Abseits von Moskau
Meine zwei russischen Minuten – ein letzter Rückblick

Die WM in Russland ist Geschichte. Sportlich ist alles erzählt, der Triumph der Franzosen, das Scheitern der Deutschen. Unser Mann vor Ort hat sich in seiner letzten Kolumne noch mal den Dingen gewidmet, die weniger mit Fußball zu tun haben. Und die sind hochinteressant.

Montag, 16.07.2018, 08:15 Uhr

Abseits von Moskau: Meine zwei russischen Minuten – ein letzter Rückblick
Russische Fans feiern auf dem Roten Platz in Moskau nach dem Sieg im Achtelfinale gegen Spanien. Foto: dpa

Das war die Weltmeisterschaft in Russland, mein ganz persönliches Ranking steht weitestgehend – es ist natürlich ohne Gewähr und Pistole:

►  Abgeschlagen: Ganz hinten, noch weiter hinten auf dem allerletzten Platz, und noch ein Stückchen weiter zurück, nicht mehr zu erkennen. Also am Ende vom Ende vom Ende der Fahnenstange erreichte mich diese Post von einem Leser. Er schrieb „... wie kann man mit Özil diesem Kümmeltürken mit Glubschaugen Mitleid haben ...“ Nein, meine Meinung über Mesut Özil hat nichts mit Mitleid zu tun, da gilt immer noch der erste Satz des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

►  Überwachung pur: Der WM-Sicherheitsapparat nervte auf Dauer, überall Sicherheitsbarrieren, Durchleuchtungen, Handy ein und aus, Laptop ein und aus, Körperkontrollen, Scannereinsatz. Mühsam. 1,4 Milliarden Euro zusätzlich soll das im Budget gekostet haben.

►  Reisetipp I: Kommen Sie jemals nach Russland und besitzen ein Smartphone, dann müssen Sie GettTaxi runterladen, keine Taxi-App ist schneller und günstiger als diese.

►  Reisetipp II: Yandex Metro ist in Moskau Pflicht. Der Straßenverkehr kollabiert, die U-Bahn ballert dagegen förmlich durch die Röhren. Ein Wunder ist, dass die Waggons nicht aus den Schienen springen bei diesem Höllentempo. So kommt man an jeden wichtigen Ort dieser Stadt. Nur als Appetithäppchen noch ein paar Stationsnamen der Metropole: Avtozavodskaya, Babushinskaya, Krasnogvardeyskaya.

►  Reisetipp III: Wichtig in Sotschi, vor allem im Stadtteil Adler: Leihen Sie sich ein Fahrrad, auf der Promenade könnten sie bedeutende Fußballer wie Bixente Lizarazu, den französischen Weltmeister von 1998, oder Bundestrainer Joachim Löw treffen. Wladimir Putin holt sich hier auch gerne mal die Sommerfrische. Ab aufs Rad, Georgien ist nebenan.

►  Geheimtipp: Wer kann, der sollte mal nach Kasan reisen, eine Wahnsinnsstadt am Delta von Wolga und Kasan-Fluss. Der weiße Kreml ist ein Muss.

►  Empathie I: Gänsehaut, also so eine richtige, gibt es, wenn im Luschniki-Stadion fast 80 000 Russen die Nationalhymne intonieren. Gefühlt hört man das Riesenreich im Hintergrund mitsingen, jeder hat eine Uschanka (Fellmütze) auf. So war es, so ist es, so wird es immer sein.

►  Lebensgefühl: Ganz anders als man denkt sind die Russen. Freundlich ohne zu lachen trifft auf viele zu, doch die sind netter, als man glaubt. Die sperren keinen ein, weil man auf dem Roten Platz in der Nase bohrt. Aber keiner, schon gar nicht ich, darf sich einbilden, das Wesen des Russen oder das normale Leben zu kennen.

►  Russische Minute: Daheim sage ich oft „gleich“, was im Klartext meint, ich mache es nicht, oder ich will nicht. Familie und Umfeld werden wahnsinnig deshalb. Hör doch auf.

„Bring den Müll bitte raus.“

„Gleich.“

Also nie.

In Russland, leider oft eine Servicewüste, sagt man: „Zwei Minuten.“ Und es passiert länger nichts, gar nichts. Ich habe fürs Erste „gleich“ durch „zwei Minuten“ ersetzt.

►  Platz eins: Auch wenn es nur ein Strohfeuer war, als Toni Kroos im zweiten Gruppenspiel gegen Schweden in der 95. Minute zum 2:1 traf, der deutsche WM-Traum kurz aufflammte, war das wahnsinnig emotional, einfach bewegend, mein schönster WM-Augenblick.

Mehr bleibt nicht zu sagen. Alles Gute – Vsego khoroshego.

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Alexander Heflik hat nach Alex, Ali, Hedwig, Kefir, Atta und Dicker nun noch Saschka als Spitznamen. Foto: gap

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