Fest- und Jahreszeiten warten auf Korrektur
„Ja, ist denn heut’ schon Weihnachten?“

Münster -

Viele ärgert das alle Jahre wieder. Die Weihnachtszeit wird schon im Herbst eingeläutet. Mit Printen, Lichterketten und Lametta in den Kaufhäusern.  Viele sehnen sich nach einer Zeit, die der Dichter Karl-Heinrich Waggerl für die Dörfer seiner salzburgischen Heimat noch vor einem halben Jahrhundert als die „stillste Zeit im Jahr“ beschrieb. Eine kleine Polemik über Konsumrausch und Festverwässerung.

Donnerstag, 17.10.2019, 12:44 Uhr aktualisiert: 17.10.2019, 16:01 Uhr
Veronika Weber, das 25. Dresdner Stollenmädchen, hat am 11. Oktober den ersten Dresdner Christstollen angeschnitten. In den Läden stapelt sich die süße Weihnachtsware schon seit September. Im thüringischen Lauscha, wo die Kugeln geblasen werden, und im Ibbenbürener Märchenpark (unten) ist sowieso das ganze Jahr über Weihnachten. Die Weihnachtsbriefmarke (oben links) ist auch schon da.
Veronika Weber, das 25. Dresdner Stollenmädchen, hat am 11. Oktober den ersten Dresdner Christstollen angeschnitten. In den Läden stapelt sich die süße Weihnachtsware schon seit September. Im thüringischen Lauscha, wo die Kugeln geblasen werden, und im Ibbenbürener Märchenpark (unten) ist sowieso das ganze Jahr über Weihnachten. Die Weihnachtsbriefmarke (oben links) ist auch schon da. Foto: dp

Noch nichts gemerkt? Doch! In den großen Kaufhäusern blinken schon Tannenbäume. Im Laden um die Ecke türmen sich seit Anfang September Gewürzspekulatius und Dominosteine, schmelzen die Printen in spätsommerlicher Sonne. Die Kollegen im Job sind schon pappsatt und verklebt davon. Advent und Weihnachten sind immer und überall.

Heinrich Bölls Weihnachtssatire

Heinrich Böll, der spätere Literaturnobelpreisträger, hat das ewige Weihnachten schon 1952 aufgegriffen – in einer seiner wunderbaren Satiren: „Nicht nur zur Weihnachtszeit“. Da geht es um seltsame „Verfallserscheinungen“ in der Verwandtschaft des Ich-Erzählers. Diese nehmen ihren Lauf um Lichtmess 1947 herum, als sich die „Tante Milla“ des Erzählers partout nicht von ihrem Christbaum trennen will. Als das Bäumchen abgeschmückt wird und aus dem Wohnzimmer entfernt werden soll, beginnt ihre Trotz- und Schreiphase. Mediziner bleiben ratlos. Doch Onkel Franz, Gatte der Tante, findet die Lösung. Onkel Franz verordnet der Tante Milla eine „Tannenbaumtherapie“. Fort­an wird nun praktisch über zwei Jahre hinweg jeden Abend – also winters wie sommers – Heiligabend gefeiert. Mit allem Drum und Dran, also mit dem Baum, dem weihnachtlichen Bescherungsgefühl und einem täglich „Frieden, Frieden, Frieden“ flüsternden Weihnachtsengel. Eine brüllend komische Geschichte. Heinrich Böll konnte eben nicht nur politisch böllern. Er beherrschte perfekt die kleine satirische Form.

Die Nordmanntannen warten schon ungeduldig in der Schonung.

Die Nordmanntannen warten schon ungeduldig in der Schonung. Foto: Karl-Josef Hildenbrand

Aber diese weihnachtliche Satire ist heute ja längst groteske Realität! Ob nun ewiger Advent oder ständiges Weihnachten: Wir sind schon mitten drin in dieser garstigen Zeitverschiebung. Oder auch in der Fest-Amnesie; denn wir wissen eigentlich gar nicht mehr, wann wir was und warum wir überhaupt etwas feiern.

Fronleichnam oder Allerheiligen?

