Online-Stichprobe
Tendenz zu mehr Anfeindungen und Hass gegen Journalisten

Der Angriff auf ein ZDF-Team in Berlin ist eines der jüngsten Beispiele dafür, dass Medienschaffende auch Angriffen bei ihrer Arbeit ausgesetzt sind. Forscher haben in einer Umfrage Journalisten befragt und sehen eine Tendenz.

Mittwoch, 06.05.2020, 15:10 Uhr aktualisiert: 06.05.2020, 15:14 Uhr
Die Ausrüstung eines Kamerateams liegt nach einem Überfall auf ein ZDF-Teams zwischen Alexanderplatz und Hackescher Markt auf dem Boden.
Die Ausrüstung eines Kamerateams liegt nach einem Überfall auf ein ZDF-Teams zwischen Alexanderplatz und Hackescher Markt auf dem Boden. Foto: Christoph Soeder

Berlin (dpa) - Wissenschaftler der Universität Bielefeld sehen eine Tendenz, dass Journalisten mehr Anfeindungen und Angriffen in Deutschland ausgesetzt sind.

Sie stützen ihre Einschätzung auf eine am Mittwoch veröffentlichte Online-Stichprobe, bei der 322 Medienschaffende mitmachten. Die Befragung ist aber nicht repräsentativ.

Demnach gaben rund 60 Prozent der Befragten an, binnen zwölf Monaten mindestens einmal angegriffen worden zu sein. Zu Angriffen zählt die Studie etwa hasserfüllte Reaktionen von Beleidigungen über Anfeindungen oder auch Aufrufe zu Straftaten, in der Zahl ist den Angaben zufolge auch körperliche Gewalt enthalten. In einer ähnlichen veröffentlichten Stichprobe aus dem Jahr 2017 der Uni lag der Anteil der Befragten, die Erfahrungen mit Angriffen gemacht haben, noch bei 42,2 Prozent.

Gut 16 Prozent betonten in der neuesten Befragung, im Laufe ihrer Berufskarriere bereits körperlich angegriffen worden zu sein. Den Verfassern der Studie beschrieben Befragte die Situationen: Als Orte wurden zum Beispiel Demos genannt oder etwa eine Ausschreitung vor einer Unterkunft von Flüchtlingen. Fast 16 Prozent gaben der Befragung zufolge darüber hinaus an, schon einmal eine Morddrohung erhalten zu haben.

In der Befragung ging es darum, welche Erfahrungen Medienschaffende mit Hass und Angriffen machen. Der Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Uni Bielefeld, Andreas Zick, erläuterte, dass 82 Prozent der Befragten beschrieben hätten, dass sie die erlebten Angriffe und Hass dem rechten Spektrum zuordneten. «Aus dem extrem rechten Spektrum, aus dem rechtspopulistischen, Pegida wird genannt, die Identitäre Bewegung, auch die AfD wird im Besonderen genannt - da kommt "Hate Speech", da kommt Hassreden her», sagte er bei der Vorstellung der Ergebnisse. 5 Prozent der Befragten lokalisierten die Angriffe demnach im linken Spektrum.

Die Studie entstand in Zusammenarbeit mit dem Mediendienst Integration. Dabei handelt es sich um ein Projekt des Vereins Rat für Migration, der ein Zusammenschluss von Migrationsforschern ist. Das Angebot mit Hintergrundinformationen richtet sich an Journalisten.

Am Freitag war in Berlin ein ZDF-Team überfallen worden. Das siebenköpfige ZDF-Team der Satiresendung «heute-show» hatte bei einer Demonstration gegen die Corona-Regeln gefilmt. Danach wurde es in einer Seitenstraße von mindestens 15 Menschen angegriffen. Der Redakteur, der Kameramann und der Kameraassistent sowie drei private Wachleute wurden verletzt. Der Satiriker Abdelkarim blieb unverletzt. Zu drei von sechs zunächst festgenommenen Menschen lagen laut Polizei «Erkenntnisse im Bereich der politisch motivierten Kriminalität links» vor.

Die Sprecherin für Medienpolitik der Grünen-Fraktion im Bundestag, Margit Stumpp, betonte zu den Ergebnissen der Befragung, dass es neben kurzfristigem Schutz und dem Kampf gegen Extremismus mehr Bemühungen im Bereich Medienkompetenz brauche. «Wer nicht erkennt, welchen Wert die freie Berichterstattung heute für unsere Gesellschaft hat, ist blind für die Gefährdung unserer freiheitlichen Demokratie.»

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