Fußball: Weltmeisterschaft in Russland
Das große Aufräumen – jetzt geht es an die Aufarbeitung des deutschen WM-Aus

Moskau -

Das Quartier in Watutinki ist verlassen. Die deutsche Elf ist fort, die Aufräumarbeiten aber sind noch im Gang. Kabel werden zusammengerollt, die meterhohen Werbefotos mit Özil und dem Bundestrainer abgehängt und verpackt, das Pressepodium wird abgebaut. Auch die deutschen Fans sind schlagartig verschwunden.

Freitag, 29.06.2018, 19:40 Uhr

Die deutschen Trikots der Fans verschwanden aus dem bunten Straßenbild der Moskauer Touristen-Attraktionen am Kreml oder an der Moskwa, den vielen Sehenswürdigkeiten und in der Fußgängerzone schlagartig. Keine 13 von Müller, nirgends die 10 von Özil , keine weißen Heimtrikots, keine grünen WM-Jerseys, kein Schland, kein Weltmeister mehr zu sehen oder zu hören in den Straßen von Moskau. Andere übernahmen sofort die Regie, denn Russland hat seine „Sbornaja“ entdeckt und sich frisch verliebt. Am Sonntag gegen Ex-Weltmeister Spanien ist ein Fußballwunder im Luschniki-Olympiastadion in Planung. Katerstimmung dagegen in Deutschland: Die möglichen Achtelfinal-Exkursionen nach St. Petersburg – hier spielt Gruppensieger Schweden am Dienstag gegen die Schweiz – oder nach Samara – hier trifft der Vorrundenzweite Mexiko am Montag auf Brasilien – mussten mangels sportlicher Qualität und fehlender Qualifikation ersatzlos gestrichen werden.

Rund um den entthronten Titelverteidiger aus Deutschland beginnen die Aufräumarbeiten. DFB-Präsident Reinhard Grindel erwartet von der sportlichen Leitung, zuallererst von Bundes­trainer Joachim Löw und Sportdirektor Oliver Bierhoff, eine erste umfassende Bilanz mit Erklärungen für das Desaster – und zwar schon in der nächsten ­Woche.

Joachim Löw wird dabei aber mit dem Rückgriff auf die Vergangenheit nicht auskommen, wie er das gebetsmühlenartig zuletzt immer getan hat. Früher war alles besser. Das, was früher gut und sehr gut war, das wieder zu erreichen, wird nun als Perspektive nicht ausreichen. Es geht um einen Umbruch, eine zeitgemäße Fußball-Philosophie, Löw muss sein Team neu erfinden – wieder mal.

Auch Bierhoff wird früher liefern müssen, er, der in die neue DFB-Akademie so viel Hoffnung setzt. Bierhoff wurde zum „Superminister“ des Deutschen Fußball-Bunds hochgejazzt, der überall die Positionen nach seinem Gusto besetzt hat. Es wird schon von der „Bier­hoffisierung“ des DFB getuschelt. Sein Vertrag läuft bis 2024, dann soll die DFB-Akademie auf dem ehemaligen Rennbahngelände in Frankfurt längst in Betrieb sein. Und zwar nach dem Ideal des britischen St. George’s Park. Englands Nachwuchs wird hier gebündelt, das ­Modell hat Vorbildcharakter in Europa, WM-Titel bei der U 17 und U 20 sowie der EM-Triumph in der U 19 sollen die Basis für die Rückkehr der „Three Lions“ an die Weltspitze des Fußballs sein. In Staffordshire wurde für umgerechnet 119 Millionen Euro die Heimat der 28 Nationalteams mit 13 Trainingsplätzen aus dem Boden gestampft. Der Rasen ist eine ­Replika des Wembley-Bodens. Modernität trifft Tradition.

Da schließt sich der Kreis, weil auch Löw erklären muss, warum der Gewinn der Europameisterschaft mit der U 21 im vergangenen Jahr und auch der Confed-Cup-Triumph von Sotschi im gleichen Jahr so wenig Stammspieler für die Nationalelf abwarf. Beispiele bei der U 21 gefällig: Max Meyer, David Selke, Maximilian Philipp und Marc-Oliver Kemp gehörten zu den Leistungsträgern im Team von Trainer Stefan Kuntz. Sie waren nicht das geringste ­Thema für Löw. Spanien, der unterlegene EM-Finalist, schickte Saul Niguez (Atlético Madrid) und Marco Asensio (Real Madrid) ins aktuelle WM-Turnier.

Vom Confed-Cup-Team, das Löw 2017 zum 1:0-Finalerfolg über Chile dirigierte, waren immerhin 13 Spieler auch im WM-Kader zu finden. Stammkräfte aber waren nur Timo Werner, Jo­shua Kimmich und Jonas Hector. „Nach der WM wird es einen Umbruch geben. Wir wollen lange Linien ziehen, deshalb haben wir mit Joachim Löw bis 2022 und Oliver Bierhoff bis 2024 verlängert“, erklärte DFB-Boss Reinhard Grindel bereits Mitte Juni.

Das alles ging unter im Geschrei und Gezeter um die Erdogan-Affäre um Mesut Özil und Ilkay Gündogan, Löw soll nicht erfreut über diesen Zwischenfall gewesen sein. Und vor allem: Jetzt könnten die langen Linien voreilig gekappt werden. Fortsetzung folgt.

Anzeige
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5862006?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F197%2F2263186%2F2390094%2F
Nachrichten-Ticker