Interview
„Du merkst, jeder gibt alles“

Santo André -

Als Sportpsychologie schaut Hans-Dieter Hermann den deutschen Nationalspielern in die Köpfe. Auch in Brasilien betreut der Diplom-Psychologe die DFB-Auswahl und spricht im Interview über seine Beobachtungen im Campo Bahia.

Samstag, 14.06.2014, 23:06 Uhr

Macht sich über die Nationalspieler so seinen Kopf: Sportpsychologe Hans-Dieter Hermann begleitet die DFB-Mannschaft auch bei der Weltmeisterschaft in Brasilien.
Macht sich über die Nationalspieler so seinen Kopf: Sportpsychologe Hans-Dieter Hermann begleitet die DFB-Mannschaft auch bei der Weltmeisterschaft in Brasilien. Foto: Jürgen Peperhowe

Der Diplom-Psychologe Hans-Dieter Hermann hat schon mit Olympioniken aus über 20 Sportarten zusammen gearbeitet, betreut die österreichischen Ski-Abfahrer und die Schweizer Judoka, ehe er 2004 dem Ruf von Jürgen Klinsmann folgt, neben seiner Tätigkeit für die TSG ­Hoffenheim als Sportpsychologe der Nationalmannschaft zu arbeiten. Über sein Engagement sprach er mit unserem Mitarbeiter Achim Muth.

Herr Hermann, viele Nationalspieler sind bei internationalen Topvereinen wie Bayern München , Arsenal London oder Real Madrid aktiv, Leistungsträger wie Philipp Lahm, Thomas Müller oder Sami Khedira haben seit dem letzten Turnier vor zwei Jahren sogar die Champions League gewonnen. Muss daher nicht ein gestiegenes Selbstbewusstsein im DFB-Team vorhanden sein und was könnte dies bewirken bei der WM?

Hans-Dieter Hermann: Sicher hat jeder Einzelne von seinen Erfolgen beispielsweise bei Bayern München profitiert. Das ist zu spüren, da hat eine Entwicklung stattgefunden. Auch wenn sie davon profitiert: Die Nationalmannschaft hat aber deshalb nicht zwingend ein größeres Selbstbewusstsein. In der Wissenschaft gibt es den von Albert Bandura geprägten Begriff der ‚Kompetenzerwartung‘ . . .

Das müssen Sie erklären.

Hermann: Das ist die Überzeugung von der eigenen Leistungsfähigkeit, im englischen Original heißt sie ‚self-efficacy‘. Übersetzt auf den Fußball: Damit eine Mannschaft eine Art kollektives Selbstbewusstsein aufbauen kann, im internationalen Fachjargon: ‚collective efficacy‘, benötigt jeder in der Mannschaft das Gefühl: wir sind’s, mit diesen Jungs kann ich gar nicht verlieren, es gibt nur eine Option und zwar die, zu gewinnen. Das ist noch mal ein anderer Schritt und würde auch bei elf selbstbewussten Leuten noch nicht zwingend davon ausgehen, dass die Mannschaft automatisch ein hohes Mannschaftsselbstbewusstsein hat.

Ist die Nationalmannschaft auf dem Weg dahin, nur noch eine Option zuzulassen?

Hermann: Sie ist meines Erachtens auf dem Weg zu einem gemeinsamen Selbstbewusstsein. Aber das kann sich erst durch gute Spiele verfestigen. Dieses kollektive Selbstbewusstsein ist ein flüchtiges Gut, weil es eben von vielen beeinflusst wird. Was man klar sagen kann, Erfolge im Verein stärken die Kompetenzüberzeugung der Nationalspieler und übertragen sich somit auch aufs Team.

Wie schwierig ist es, nur den Sieg als Option zuzulassen, wenn im Unterbewusstsein die Gewissheit sitzt: ‚Wir haben die letzten entscheidenden Spiele gegen Spanien verloren.‘?

Hermann: Das Unterbewusstsein spielt eine Rolle, natürlich. In der Psychologie sprechen wir vom Priming, dem Prozess, Abläufe im Unterbewussten zu verankern. Das ist bei einer Mannschaft wie der Nationalelf jedoch schwierig, weil sich die Spieler selten sehen und sich die Zusammensetzung oft ändert. Aber durch die und in den Trainingseinheiten entwickelt sich das Gefühl der gemeinsamen Stärke. Darauf zielten auch die beiden Vorträge von Skilegende Hermann Maier und dem Abenteurer Mike Horn ab, beides faszinierende Persönlichkeiten mit hervorragenden Botschaften.

Was kann ein Fußballspieler von einem wie Horn lernen, der 7000 Kilometer durch den Amazonas schwimmt?

