Lehman-Insolvenz jährt sich zum fünften Mal
Die dunkle Seite der Finanzmärkte

Münster -

Der Schock sitzt immer noch tief. Vor fünf Jahren hat der Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers eine globale Finanzkrise ungeahnten Ausmaßes ausgelöst. Die Nachwehen sind weiter zu spüren, vor allem in der Euro-Krise, die auch in den Milliarden-Rettungspaketen für marode Banken ihre Ursache hat. Doch nicht nur die weltweiten Börsen wurden zeitweise ins Mark getroffen – viele haben den Glauben an die Wohlstand bringende Kraft der freien Märkte verloren.

Montag, 09.09.2013, 15:09 Uhr

Mit massiven Protesten haben sich die von der Lehman-Pleite direkt Betroffenen auch in Deutschland zur Wehr gesetzt.
Mit massiven Protesten haben sich die von der Lehman-Pleite direkt Betroffenen auch in Deutschland zur Wehr gesetzt. Foto: dpa
Der 15. September 2008

Der 15. September 2008 markiert eine Zeitenwende: Lehman Brothers kündigte einen Insolvenzantrag an, der Konkurrent Merrill Lynch die Übernahme durch die Bank of America.
Vorangegangen war ein dramatisches Wochenende, an dem rund um die Uhr um die Rettung von Lehman Brothers gerungen wurde. Die US-Regierung machte schnell klar, dass sie eine Lösung durch die Finanzbranche selbst sehen wollte, favorisiert wurde eine Übernahme von Lehman durch die Bank of America. Die Lage der 1850 von deutschen Auswanderern gegründeten Investmentbank war jedoch durch die Kreditwetten mit sogenannten Credit Default Swaps (CDS) so schlecht, dass die Kaufinteressenten massive staatliche Garantien verlangten.
In dieser Situation nutzte der Chef des Konkurrenten Merrill Lynch, John Thain, seine Chance: Am Rande der Rettungsversuche für Lehman suchte er das Gespräch mit der Bank of America, das schnell in einen Vertrag mündete. Das Ende von Lehman Brothers war damit endgültig besiegelt.
Lehmans Problem waren insbesondere die hohen Bestände an faulen Krediten und Wertpapieren. Die Investmentbank bekam am Kreditmarkt kein Geld, weil der Markt die Pleite befürchtete. Ein abgestürzter Aktienkurs und die Absenkung der Bonität machten die Aufnahme von frischem Geld noch teurer. (-jst-)

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Der psychologische Schock der Lehman-Pleite am 15. September 2008 brachte die Wirtschaft rund um den Globus ins Schlingern. Allein in Deutschland brach das Bruttoinlandsprodukt 2009 um fünf Prozent ein. Der Leh­man-Zusammenbruch und die damit offen zu Tage tretenden Machenschaften mancher Finanzhaie scheinen Mahatma Gandhi Recht zu geben. „Kapital als solches ist nicht böse; es ist sein falscher Gebrauch, der böse ist“, wusste der indische Pazifist schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu urteilen.

Denn nicht nur die gefährlichen Kreditderivate CDS (Credit Default Swaps), die einer Kreditversicherung ähneln und die US-Immobilienkrise 2008 auslösten, sind in Verruf geraten. Schattenbanken und Offshore-Finanzplätze von den Caymans bis zu den Kanal-Inseln bieten den Finanz­akrobaten nach wie vor Schutz.

Der Versuch, die globalen Märkte an die Leine zu legen, ist nur halbherzig angegangen worden. Die Bemühungen von G20-Staaten und EU-Ländern, strenge Regeln zu implementieren, scheiterte vor allem am Widerstand aus den USA und Großbritannien . Die bedeutendsten Finanzplätze der Welt – New York und London – wollen ihre Wirtschaftskraft nicht schmälern lassen – ohne Rücksicht auf die Risiken für das Wohl der ganzen Welt. Großbritannien hatte in den 1950er Jahren die Keimzelle für die problematischen Offshore-Finanzmärkte gelegt, indem sich das Land bewusst gegen eine Regulierung der damals entstehenden extraterritorialen Dollar-Märkte in der City of London – „Euromarkets“ genannt – entschieden hat.

Dennoch waren die führenden Wirtschaftsnationen der Welt, G20 , nicht gänzlich untätig. Der Deregulierungswahn, der bis 2007 an den globalen Finanzmärkten vorherrschte, wurde gestoppt. Einzelne Finanzjongleure sollen für risikoreiches Verhalten bestraft werden. Die Europäische Union wurde konkreter und hat die Boni für Manager begrenzt. Um die Steuerzahler zu schonen, wurden die Banken mit neuen Haftungsregeln stärker in die Pflicht genommen. Kurzfristig wurden die Folgen der Finanzkrise weltweit durch Konjunkturprogramme gemildert, in die insgesamt 2,5 Billionen Dollar flossen.

Mark Twains Bonmot aus dem 19. Jahrhundert ist auch heute nach wie vor bittere Realität: „Von jetzt an werde ich nur so viel ausgeben, wie ich einnehme – und wenn ich mir Geld dafür borgen muss.“ Bis ins laufende Jahr 2013 waren immer wieder Appelle gegen die Gier zu hören: So mahnte etwa jüngst Bundespräsident Joachim Gauck, unausgewogenes, verantwortungsloses Handeln und maßloses Wirtschaften auf Pump hätten zu großen Verwerfungen geführt, die bislang noch nicht ausreichend korrigiert worden seien.

Dabei geht es den meisten Befürwortern einer verschärften Regulierung nicht um die rigorose Bekämpfung des freien Marktes. Auch Wissenschaftlern wird immer klarer, dass ein Kapitalismus mit sozialem Gesicht nach europäischer Prägung langfristig nur bestehen kann, wenn die Macht der Finanzmärkte eingedämmt wird. So warnt etwa der Bremer Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel regelmäßig: „Spekulanten zwingen der Politik immer wieder ihr Handeln auf.“ Der Markt sei nur zu retten, wenn die Regierungen konsequenter eingreifen.

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