NS-Massenmord im Sauerland
LWL-Experten erforschen Fundstelle

Warstein -

Erschossen und verscharrt. Im Sauerland fand in der Endphase des Zweiten Weltkriegs ein barbarisches Verbrechen statt. SS-Angehörige und Wehrmachtssoldaten der „Divisi­on Vergeltung“ ermordeten in Nacht- und Nebelaktionen 208 russische und polnische Zwangsarbeiter.

Sonntag, 10.03.2019, 12:32 Uhr aktualisiert: 10.03.2019, 12:43 Uhr
Schuhe, Schüsseln, Projektile: Knapp 400 Gegenstände haben die Experten des LWL bei den Grabungen entdeckt. Zumeist handelt es sich um Hinterlassenschaften der Opfer.
Schuhe, Schüsseln, Projektile: Knapp 400 Gegenstände haben die Experten des LWL bei den Grabungen entdeckt. Zumeist handelt es sich um Hinterlassenschaften der Opfer. Foto: dpa

Die Details der Verbrechen lagen jahrelang im Dunkeln. 1957 waren zwar drei Täter vom Landgericht Arnsberg verurteilt worden, ein paar Jahre später wurde das Gros der Opfer zentral in Meschede beigesetzt. Was zwischen dem 20. und 23. März 1945 jedoch genau geschehen war, wusste bisher niemand.

2017 nahmen sich Experten des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) der Verbrechen an. Sie forschten und gruben – und lüfteten schließlich die letzten Geheimnisse des Massenmordes im Sauerland. Am Freitag stellten sie die Ergebnisse vor.

Ein Waldweg bei War­stein- Suttrop, matschig, nass. Fichten recken sich in den Himmel. Ein paar Meter weiter geschah es, hier wurde der Wald zum Tatort. LWL-Historiker Dr. Marcus Weidner erzählt: „In drei Tranchen haben die Solda­ten und SS- Männer die Zwangsarbeiter herangeführt und erschossen.“ Bei vielen Skeletten fehlten Teile der Schädelknochen. Eine Folge der Genickschüsse. Das sind Sätze, die sitzen. 56 Zwangsarbeiter wa­ren es allein hier. Im nahen Langenbachtal passierte das Gleiche, dort waren es 71 Tote. In Meschede schließlich erschossen die Schergen 81 Menschen.

Opfer wurden willkürlich erschossen

Chaos und Kontrollverlust am Ende des Krieges. Ehemalige Zwangsarbeiter fliehen aus dem Rheinland vor den Kämpfen, deutsche Soldaten und SS-Verbände bewegen sich in gleicher Richtung. Im Sauerland kommt es zu ei­nem folgenschweren Aufeinandertreffen.

NS-Massenmord im Sauerland

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  • Schmuck, Perlen, Schuh und Schüsseln als Beispiel der zahlreichen Funde aus dem Besitz der Opfer.

    Foto: LWL/Thomas Poggel
  • Perlen, Knöpfe, Garnröllchen-Fragment. Fundstelle Warstein.

    Foto: LWL/Thomas Poggel
  • Dr. Marcus Weidner, Historiker im LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte, arbeitet die Kriegsendphaseverbrechen im Sauerland auf. Bei der Grabung in Suttrop haben die Sondengänger Patronenhülsen und eine Emaille-Schüssel gefunden.

    Foto: LWL/Kathrin Nolte
  • Deutsche heben 1945, bewacht von der US-Armee, Gräber für die ermordeten Zwangsarbeiter in Suttrop aus.

    Foto: National Archives and Records Admin
  • Fundensemble Löffel, Mundharmonika, Brillenetui, Blechfragment. Fundstelle Meschede.

    Foto: LWL/Thomas Poggel
  • Damenschuh in Fundlage.

    Foto: LWL/Maria Hahne
  • In gleichmäßigen Reihen untersuchen Sondengänger die Fundstelle Meschede.

    Foto: LWL/Manuel Zeiler
  • Ausgrabungsfunde wie ein Verschluss eines Karabiners (l), eine Emaileschüssel, Knöpfe oder zwei Damenschuhe.

    Foto: Bernd Thissen
  • Zwei Damenschuhe,

    Foto: Bernd Thissen
  • Günster Aust aus Warstein erlebte als 13-Jähriger 1945 die Ermordung von 208 Zwangsarbeitern in Warstein.

    Foto: Elmar Ries

Seit Herbst 1944 sind die Mitglieder der „Division Vergeltung“ unter dem Kommando des SS-Generals Hans Kammler in Warstein stationiert. Dort stranden auch immer mehr Zwangsar­beiter. Für Kammler sind sie „Un­termenschen“ und gefährlich. Er gibt den Mordbefehl. „Die Opfer waren in Schützenhallen un­terge­bracht, wurden willkürlich ausgewählt und kurz nacheinander erschossen“, erzählt der Historiker. Zuerst im Lan­genbachtal, dann in Suttrop, zuletzt in Eversberg.

400 Fundstücke

Während Weidner jahrelang Akten studiert und Tausende Seiten Prozessunterlagen gelesen hat, untersuchte sein Kollege Dr. Manuel Zeiler bis Anfang 2019 die Tatorte. Zeiler ist Archäologe.

400 Fundstücke hat er entdeckt. Patronenhülsen, Projektile und Waffenteile. Aber auch Geschirr, einen Löffel, Schuhe, Knöpfe, ein Gebetbuch, Münzen, die traurigen Reste einer Mundharmonika – letzte Habseligkeiten der Opfer. Auf den ersten Blick seien die Funde vielleicht unspektakulär, sagt LWL-Chef Matthias Löb. Sie seien jedoch wichtige Zeugnisse „und die letzte Botschaft der Opfer“. Mit den neuen Erkenntnissen trage man „zur weiteren Aufhellung“ der NS-Mordaktion bei und stelle sich gegen „Schlussstrich-Mentalitäten“. Es sei wichtig, „sich auch heute noch dieser Verantwortung zu stellen“, ergänzt der Russlandbeauftragte der Bundesregierung, Dirk Wiese.

Tatabläufe rekonstruieren

Zeilers Funde halfen, die Tatabläufe weitgehend zu rekonstruieren. So weisen verstreut entdeckte Projektile darauf hin, dass einige Opfer zu fliehen versuchten. Eisensplitter belegen an anderer Stelle, dass die Mörder mit Handgranaten eine Grube sprengten, in der sie dann ihre Opfer erschossen. Und die gefundenen Knochen zeigen, wie jung die meisten Opfer noch waren. Gerade mal 14 von ihnen konnten bisher identifiziert werden.

Das war hart und ergreifend.

Günter Aust musste als 13-Jähriger an den aufgereihten Toten vorbeiziehen.

Am 7. April 1945 erreichten die Amerikaner das Sauerland. Keine vier Wochen später wussten sie, was geschehen war. Die GIs befahlen Warsteiner NS-Größen, die Leichen zu exhumieren und würdevoll zu bestatten. Zuvor aber musste die Bevölkerung im Suttroper Waldstück an den aufgereihten Toten vorbeiziehen. „Das war hart und ergreifend“, sagt Günter Aust. Als 13-Jähriger war er damals dabei. Und noch heute treibt ihm die Erinnerung daran Tränen in die Augen.

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