Glosse
Norakel, no cry

Münster -

Die deutsche Nationalmannschaft hat sich bei der WM gehörig zum Affen gemacht. Das Gute an der Sache: Der Orakel-Overkill hat ein Ende.

Donnerstag, 28.06.2018, 17:30 Uhr

Glosse: Norakel, no cry
Auf Deutschland getippt, aber Mexiko hat gewonnen: Tiger "Fedor" sagte hier das falsche Ergebnis voraus, im letzten Gruppenspiel sollte er mit seinem Tipp auf Südkorea recht behalten. Foto: Guido Kirchner/dpa

Raus, raus, die Mannschaft ist raus. Schland unter: Das deutsche Debakel hat die Fan-Seele tief getroffen. Doch das WM-Aus hat auch sein Gutes: Mops „Frieda“ muss nicht mehr zu schwarzrotgeilen Futtertrögen hecheln, Pony „Schneewittchen“ nicht mehr aus national beflaggten Eimern saufen und Tiger „Fedor“ kann seine Mahlzeiten wieder unverpackt genießen.

Ob Eber, Schneeleopard oder Dackel - Deutschlands Orakel können aufatmen. Denn nach der Blamage der Löw’schen Zweifüßler haben die meisten Vierbeiner hierzulande ausgeweissagt. Gut so.

Denn seit sich Kraken-Paule bei der WM 2010 im Oberhausener Großaquarium zu Weltruhm gesaugnapft hat, nötigt jeder noch so mittelmäßig talentierte Marketingstratege irgendeine arme Kreatur, sich zwischen zwei national aufgeladenen Leckerlies zu entscheiden.

Tiere gehen immer

Kaum ein Zoo, kaum eine Zeitung ohne Orakel-Vieh. Und wer kein eigenes hat, der berichtet drüber. Klar, wir auch. Tiere gehen schließlich immer. Die PR-Maschinerien scheuchen die armen Säue medienwirksam durchs Dorf, da kommt keine WM-Berichterstattung dran vorbei.

Tierische Fußball-Orakel

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  • Der Krake aus dem Aquarium Oberhausen schrieb 2010 Fußballgeschichte, als er den Ausgang aller WM-Spiele der deutschen Mannschaft richtig voraussagte. Weil er zudem Deutschlands Halbfinal-Niederlage gegen Spanien prophezeite, brachte es „el pulpo Paul“ dort zum Nationalhelden. Paul war Vorbild für viele weitere Fußball-Orakel-Tiere: Elefanten, Pinguine, Otter, Gürteltiere, Frösche, Fruchtfliegen...

    Foto: Roland Weihrauch (dpa)
  • Zwergotterdame Ferret tippte 2012 während der EM in Polen und der Ukraine. Sie war im Zoo in Aue zuhause. 

    Foto: Hendrik Schmidt (dpa)
  • Kuh Yvonne aus dem österreichischen Liesertal tippte für die EM 2012. Berühmt wurde sie schon 2011, als sie von der Weide ausriss und drei Wochen im Wald lebte, bevor sie sich mithilfe von Betäubungspfeilen einfangen ließ. 

    Foto: Armin Weigel / dpa
  • Pony Moritz aus Warendorf weissagte zur Europameisterschaft 2012. Seine Expertise kam direkt aus der WN: Besitzerin Katrin Suttorp laß ihm regelmäßig aus dem Sportteil vor. 

    Foto: Geuer
  • Die Kugelgürteltiere „Norman“ und „Heidi“ aus dem Allwetterzoo tippten die Ergebnisse der Fußball-Weltmeisterschaft 2014. Von vier Spielen sagten sie nur zwei richtig voraus. 

    Foto: Oliver Werner
  • Und dann war da noch Momario - das Schildkröten-Orakel aus dem Morgenmagazin: Es steuert bei Schönberg (Schleswig-Holstein) zielstrebig den deutschen Salatteller an. Immerhin 2014 lag die Schildkröte so falsch damit nie.

    Foto: Carsten Rehder
  • In das Tor der Dortmunder kickte Elefantenmädchen Nelly den Ball in der Freianlage des Serengeti Parks bei Hodenhagen. Mit ihrem Treffer sagte Nelly den Sieg der Bayern im Champions-League-Finale 2016 gegen Dortmund voraus. Dass Nelly den «richtigen Rüssel» hat, bewies das damals dreijährige Elefantenmädchen schon während der Frauen-WM 2011 und der EM-Spiele der deutschen Jungs 2012.

    Foto: Holger Hollemann (dpa)
  • Zur WM in Russland war Tiger Fedor nach Norman und Heidi ein eher spektakuläres Orakel des Tierparks am Aasee. Er musste zwischen drei mit Frischfleisch bestückten Pappkisten wählen - und sagte die Niederlage gegen Südkorea voraus. 

    Foto: Oliver Werner

Doch die Inflation der animalischen Weissager verunsichert nicht nur die Leichtgläubigen, die nicht mehr wissen, ob sie Otter oder Hausrind glauben sollen, sondern übersättigt letztlich auch den hungrigsten Orakel-Ultra.

Bekamen die Väter des Kraken-Erfolgs, die Agentur Dederichs Reinecke & Partner, noch den "Internationalen deutschen PR-Preis", lechzen die Trittbrettfahrer von heute nach den letzten Krümeln Aufmerksamkeit. Dabei ist der Zauber längst vorbei. 

Da helfen offenbar auch keine Knaller-Namen wie „Katzorakel“. Auch die Erhöhung der absurdesten Tiere zum Spökenkieker können die Abnutzung nicht stoppen. Gürteltier „Norman“ im Allwetterzoo Münster war zur WM 2014 schon recht ungewöhnlich. In diesem Jahr versuchte man das Panzer-Tierchen mit der Russen-Mieze Achilles noch zu toppen. Das Kätzchen, „offizielles“ Orakel der WM, ist nämlich taub. Bemitleidenswert ist das neue süß.

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Offizielles Orakel der WM 2018: Die taube Katze "Achilles" Foto: dpa

Was kommt als nächstes? Die Skala des Wahnsinns scheint nach oben offen zu sein. Bekommt der sibirische Tiger dann vor dem Spiel Australien gegen Deutschland statt Rinderfilet ein Känguru und einen Schäferhund ins Gehege? 

Mit etwas Glück ist der Hype bei der EM in zwei Jahren vorbei. Wenn nicht, liebe Tiere, macht bitte Sommerschlaf.

Wie geht's weiter mit Orakel-Tiger "Fedor" im Allwetterzoo Münster?

Auch der sibirische Tiger „Fedor“ aus dem Allwetterzoo Münster sagt für die WM 2018 nach dem Ausscheiden keine Spiele mehr voraus. „Mit einem lachenden und einem weinenden Auge schauen wir auf das Aus der deutschen Mannschaft“, sagte eine Sprecherin des Zoos. Zwar sei man traurig, dass die Löw-Elf aus dem Turnier ausgeschieden ist, aber man freue sich darüber, dass der Tiger das letzte Spiel richtig prognostiziert hat. Für den Zoo, so die Sprecherin, bedeutete das Orakel neben der medialen Aufmerksamkeit auch ein Plus an Besuchern. Für die WM 2022 in Katar wolle man wieder ein Tier finden, dass das Gastgeberland repräsentiere.  

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