Grund- problem der Integration aber ist, dass nach westlichem Gesellschaftsverständnis nur Individuen integriert werden können, nach hergebrachter Vorstellung in den Herkunftsländern aber die Großfamilie die entscheidende Einheit ist. Der traditionelle Islam unterstützt diese Vorrangstellung der Familie vor dem Individuum noch zusätzlich

Zur Person: Ralph Ghadban – Islamwissenschaftler und Clan-Experte

Ralph Ghadban ist Islamwissenschaftler, Politologe und Autor. Seine eigene Migrationserfahrung hat ihn für die Themen  Flucht und Integration sensibilisiert. Er wurde 1949 im Libanon geboren, in Beirut hat er sein Studium der Islamwissenschaften begonnen. Seit 1972 lebt er in Deutschland. In Berlin hat er in Politik promoviert.

Seit 1993 ist er in der Migrationsforschung tätig und er war Mitglied der ersten Islamkonferenz. Als Sozialarbeiter, ehemaliger Leiter der Beratungsstelle für Araber des Diakonischen Werks in Berlin und als Anstaltsbeirat der Justizvollzugsanstalt Tegel konnte er Kontakte in das kriminelle Clan-Milieu knüpfen und dort recherchieren. 

Zuletzt ist von ihm erschienen: Ralph Ghadban: Arabische Clans. Die unterschätze Gefahr. Econ-Verlag, Berlin 2018. 304 Seiten, 18 Euro

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Nicht alle muslimischen oder migrantischen Großfamilien sind kriminell. Wie verhindert man Stigmatisierung?

Ghadban: Einen Generalverdacht und Stigmatisierung darf es nie geben. Aber Integration kann es letztlich nur geben, wenn man die Clans sprengt und die Menschen aus falschen – mit dem Grundgesetz nicht vereinbaren – Abhängigkeiten befreit. Ich setze mich deswegen für umfassende Aussteigerprogramme besonders für Jugendliche und Frauen ein. Da brauchen wir umfassende Strukturen, um etwa Frauen zu helfen, die unterdrückt wurden und dann ohne die Hilfe der Familie klarkommen müssen. Hier müssen wir in Hilfsangebote investieren.

Wie sollen denn kriminelle Clans gesprengt werden?

Ghadban: Der wichtigste Ansatz ist, die finanziellen Geldquellen der Clans zum Versiegen zu bringen. Wenn der Profit wegbricht, lässt auch der Zusammenhalt des Clans nach. Außerdem ist es wichtig, noch entschiedener gegen Zwangsverheiratung und Kinderehen vorzugehen. Auch dies sichert in diesen Clans die Bindekräfte und stärkt die Abschottung.

In Berlin und auch in Nordrhein-Westfalen langt die Polizei in letzter Zeit häufiger mit Razzien zu. Was helfen die vermehrten Razzien gegen kriminellen Clans?

Ghadban: Diese Entwicklung ist zunächst positiv und ist vor allem möglich geworden durch das neue sogenannte Vermögensabschöpfungsgesetz von 2017. Durch dieses Gesetz kann die Polizei Geld und Güter unklarer Herkunft schneller beschlagnahmen. Doch das Gesetz geht nicht weit genug. Der Hauptfehler ist, dass es keine Beweislastumkehr gibt. Nicht derjenige, der das fragwürdige Geld in Besitz hat, muss beweisen, dass er es legal erworben hat, sondern der Staat muss die kriminelle Herkunft belegen. Das ist äußerst schwer. In der Stadt Berlin wurden beispielsweise 20 Millionen Euro in 2017 beschlagnahmt, eingezogen wurden aber schließlich nur eine Million, weil es keine verwertbaren Beweise gab. Es braucht dringend eine Verschärfung des Gesetzes, wie wir es Italien schon haben.

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