Besuch vor Ort
Textilindustrie in Bangladesch: Den Shirts auf der Spur

Dhaka -

Es gab ein Bangladesch vor Rana Plaza – und es gibt ein Bangladesch nach Rana Plaza. Als das Gebäude in der Hauptstadt Dhaka am 24. ­April 2013 zusammenbrach, wurden mindestens 1127 Textilarbeiter getötet und rund 2500 verletzt. Sie waren von ihren Bossen an die Arbeit gezwungen worden, obwohl die Polizei den maroden Bau wegen Einsturzgefahr gesperrt hatte. Das Unglück lenkte den Blick der Welt auf die Arbeitsbedingungen in einem der ärmsten Länder überhaupt. Mit welchem Erfolg? Ein Besuch vor Ort.

Mittwoch, 22.06.2016, 15:40 Uhr

Eine Vorzeige-Fabrik: Im Werk der Firma Epyllion außerhalb von Dhaka in Bangladesch scheinen die Arbeitsbedingungen vorbildlich zu sein. Doch das ist nicht überall in dem Land so: Nach wie vor haben Gewerkschaften einen schweren Stand, und viele Menschen arbeiten unter menschenunwürdigen Bedingungen.
Eine Vorzeige-Fabrik: Im Werk der Firma Epyllion außerhalb von Dhaka in Bangladesch scheinen die Arbeitsbedingungen vorbildlich zu sein. Doch das ist nicht überall in dem Land so: Nach wie vor haben Gewerkschaften einen schweren Stand, und viele Menschen arbeiten unter menschenunwürdigen Bedingungen. Foto: Gunnar A. Pier

Die Landstraße von Dhaka nach Mymensingh führt vorbei an riesigen Gebäuden: Textilfabriken, die außerhalb der Metropole wie Pilze aus dem Boden schießen. Nach 35 Kilometern ist der Ort Rajendrapur erreicht. An der mons­trösen Tafel mit Firmennamen geht es links ab über eine huckelige Sandpiste zur Textilfabrik der Firma Epyllion. 5000 Menschen arbeiten hier und produzieren 1,2 Millionen Kleidungsstücke – jeden Monat.

Im hellen Foyer präsentiert die Firma demonstrativ Namen großer Marken, die zu den Kunden gehören, darunter C&A , Next und Walt Disney. Stolz beschreibt Manager Javed Ahmed das Engagement seiner Company: Umweltschutzprojekte, Mitarbeiter-Fortbildungen, Sicherheits-Schulungen, den angeschlossenen Kindergarten, die Krankenstation, die Krankenversicherung. Alles kostenlos. „Wir arbeiten für die Menschen, nicht fürs Geld“, sagt er pathetisch.

Besuch in einer Textilfabrik in Bangladesch

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  • Etwa 5000 Menschen arbeiten in der Fabrik der Firma Epyllion nahe Dhaka, Bangladesch.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Firmenschilder am Rande der Landstraße weisen den Weg.

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  • Hier nicht erwünscht: Kinderarbeit.

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  • Etwa 5000 Menschen arbeiten in der Fabrik der Firma Epyllion nahe Dhaka, Bangladesch.

    Foto: Gunnar A. Pier
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  • Etwa 5000 Menschen arbeiten in der Fabrik der Firma Epyllion nahe Dhaka, Bangladesch.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Etwa 5000 Menschen arbeiten in der Fabrik der Firma Epyllion nahe Dhaka, Bangladesch.

    Foto: Gunnar A. Pier
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  • Etwa 5000 Menschen arbeiten in der Fabrik der Firma Epyllion nahe Dhaka, Bangladesch.

    Foto: Gunnar A. Pier
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In den Produktionshallen ist es hell, nicht allzu laut, die Mitarbeiter tragen Mundschutz. Ein Vorzeigebetrieb, der sich an diesem Tag den Journalisten aus Deutschland öffnet. Sieht so das neue Bangladesch aus?

Probleme gerieten schnell in Vergessenheit

Als am 24. April 2013 mindestens 1127 Menschen beim Einsturz des Gebäudes Rana Plaza, in dem viele Textilfabriken unter einem Dach arbeiteten, starben, blickte die Welt für ein paar Tage rüber in das kleine Land. Nach allgemeiner Aufregung über die Ausbeutung ist das Thema weltweit wieder aus dem Blick geraten.

Vor Ort aber hat sich viel getan. Die Löhne wurden auf 80 Dollar pro Monat verdoppelt, Arbeitnehmerrechte verstärkt, staatliche Kontrollen etabliert. Das führt zu schmucken Fabriken wie der von Epyllion in Rajendrapur.