Der Autor dieser Zeilen bekam vor einigen Jahren einen halben Lachkrampf, als zu Allerheiligen (1. November) an einer Kneipe in der Nähe des münsterschen Zentralfriedhofs der Hinweis „Fronleichnam ist unsere Gaststätte geschlossen“ zu lesen war. Der Inhaber, nicht ganz auf der Höhe der Zeit, hatte wohl „messerscharf“ von den gut besuchten und mit Grablichtern geschmückten Friedhöfen auf das Fest mit dem Wortbestandteil „Leichnam“ geschlossen und sich beim Festkalender glatt um ein gutes halbes Jahr und inhaltlich sowieso vollkommen vergaloppiert.

Apropos Vergaloppieren: In wenigen Tagen laufen wieder lärmende „Kids“ und Halbstarke mit ihren Gruselkostümen durch die Gassen, um „Halloween“ zu feiern, Wände vollzuschmieren und um Süßigkeiten zu betteln. Hallo? Halloween ist ein keltisches Gruselfest und in Mitteleuropa eigentlich überhaupt nicht verankert! Macht nichts: Verkleiden ist hipp, Bonbonbetteln auch. Eigene Kultur? Brauchen wir nicht. Hauptsache Spaß und Konsum stimmen. Reformationsfest? Allerheiligen? Nie gehört? Allerseelen? Ach nein, das klingt so traurig. Außerdem kommen ja bald darauf die Jecken am 11. November, da geht das Verkleiden nahtlos weiter bis Rosenmontag. Mit Goldener Peitsche und Knabbel­orden, Herrensitzungen und dem ganzen Gedöns. „Dann män tau“, segg de Mönsterlänner Buer.

Budenzauber schon vor Totensonntag?

Die aktuelle Weihnachtsbriefmarke ist auch schon da.

Die aktuelle Weihnachtsbriefmarke ist auch schon da. Foto: Paul Zinken

Die Weihnachtsbuden öffnen sicher schon vielerorts vor oder direkt nach dem Totensonntag. Und dann werden die Vorgärten mit LED-Lichtern in Flugzeuglandebahnen verwandelt und Adventskalender aufgeklappt. Heiligenbildchen wie früher? Biblische Motive, die den Weg zum Fest weisen? Von wegen! Muffige Schokotaler, Püllekes für den täglichen Mini-Rausch – zum Vorglühen für die Weihnachtsfeier. Vielleicht ja auch erotische Ideen für jeden Tag! Mannomann! Das wird anstrengend vor dem Fest.

Zu Weihnachten sind wir dann völlig fertig und schmachten höchstens noch nach einem Leberwurstbrot mit Gewürzgurke, weil wir Printen und Marzipankartoffeln nicht mehr sehen können und sogar der fette Dackel vor lauter Krokantzapfen Blähungen bekommen hat.

Wann kommt endlich der Osterhase?

Und dann wieder Luftschlangen und „Kellergeister“-Bowle zu Silvester. Bloß weg mit dem Baum! Der hat dann ja sicher, weil er schon seit November bei vielen in der geheizten Bude steht, keine einzige Nadel mehr. Epiphanie, Dreikönigsfest? Ist da nicht Ski-Springen und das Treffen der letzten Liberalen in Stuttgart?

Und wann kommt endlich der Osterhase? Richtig: zum „Hasenfest“. Mit diesem seltsamen Feiertag warb vor Jahren recht geistlos eine Buchhandelskette. Die Kirchen gingen zu Recht auf die Palme. Ist ja kaum auszuhalten, dass die Leute nicht mehr wissen, was wir feiern. Hauptsache: Konsum. Wie sagte schon der rationale Denker René Discount: „Consumo, ergo sum!“

Im Ibbenbürener Märchenwald backen die Engelchen das ganze Jahr über Weihnachtsplätzchen.

Im Ibbenbürener Märchenwald backen die Engelchen das ganze Jahr über Weihnachtsplätzchen. Foto: Gunnar A. Pier

Bleibt eine vage Hoffnung. Verschieben sich alle verwässerten Festtage und Feiern schön weiter nach vorn, dann wären wir in ein paar Jahren wieder voll im Takt und im Rhythmus. Dann könnten wir wieder Advent Advent sein lassen, Weihnachten Weihnachten und Ostern Ostern. Wäre das nicht wunderbar?

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