Jury hat sich entschieden
Wahl des Jugendworts: «No front, Diggah! Du bist total lost»

Deutschland hat ein neues Jugendwort des Jahres: «Lost» hat das Rennen gemacht. Immer wieder wird debattiert, ob Jugendliche so reden. «Lost» zumindest wird auch von Erwachsenen benutzt. Was also hat es in der Liste der Jugendwörter verloren?

Donnerstag, 15.10.2020, 15:40 Uhr aktualisiert: 15.10.2020, 15:42 Uhr
Mit dem Begriff «Lost» wird ahnungsloses und unsicheres Verhalten beschrieben.
Mit dem Begriff «Lost» wird ahnungsloses und unsicheres Verhalten beschrieben. Foto: Sebastian Gollnow

Stuttgart (dpa) - «No front, Diggah! Aber du bist total lost.» So ungefähr soll die Jugend reden, wenn es nach einigen der zehn Vorschläge zum Jugendwort des Jahres geht. Übersetzt heißt das etwa: Ich will dich nicht verletzen, mein Freund. Aber du bist ahnungslos.

Am Donnerstag hat der Pons-Verlag den Begriff «Lost» - wörtlich übersetzt: verloren - zum Jugendwort des Jahres gekrönt. Mit dem Begriff wird ahnungsloses und unsicheres Verhalten beschrieben. Dem Verlag zufolge erhielt «Lost» 48 Prozent der Stimmen und setzte sich gegen die Finalisten «Cringe», das beschreibt Fremdschämen, und «Wyld/Wild» durch. Letzteres bezeichnet kein wildes Tier, sondern etwas Heftiges.

Im Finale standen drei englische Wörter. Artemis Alexiadou , Sprachwissenschaftlerin an der Humboldt-Universität Berlin, erklärt das so: «Junge Leute bauen oft eigene Merkmale in ihre Sprache ein, um sich von der Elterngeneration abzugrenzen. Da bietet es sich an, auf das Englische zurückgreifen.» Die Jugend sei über soziale Medien gut vernetzt, dort werde viel Englisch gesprochen.

«Diese Worte sind hip», sagt Alexiadou. Das Wort «Lost» nutzen aber nicht nur Jugendliche. «Lost kenne ich aus dem Alltag», sagt sie. «In der letzten Zeit habe ich es öfters benutzt, wenn ich etwas nicht verstanden habe. Vor allem, weil zurzeit so viele unerwartete Ereignisse passieren.»

Auch Germanistik-Professorin Konstanze Marx kennt das Wort schon länger und nutzt es selbst in Situationen, in denen sie sich verlaufen habe oder inhaltlich abgehängt fühle. «Es ist ganz interessant, dass es ein Wort geworden ist, bei dem auch die übersetzte Bedeutung durchaus adäquat ist», sagt die Professorin der Universität Greifswald.

«Ich glaube, Lost ist ein Wort, das das Jahr 2020 gut beschreibt. Wenn man ehrlich ist: Fühlt sich nicht jeder dieses Jahr lost?», sagt Sarah Bartl, Managerin für digitale Produkte bei Langenscheidt , einer Marke des Pons-Verlags. Jugendliche fühlten sich oft «lost» und könnten sich damit identifizieren. Für Torben Krauß, Sprecher der Bundesschülerkonferenz, passt das Wort gut zur Corona-Lage und beschreibt die aktuelle Lebenssituation von vielen Jugendlichen, «weil man nicht so ganz weiß, was gerade los ist».

Krauß hält die erstmalige Wahl des Jugendworts durch Jugendliche selbst für eine gute Entscheidung. Im Gegensatz zu vorherigen Wahlen bestimmten nicht ältere Menschen das Wort, was sonst meistens Kritik eingebracht hatte, sondern Jugendliche, die im Internet Begriffe einreichten und nach der Auswahl der besten zehn Wörter durch eine Jury später das Siegerwort wählen durften.

Nach Ansicht von Germanistik-Professorin Marx ist es sinnvoll, die Personen zu beteiligen, denen man den Gebrauch der Wörter zuschreibt. Beim Voting konnten aber theoretisch auch Erwachsene abstimmen. «Die Wahl entspricht natürlich methodisch nicht wissenschaftlichen Standards. Der Link konnte zum Beispiel auch von Personen benutzt werden, die der Zielgruppe nicht angehören», sagt Marx.

Ursprünglich hatte der Langenscheidt-Verlag die seit 2008 existierende Wahl veranstaltet. Dann wurde Langenscheidt Anfang 2019 von dem zur Klett-Gruppe gehörenden Pons-Verlag übernommen. Im selben Jahr pausierte die Wahl des Jugendworts, die auch als Werbeaktion für den Verlag kritisiert wird. In der Vergangenheit wurden Wortschöpfungen wie «Smombie» - ein Kunstwort aus Smartphone und Zombie - und Sätze wie «Läuft bei dir» gekürt.

Diskussionen lösten die Wörter immer wieder aus. Wenn Erwachsene das Wort übernehmen, dann bleibt das laut Germanistik-Professorin Marx nicht folgenlos: «Sobald das passiert, verliert es an Exklusivität, wenn es vorher tatsächlich im jugendsprachlichen Gebrauch war.»

© dpa-infocom, dpa:201014-99-948147/7

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