Ein Blick in das Amazon-Versandzentrum in Werne
Die Versand-Maschine

Werne -

Die Schicht beginnt bei Amazon in großer Runde. „Denkt an die Fahrgemeinschaften“, sagt der Teamleiter. Dann gibt es Tipps für die kommenden acht Stunden in orangefarbener Warnweste zwischen Kisten, Rollwagen, Gabelstaplern und Fließbändern.

Samstag, 06.12.2014, 11:12 Uhr

Versandhalle in Werne: Der Computer lenkt, die Artikel werden von Mitarbeitern eingesammelt. 2013 haben die Deutschen am Spitzentag 4,6 Millionen Artikel bei Amazon bestellt.
Versandhalle in Werne: Der Computer lenkt, die Artikel werden von Mitarbeitern eingesammelt. 2013 haben die Deutschen am Spitzentag 4,6 Millionen Artikel bei Amazon bestellt. Foto: dpa/Amazon

& nbsp ;„Wenn ihr schwere Dinge hebt, macht einen Schritt zur Seite und dreht nicht nur den Oberkörper“, mahnt der Vorarbeiter. Sollten sich alle Zuhörer daran halten, wird der Zähler an der Hallenwand am nächsten Morgen weitergedreht. Auf der Tafel sind die unfallfreien Tage im Amazon-Versandzentrum in Werne vermerkt. Bleibt das Team ohne Zwischenfall, gibt es am Monatsende einen Lohnaufschlag von zwei Prozent.

Ausgerechnet der Lohn bereitet Amazon seit Jahren immer wieder Bauchschmerzen – wobei die Bezahlung streng genommen eher der Gewerkschaft querliegt. Seitdem Verdi öffentlich gegen die Tarifgestaltung in den neun deutschen Amazon-Lagern zu Felde zieht, hat der Internet-Versender bei den Verbrauchern Sympathiepunkte eingebüßt. Berichte über unzumutbare Arbeitsbedingungen der Stower, Picker und Packer – jener Mitarbeiter, die Waren in die Regale räumen, wieder hinausnehmen und in Pakete verpacken, tun ihr Übriges.

Die Verdi-Streiks kann Amazon augenscheinlich wegstecken. Dem Risiko, dass die Deutschen das schlechte Gewissen quält und am Ende die Umsätze im Weihnachtsgeschäft ausbleiben, will sich der US-Konzern dann doch lieber nicht aussetzen. „Sie dürfen mit allen Mitarbeitern reden“, heißt es vor dem Rundgang durch das 130 000 Quadratmeter große Versandzentrum. Allerdings möchte ein Vorgesetzter gerne zuhören. „Damit es keine Missverständnisse gibt.“

Dabei muss Amazon offenbar keine Angst vor den eigenen Angestellten haben. Selbst wenn der Chef nicht danebensteht, mögen nur wenige über die Bezahlung maulen. Viele waren vorher arbeitslos. „Mit Zuschlägen komme ich auf 12,50 Euro in der Stunde“, sagt Vitali. Bis es so weit ist, muss ein Amazon-Mitarbeiter allerdings ein Jahr lang für 10,31 Euro brutto in der Stunde Pakete packen. Im zweiten Jahr steigt der Stundenlohn auf 11,73 Euro. 80 Nationen seien in Werne vertreten, berichtet der US-Konzern. Das Gros der Beschäftigten zählt zu den Geringqualifizierten. 1000 Menschen haben hier Arbeit gefunden.

Früher dienten die beiden Hallen als Ikea-Zentrallager. Seit 2010 verschickt Amazon von hier aus Artikel in die Republik. Wer im Internet ein Großgerät ordert – etwa einen Kühlschrank oder einen DVD-Spieler – der bekommt seine Sendung aus der ehemaligen Bergbaustadt am Rande des Ruhrgebiets.

Die Einarbeitungszeit ist überschaubar. Im Wesentlichen geht es darum, Waren auf einer Fläche so groß wie 19 Fußballfelder zu verteilen und mit Handkarren wieder einzusammeln. Der Computer hilft, das Ganze möglichst schnell und effizient abzuwickeln. Im Schnitt legt ein Mitarbeiter am Tag 13 Kilometer zurück, sagt Amazon. Berichte, dass es auch 25 oder 30 Kilometer sein können, weisen die Amerikaner von sich. Der Besucher merkt schnell: Die Abläufe haben wenig mit Handel zu tun, hier läuft eine gigantische Logistik- und Verpackungsmaschinerie, die beim Bestellknopf beginnt und beim Paketdienst endet. Alte Mitarbeiter sind rar, in der Hallenmitte sind zwei ältere Damen dafür zuständig, Bestellungen in Geschenkpapier einzuwickeln. Und doch schwebt das Damokles-Schwert Arbeitslosigkeit im Raum. Der Mietvertrag in Werne läuft 2016 aus. Ob es danach weitergeht, sagt Amazon nicht. Weil der Konzern trotzdem neue Ausbildungsverträge schließt, hagelt es wiederum Kritik von der Gewerkschaft.

Dass die Amazon-Karawane weiterzieht, ist nicht ausgeschlossen. Der US-Konzern siedelt seine Logistikzentren in strukturschwachen Gegenden nahe der Autobahn an. An Arbeitskräften mangelt es dort selten. In der Weihnachtszeit stockt Amazon die Belegschaft um 800 Saisonkräfte auf. Dann werden die Parkplätze knapp. Zeit für Fahrgemeinschaften.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/2925925?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F197%2F200%2F2533739%2F4840558%2F
Ende der Schlupfloch-Zeit für fünffache Gelbsünder in Sicht
Das Provozieren einer fünften Gelben Karte sollte möglichst bald aufhören.
Nachrichten-Ticker