Hermann: Nicht das Toreschießen, klar. Es geht um Grenzerfahrungen, um Mentalität, um Willen, um Akzeptanz schwieriger Bedingungen, um extrem gute Vorbereitung, aber auch um die richtige Mischung aus Lockerheit und Zielorientierung. Aber Sie haben Recht: Bei Mike Horns Expeditionen ging es oft um Leben und Tod. Das ist kein 1:1-Beispiel, aber dennoch wertvoll sich damit auseinanderzusetzen und zu fragen: Was können wir von ihm lernen?

Zum Glück ist Fußball immer noch nur ein Spiel.

Hermann: Richtig, auch wenn es Menschen geben soll, für die er mehr ist als das (lacht). Aber wir wollen nicht zu martialisch werden. Dennoch war der Begriff der einen Option sehr beeindruckend. Zu sagen, das ist jetzt mein Weg. Um diese grundsätzliche Haltung geht es, die wollen wir über Vorträge, über Trainingseinheiten vermitteln, so dass es irgendwann ein Bild ergibt, das letztendlich auch im Unterbewusstsein abläuft.

Sie haben davon gesprochen, wenn England öffentlich Elfmeterschießen übe, dann sei das gut. Denn dann fokussieren die Engländer ihr Problem, und behalten es damit auch. Ist es im Umkehrschluss dann nicht schlecht, wenn deutsche Spieler davon sprechen, Spanien sei der Topfavorit?

Hermann: Ich habe mich bei den Engländern darauf bezogen, dass öffentlich immer wieder verlautbart wird, sie haben wieder einen Guru geholt, der ihnen zeigen soll, wie man Elfmeter schießt. Das bedeutet doch, dass sie weiter ein Problem damit haben. Äußerungen von uns bezüglich Spanien habe ich nicht gehört. Wenn es so war, wollten die Spieler wahrscheinlich die Erwartungen nicht zu hoch schrauben. Es ist ja ein schmaler Grat. Für uns wäre eine Situation auch Gift, wenn man einfach nur denkt, wo kriegen wir den Pokal überreicht? Deshalb: Wenn es einer strategisch sagen sollte, ist es nicht das dümmste. Das bringt einen in die angenehmere Position des Herausforderers.

In der Vorbereitung in Südtirol gab es bei einem Promotiontermin der Nationalelf einen Autounfall mit zwei verletzten Passanten. Inwiefern beeinträchtigte dieser Vorfall die Mannschaft?

Hermann: Der Unfall und die Folgen für das Opfer hat die Mannschaft natürlich bedrückt. Aber nur zwei Spieler haben es direkt miterlebt, so dass sich hier nichts teamintern längere Zeit festgesetzt hat. Aber dass dann das ganze Trainingslager in Verbindung mit anderen – vor dem Trainingslager liegenden – Ereignissen von Teilen der Presse heruntergeschrieben wurde, war überraschend.

Ist Medienschelte nicht ein Ablenkungsmanöver?

Hermann: Nein. Ich bin nur überrascht über diese extrem unterschiedliche Wahrnehmung von außen. Wir haben sehr viel Mitgefühl für die Unfallopfer und wir haben uns natürlich hinterfragt. Aber das Trainingslager war vom Spirit her klasse, alle haben es in der Summe sehr positiv erlebt.

Welche Herausforderung bringt die Weltmeisterschaft in Brasilien?

Hermann: Eine Herausforderung sind vor allem die klimatischen Bedingungen. Damit kommt noch mal ein Gegner dazu. Das ist auch eine Aufgabe für den Kopf. Es geht uns darum, klar zu machen: Die Dinge hier sind, wie sie sind. Wir wollen etwas reißen. Wenn wir uns klug vorbereiten, können wir das packen.

Wie nehmen Sie im Moment die Hierarchie im Team wahr?

Hermann: Die Hierarchie ist unverändert. Für mich noch wichtiger: Ich spüre, dass 23 Spieler beim ersten Spiel zum Einsatz kommen wollen. Nehmen Sie das Training heute. Das war klasse. Du merkst, jeder gibt alles, jeder ist bereit.

Anders als bei der WM in Südafrika gibt es diesmal kein Team-Motto. Weshalb?

Hermann: Wir haben Spieler, die tragen ihre Emotionen nach außen. Da gibt es täglich so viele Ansatzpunkte.

Haben Sie ein Beispiel?

Hermann: Die Häuser im Campo Bahia haben mittlerweile Namen. Ich wohne mit Sepp Schmitt, Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt und Tim Meyer zusammen, wir nennen unser Haus Dr. House. Auch die Spieler haben ihre Häuser benannt. Das fördert die Identität. Es ist wirklich eine besondere Atmosphäre, ständig läuft Musik, ständig gibt es Begegnungen.

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