Wirtschaft
Wall Street: Riskante Wetten mit dem Tod

Montag, 14.09.2009, 19:09 Uhr

New York - Ein Jahr nach der Pleite von Lehman Brothers und dem Höhepunkt der Finanzkrise : Der Katzenjammer an der Wall Street ist noch immer nicht ganz überwunden, da sehen führende Banken - unter anderem Credit Suisse und Goldman Sachs - bereits die nächste Marktnische, in der sich wieder gewinnträchtig Anleihen an Investoren verkaufen lassen. Während bekanntlich das Experiment mit den auf "Subprime"-Hypotheken - also Hauskrediten an finanzschwache Eigenheimkäufer - basierenden Bonds im Milliarden-Fiasko endete, arbeiten Finanzinstitute nun an einem Projekt, das Eingeweihte sarkastisch als "Killer-Idee" bezeichnen.

Der Plan der Banken ist simpel: Senioren und schwerkranken Menschen Lebensversicherungen gegen Bargeld abkaufen - und je nach Lebenserwartung beispielsweise 500 000 Dollar für eine Police anbieten, die im Todesfall eine Million Dollar auszahlt. Diese Policen sollen dann hundertfach "gebündelt" werden und an Anleger und Pensionsfonds weiterverkauft werden. Der Gewinn ist für diese immer dann besonders hoch, wenn der Versicherte frühzeitig stirbt. Doch es drohen den Investoren auch Verluste - wenn nämlich der Policenhalter länger lebt als ursprünglich berechnet.

Die Wall Street-Banken würden jedoch in jedem Fall profitieren, sagen Insider: Sie verdienen vor allem an hohen Gebühren sowie der Differenz zwischen dem Ankauf und Verkauf der Versicherungspolicen. Allerdings müssen auch, sobald eine Lebensversicherung einem Senioren oder Kranken abgekauft wurde, die monatlichen Prämien vom neuen Besitzer weiterbezahlt werden - was dann zu einem finanziellen Vabanquespiel werden kann, wenn die Risikoexperten der Banken das Todesdatum der Versicherten falsch einschätzen.

Ein ähnlicher Effekt ergab sich in den letzten Jahren bei den riskanten Hypothekendarlehen, als Investoren an stetig steigende Immobilienpreise glaubten. Doch der Markt kollabierte landesweit.

Die Idee, verzweifelten Todkranken Bargeld für eine Versicherungspolice anzubieten, damit diese sich noch einige schöne Wochen oder Monate machen können oder Geld für eine experimentelle Behandlung haben, gab es bereits zum Höhepunkt der AIDS-Epidemie. Doch neue Therapien haben diese umstrittene Investment-Form immer weniger profitabel werden lassen.

Ähnliches könnte für die nun beabsichtigte Vermarktung von Anleihen gelten, die sich auf Versicherungsverträge stützen - wenn beispielsweise ein Durchbruch bei der Bekämpfung von Tumorerkrankungen erreicht würde. Rating-Agenturen wie das in New York und Chicago tätige Unternehmen DBRS bestätigten jetzt, dass mindestens neun Kunden - darunter namhafte Banken - bereits gebündelte Lebensversicherungs-Pakete zur Bewertung vorgelegt haben und eine Vermarktung offenbar kurz bevorsteht.

"So etwas als Investment zu verkaufen, widerspricht allem, was eine solche Versicherung sein soll," kritisiert das "Insurance Information Institut" der USA die Überlegungen der Finanzinstitute, die auf einen extrem lukrativen Markt abzielen: Der Gesamtwert aller Lebensversicherungspolicen in den USA beträgt rund 26 Billionen Dollar. Doch eine rechtliche Handhabe gegen diese "Todes-Wetten" gibt es bisher nicht: Übertragungen von Policen sind in fast allen US-Bundesstaaten legal und kaum Beschränkungen unterworfen.

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