Der Traum von der Gratis-Tram
Kostenlose Busse und Bahnen

Münster -

In Zeiten von Feinstaub- und Dieseldebatten rücken Busse und Bahnen verstärkt in den Fokus, um die Städte vom Verkehr zu entlasten. Einzelne Städte haben schon gezeigt, dass kostenlose öffentliche Verkehrsmittel eine Lösung sein könnten. Die sind aber teuer.

Sonntag, 10.03.2019, 12:00 Uhr aktualisiert: 10.03.2019, 14:21 Uhr
Die Fahrt mit der Tramim Luxemburger Bankenviertel Kirchberg soll ab März nächsten Jahres kostenlos sein. dpa
Die Fahrt mit der Tramim Luxemburger Bankenviertel Kirchberg soll ab März nächsten Jahres kostenlos sein. Foto: dpa

Das kleine Luxemburg macht schon mal einen Versuch, in Deutschland ist die Zurück­haltung dagegen groß: Vom 1. März 2020 an werden Bahn, Bus und Tram in Luxemburg für alle Benutzer kostenlos. Der zweitkleinste EU-Mitgliedsstaat ist dann nach Angaben der Regierung das erste Land der Welt mit komplett kostenfreien öffentlichen Verkehrsmitteln.

Der öffentliche Gratis-Verkehr ist in den Augen der luxemburgischen Regierung vor allem eine soziale Maßnahme. Mobilitätsminister François Bausch sagt: „Ich erwarte nicht, dass wegen der ­Kostenfreiheit viele Autofahrer auf den öffentlichen Verkehr umsteigen werden.“

Die Deutschen nähern sich dem Thema noch vorsichtig an – und das weniger aus sozialen als aus ökologischen Gründen: Für mehr Luftreinheit in deutschen Städten hat der Bundesregierung einen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr in die Diskussion geworfen, um die Zahl privater Fahrzeuge zu verringern. Die Begeisterung darüber hielt sich in Grenzen.

Ich erwarte nicht, dass wegen der Kostenfreiheit viele Autofahrer auf den öffentlichen Verkehr umsteigen werden.

Luxemburgs Mobilitätsminister François Bausch
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Luxemburgs Mobilitätsminister François Bausch Foto: Harald Tittel

Erste Schritte in Lemgo

Uli Beele vom Zweckverband Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL) hat in der politischen Diskussion eine neue Haltung entdeckt, die für einen preiswerteren Nahverkehr steht, um mehr Nutzer zu gewinnen. Denn die Mobilitätsprobleme könne nicht der Individualverkehr, sondern der ÖPNV lösen. Die Idee vom kostenlosen Nahverkehr sei aber theoretisch und stoße in der Realität auf viele Fragezeichen – etwa bei der Frage, wer die Kosten übernehme.

Einen Schritt in Richtung „kostenloser ÖPNV“ hat Lemgo gemacht. Um ihre engen Straßen in der historischen Innenstadt zu entlasten, hat die Stadt in Ostwestfalen ein vielbeachtetes Bussystem eingeführt. Vor 25 Jahren ist der Stadtbus mit 45 000 Nutzern im Jahr gestartet, heute sind es 2,5 Millionen. Die Monatskarte kostet immerhin noch 29 Euro, die Busse fahren alle 15 Minuten. Die Stadtwerke geben dafür jährlich ca. 1,6 Millionen Euro oder 40 Euro pro Einwohner aus, die sie als Ausgaben absetzen. Das Geld stammt aus dem Gewinn, den die Stadtwerke durch den Verkauf von Strom, Gas, Wasser und Fernwärme machen. Und, nein, der Strom sei in ­Lemgo nicht teurer als in anderen Städten auch, beruhigt Renate Dalbke von den Stadtwerken.

Im Gegenzug steckt die Stadt weniger Geld ins Straßennetz, die Innenstadt ist attraktiver und die Fußgängerzone deutlich lebendiger geworden. Eine große Debatte um das „opulente Bussystem“ gibt es nach den Worten von Dalbke so gut wie gar nicht mehr.

Nullrunde für viele Fahrgäste

Zum Jahreswechsel ist die ansonsten übliche Fahrpreiserhöhung in vielen deutschen Städten und Gemeinden ausgeblieben. Gleich drei große Verkehrsverbünde gönnen ihren Fahrgästen eine Nullrunde. Das hat eine Auswertung der Deutschen Presse-Agentur ergeben. In Berlin-Brandenburg sowie in den Großräumen Stuttgart und München bleiben die Ticketpreise, wie sie sind. Diskussionen über Jahreskarten für 365 Euro und andere günstige Angebote deuten auf einen politischen Stimmungswandel hin. Fahrgastvertreter sind jedoch skeptisch.