Besuch in einer Textilfabrik in Bangladesch

„Die Arbeitsgerichte funktionieren nicht“

Also alles geregelt am Ganges-Delta? Anu Muhammad zeichnet da ein ganz anderes Bild. „Keiner schaut nach dem Wohl der Arbeiter!“, schimpft der Wirtschaftsprofessor an der Jahangirnagar-Universität in Dhaka. So seien nur sieben Prozent der Arbeiter in Gewerkschaften organisiert. „Wer einen Betriebsrat gründen will, kann seinen Job verlieren – oder er wird verprügelt oder ermordet.“ Selbst die Polizei sei an solchen Aktionen beteiligt. „Die Arbeitsgerichte funktionieren nicht.“ Und der Mindestlohn? Schön auf dem Papier – „doch es ist nicht sicher, dass er auch gezahlt wird.“

Nach außen hingegen poliert Bangladesch gerne sein Image. Zu wichtig ist die Textilindustrie, zu groß die Angst vor einem zweiten Rana Plaza. Noch so eine Katastrophe könnte dazu führen, dass Textilien aus dem Land in Verruf geraten und der Wirtschaftszweig leidet.

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Foto: Gunnar A. Pier

Regierung schickt Inspekteure in die Fabriken

Deshalb gibt es Menschen wie Syed Ahmed. „Inspector General“ seht auf seiner Visitenkarte, er ist so etwas wie der oberste Fabriken-Kon­trolleur im Arbeitsministerium und steht für die Veränderungen, die der Staat nach dem Rana-Plaza-Unglück angestoßen hat.

Kern seiner Arbeit: Mehr als 200 Inspekteure kontrollieren heute die Fabriken im Land. Sie überprüfen die Statik der Gebäude, schauen nach Fluchtwegen und der Elektrik. „Es gibt deutliche Verbesserungen seit Rana Plaza“, sagt Syed Ahmed. Selbst bei den Fabrikbesitzern gebe es ein Umdenken – und sei es aus Angst vor Sanktionen oder einbrechender Verkäufe. „73 Fabriken haben wir ganz oder teilweise geschlossen“, rechnet er vor und sagt entschlossen: „Wir machen da keine Kompromisse“.

Mehr zum Thema

Sehnsucht nach der Heimat: Sima Begum arbeitet als Näherin in Dhaka. Porträt: hier.

5000 Fabriken, vier Millionen Arbeiter: Textilproduzent Bangladesch. Hintergrund: hier.

Engagement für bessere Arbeitsbedingungen: Das Engagement der UN in Bangladesch. Hintergrund: hier.

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Regeln lassen sich leicht unterlaufen

Man möchte es so gerne glauben. Fortschritte sind offensichtlich – doch viele Regeln lassen sich unterlaufen. Ein Riesenthema sind die Subunternehmer: kleine Firmen, die den Branchenriesen zuarbeiten. Sie werden kaum erfasst, kaum kontrolliert. „Niemand weiß, wie viele Menschen da arbeiten“, erklärt Abdullah Al Muyid von der UN-Arbeitsschutzorganisation ILO. Wer also die aufwendigen Sicherheitsvorschriften unterlaufen will, baut auf Subunternehmer statt eine eigene große Fabrik. So einfach kann das sein.

Dabei taugen diese Subunternehmer, die sich gerne in Bruchbuden wie Rana Plaza einmieten, nicht als Feindbild. Statt ausbeuterischer Kapitalisten stecken oft selbst arme Slum-Bewohner dahinter, die irgendwie zu genügend Geld für ein paar alte Nähmaschinen gekommen sind und nun Frau, Sohn und den Nachbarn Jobs anbieten können.

Typisch Bangladesch: Fahrrad-Rikschas prägen das Straßenbild, der Verkehr gleicht einem großen Chaos.

Typisch Bangladesch: Fahrrad-Rikschas prägen das Straßenbild, der Verkehr gleicht einem großen Chaos. Foto: Gunnar A. Pier

Neue Fabriken nur noch außerhalb der City

Immerhin: Die Mini-Fa­briken kommen heute in modernen, eigens gebauten Häusern wie jenen am Highway Richtung Mymensingh unter. Bisher arbeiteten sie in Wohnblocks, aus denen sie die mitunter tragende Wände rausgerissen hatten, um Websäle zu bekommen.

Wie sollen sich nun deutsche Kunden verhalten – auf Textilien aus Bangladesch verzichten? Das wäre eine fatale Konsequenz. „Für die Bosse wäre das nur eine Entschuldigung, noch mehr zu sparen“, warnt Wirtschaftsprofessor Anu Muhammad. Und es geht immerhin um vier Millionen Arbeiter. „Besser wäre ein Mindestpreis, der pro Kleidungsstück gezahlt werden muss.“ Die Menschen in Bangladesch leben von der Textilindustrie. Jetzt brauchen sie menschenwürdige Bedingungen.

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