Löwen, Nashörner und Co.
Safaris im Live-Stream: Afrika-Urlaub in Zeiten von Corona

In Corona-Zeiten ist es ausgeschlossen, in den Urlaub zu fahren. Doch per Live-Stream kann man nun bequem vom Sofa aus auf Safari gehen. Für die Anbieter in Kenia und Südafrika geht es dabei um mehr als nur Unterhaltung in der Selbstisolation.

Donnerstag, 23.04.2020, 11:40 Uhr aktualisiert: 23.04.2020, 11:42 Uhr
Die Nashörner Najin und Fatu, die zwei letzten Nördlichen Breitmaulnashörner der Welt, werden im Wildreservat Ol Pejeta rund um die Uhr bewacht.
Die Nashörner Najin und Fatu, die zwei letzten Nördlichen Breitmaulnashörner der Welt, werden im Wildreservat Ol Pejeta rund um die Uhr bewacht. Foto: dpa

Nanyuki (dpa) - Ein Löwe sitzt neben einem Busch, guckt sich um und legt sich dann für ein Schläfchen ins Gras. Die Geräuschkulisse zeugt von der kenianischen Savanne: Zikaden zirpen, Vögel singen. Hin und wieder erklärt eine männliche Stimme etwas zu den majestätischen Vierbeinern.

Das Bild ist etwas verpixelt. Kommentare von Zuschauern erscheinen auf dem Bildschirm. Eine Nutzerin scheint sich mit dem schlummernden Löwen identifizieren zu können: «Quarantänen-Stimmung», schreibt sie.

Live auf Instagram beobachten Zuschauer eine Safari im Wildreservat Ol Pejeta in Kenia. Wie auf einer echten Pirschfahrt - auch Game Drive genannt - fährt Safari-Guide Samuel Mbogo mit einem Kollegen durch das 360 Quadratkilometer große Reservat und klärt seine aufmerksamen Zuschauer über die Tiere und die Natur auf. Nur, dass seine Zuschauer nicht hinten im Fahrzeug sitzen, sondern zu Hause auf ihren Sofas. Mit seinem Smartphone streamt er live, was er sieht, und beantwortet die Fragen der Nutzer. «Diese virtuellen Game Drives machen sogar mehr Spaß als die echten, denn die Menschen sind richtig interessiert und involviert», sagt Mbogo.

Die Coronavirus-Krise hat Reisen weltweit ein abruptes Ende gesetzt. Fast schlagartig wurden Flüge gestrichen und Hotel-Buchungen storniert. So ist der Tourismus in Ländern wie Kenia und Südafrika eingebrochen, bevor die ersten Fälle des Erregers Sars-CoV-2 dort überhaupt bestätigt wurden. Südafrika hat wegen einer landesweiten Ausgangssperre sogar alle Parks dichtgemacht. Für die Länder ist das verheerend: Die jährlich mehr als zwei Millionen internationalen Touristen in Kenia machen laut Minister Najib Balala zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Und für die enttäuschten Urlauber bedeutet das: zu Hause bleiben.

«Wir haben uns überlegt, wie können wir Afrika zu unseren Gästen bringen, die nicht hierherkommen können?», sagt Nicole Robinson, die Marketing-Chefin von andBeyond. Die Hotel-Gruppe hat wegen der Corona-Krise auch Online-Safaris gestartet. Zwei mal täglich streamen sie über Instagram, Facebook und Youtube aus vier verschiedenen Wildreservaten in Südafrika live: Elefanten, die im Sand buddeln; Antilopen, die eine Straße entlang schlendern. Einige der Safaris werden hochprofessionell von einer Crew von WildEarth übertragen. Das Unternehmen bietet seit Jahren Live-Streams aus der Natur an.

Zuschauer scheinen über das Angebot begeistert zu sein. «Vielen Dank, dass ihr mein Social Distancing zu Hause jeden Morgen in Toronto, Kanada, viel besser macht», schreibt eine Zuschauerin, die einem Nashorn zuschaut. «Tolles Erlebnis!», schreibt ein Facebook-Nutzer, während im Hintergrund live ein Leopard gähnt. Natur-Begeisterte schalten aus Kuwait, Tansania, Amsterdam, Mexiko, Sudan und Kanada ein - viele davon hatten sicher noch nie die Möglichkeit, für einen Safari-Urlaub nach Afrika zu reisen. Ein Zuschauer in Australien meint, dass es sich auf jeden Fall lohne, wegen des Live-Streams «bis nach Mitternacht wach zu bleiben».

Für die Anbieter geht es sicherlich zum einen um gute PR. So können sie etliche Menschen erreichen, die zuvor noch nie auf Safari waren, und ihnen einen derartigen Urlaub - wenn irgendwann die Corona-Krise vorbei ist - schmackhaft machen. Neue Besucher jetzt schon an Land zu ziehen, ist wichtig. Denn andBeyond erwartet wegen der Erkrankung Covid-19 bis Juli 2021 gar keinen oder nur sehr geringen Umsatz, wie Robinson sagt.

Doch es geht auch um den Tierschutz. «Mehr als 70 Prozent unserer Einnahmen kommen aus dem Tourismus», erklärt Mbogo, der seit rund zehn Jahren für Ol Pejeta arbeitet. «Doch ohne Geld können wir unsere Wildtiere nicht schützen.» Die Einnahmen müssen reichen unter anderem für die rund 700 Mitarbeiter, den Erhalt des etwa 120 Kilometer langen Zauns des Reservats und die Ranger. Und diese schützen neben all den wilden Tieren zwei besonders wichtige Individuen: Najin und Fatu, die letzten zwei Nördlichen Breitmaulnashörner der Welt. Vielleicht führen die Online-Safaris zu der einen oder anderen Spende - oder werfen zumindest ein Licht auf die Tiere.

Denn die Angst ist groß, dass die Corona-Krise gefährliche Konsequenzen für den Tier- und Naturschutz haben wird. «Das Risiko besteht definitiv, dass die Wilderei steigen wird», sagt Katharina Trump von der Organisation WWF. Sollten Schutzgebiete weniger Geld haben, könnten sie demnach womöglich nicht die gleichen Patrouillen gewährleisten wie sonst. Und die durch die Corona-Krise ausgelöste wirtschaftliche Not könne dazu führen, dass mehr Menschen in Schutzgebiete eindringen und wildern.

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