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Die Stadt Lemgo hat mit ihrem Bussystem die Zahl der Fahrgäste vervielfacht. Foto: Stadtwerke Lemgo

Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg hat die Tarife zum zweiten Mal in Folge nicht erhöht. Der rot-rot-grüne Berliner Senat hatte sich in den Koalitionsvertrag geschrieben, die Preise einzufrieren, bis der Tarif grund­legend überarbeitet ist. Langfristig soll Bus- und Bahnfahren in der Region eher günstiger als teurer werden. Das Schülerticket wurde im Sommer schon billiger, Kinder aus ärmeren Familien fahren umsonst.

Verkaufsschlager Schülerticket

Auch München und die umliegenden Landkreise gewähren ihren Kunden eine Null­runde. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte im Wahlkampf dafür geworben, in München, Nürnberg, Augsburg, Regensburg und Würzburg eines Tages Jahreskarten für 365 Euro anzubieten.

Für Schüler in Hessen gibt es das schon. Sie fahren seit letztem Jahr für umgerechnet einen Euro pro Tag; das Schüler­ticket ist ein Verkaufsschlager. Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) denkt über ein ähnliches Angebot auch für ­Senioren nach. „Einfach, günstig und umweltfreundlich“, so bewirbt Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) die Tarif-Nullrunde 2019 für Stuttgart und Umgebung. Er will, dass mehr Leute das Auto stehen lassen. Vor allem für Pendler sinken sogar Tarife. Die Einnahmeeinbußen von 42 Millionen Euro im Jahr übernimmt die öffentliche Hand.

Schwierigkeiten in Hamburg

Ein kostenloser öffentlicher Personennahverkehr in Hamburg wäre nach Angaben der Verkehrsbehörde extrem teuer. Der städtische Verkehrs­verbund HVV erziele durch Fahrscheinverkäufe jährlich rund 830 Millionen Euro (2017). „Das ist in etwa eine ,Elphi‘ pro Jahr“, sagte ein Sprecher. Die Elbphilharmonie („Elphi“) hatte knapp 800 Millionen Euro gekostet. Der HVV befördert jetzt schon jährlich rund 770,5 Millionen Fahrgäste.

Sollten noch mehr hinzukommen, dürften sich Kapazitäts­probleme abzeichnen. Mehr Züge und Bahnen müssten beschafft und bezahlt werden. Außerdem sind langwierige Planungs- und Genehmigungsverfahren für den Ausbau von U- und S-Bahnen zu durchlaufen. So wird in Hamburg der Bau einer neuen nörd­lichen U-Bahn-Linie U5 zwar konkreter. Erste Bauarbeiten könnten aber – selbst wenn alles glattläuft – nach Angaben der Betreiber aber erst 2021 starten.

Steigende Preise im Münsterland

Während in anderen Regionen der ÖPNV billiger oder sogar kostenlos werden soll, steigen die Preise mit Münsterland weiter. Zum 1. August 2018 sind die Preise für das Münsterland um durchschnittlich 1,7 Prozent gestiegen. Begründet wurde das unter anderem mit dem Tarif­abschluss, der  über der durchschnittlichen Erhöhung der Ticketpreise gelegen habe. In Münster soll das Busfahren ab dem 1. August 2019 im Schnitt um 2,9 Prozent teurer werden: Als Hauptgrund für die Erhöhung werden gestiegene Personalkosten angeführt. 

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Kritische Stimmen

Der Fahrgastverband Pro Bahn ist skeptisch, ob die Tarif-Wohltaten überall gut gegen­finanziert sind. „Über einen günstigen öffentlichen Verkehr nachzudenken, ist wichtig“, hat der Ehrenvorsitzende Karl-Peter Naumann gesagt. „Aber man muss es auch langfristig solide finanzieren.“ Nichts gewonnen wäre, sparten die Unternehmen im Gegenzug an Wartung, Fahrzeugen oder Fahrplänen. „Nur über den Preis gewinnen sie die Leute nicht“, warnte Naumann. „An erster Stelle stehen der Ausbau des Angebots und die Qualität.“

Ähnlich begründet der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr, dass er seine Preise wie gewohnt erhöht – um durchschnittlich 1,9 Prozent im Raum Düsseldorf und dem Ruhrgebiet. „Für uns gilt weiterhin der politische Auftrag der Kreise und Städte, die Nutzerfinanzierung des öffentlichen Verkehrs zu stärken und so die öffentlichen Haushalt zu entlasten.“

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