Interview mit Ranga Yogeshwar: Tüfteln statt Büffeln
Ideen-Expo in Hannover beginnt

Münster -

Regenbögen, technische Geräte oder Computer begeistern Kinder. Doch dieselben Kinder und Jugendlichen stöhnen, wenn Mathematik, Informatik oder Naturwissenschaften (MINT-Fächer) auf dem Stundenplan stehen. Das hat Folgen: Nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln) gab es im April eine MINT-Lücke von 237.500 Personen auf dem Arbeitsmarkt.

Sonntag, 11.06.2017, 21:14 Uhr

Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar möchte das Interesse gerade von Kindern an Naturwissenschaften und Technik wecken. Er moderiert bei der Ideen-Expo in Hannover.
Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar möchte das Interesse gerade von Kindern an Naturwissenschaften und Technik wecken. Er moderiert bei der Ideen-Expo in Hannover.

Über Wissenschaften, den Schulunterricht und die heute beginnende Ideen-Expo, Deutschlands größtes Jugend-Event für Naturwissenschaften und Technik, hat unser Redaktionsmitglied Martin Ellerich mit dem Wissenschaftsjournalisten und Moderator Ranga Yogesh­war („Quarks & Co.“) gesprochen. Er steht ab heute wieder auf der Bühne der Ideen-Expo in Hannover.

Seit Jahren wird von der Förderung der MINT-Berufe geredet – und trotzdem haben wir eine riesige Fachkräfte-Lücke in naturwissenschaftlich-technischen Berufen. Was machen wir falsch?

Ranga Yogeshwar: Das ist ein breiter Katalog: Es fängt an bei einer adäquaten Behandlung in der Schule. Bei der Didaktik dieser oft sperrigen Fächer haben wir viel zu wenig unternommen. In Zeiten, in denen junge Leute mit Begeisterung an Drei-D-Druckern arbeiten, könnte man am Beispiel dieser Drucker jede Menge Wissenschaft erklären. Stattdessen halten wir zu stark an überholten Lehrbüchern und Unterrichtsinhalten fest.

Das Smartphone ist für viele Jugendliche fast ein Körperteil. Berührungsängste mit MINT-Fächern dürfte es da doch nicht geben?

Yogeshwar: Das eine ist der Konsum von Technik, das andere die Gestaltung mit Hilfe der Technik. Das sind zwei Paar Schuhe. Vielleicht müllen wir die jungen Menschen mit zu viel Konsum von Technik zu und geben ihnen zu wenige Anreize zum Gestalten von Technik. Da ist die Ideen-Expo, die jetzt in Hannover beginnt, ein tolles Vorbild. Da gibt es viele Zonen, wo junge Leute selber etwas machen können. Und nicht die Manager, sondern die Auszubildenden der Unternehmen treten mit den jungen Leuten in den Dialog. Wir hatten bei der letzten Ideen-Expo über 300 000 junge Menschen. Ein tolles, auch emotionales Erlebnis! Ich habe immer das Bild von dem Mädchen vor Augen, das zum ersten Mal mit einem Lötkolben eine elektrische Schaltung gebaut hat. Dieser Stolz in ihren Augen... Solche Erfahrungen verändern die Perspektive.

Lernen beim Selbermachen ist die beste Methode?

Yogeshwar: Ja, Begreifen beim Anfassen. Den Spaß dabei haben. Wir müssen die Naturwissenschaften aus der klassischen Leistungsorientierung herausnehmen und eine Lernorientierung daraus machen. Das Schielen auf Noten führt nur dazu, dass Kinder und junge Leute büffeln, um die Inhalte in einer Klausur abzuspulen, um sie anschließend zu vergessen. Lernorientierung zielt hingegen auf wirkliches Verständnis, darauf, die Welt mit dem Erlernten besser zu verstehen. Später zum Beginn des Studiums durchlaufen die Studienanfänger einen absurden Aussiebprozess, der bei vielen Wunden hinterlässt und die Begeisterung für das Fach auffrisst. Das ist völlig falsch. Und: Oft brauchen sie das, was in diesen ersten Klausuren abgefragt wird, nie wieder.

Haben wir den falschen Blick auf die Naturwissenschaften?

Yogeshwar: Wir leben in einer Gesellschaft, die Naturwissenschaften immer noch reserviert gegenübersteht. In einer Talk-Show ist es kein Problem zu sagen: „Ach, Mathe habe ich früh abgewählt.“ Aber sagen Sie da mal: „Goethe, wer ist das?“

Wie erleben Sie es, wenn heute der Wissenschaft „alternative Fakten“ entgegengestellt werden. Wie erleben Sie diesen Zweifel an der Wissenschaft?

Yogeshwar: Wir erleben da eine tiefe Vertrauenskrise. Viele naturwissenschaftliche Prozesse sind so kompliziert, dass der Laie sie nicht im Detail nachvollziehen kann. Der Laie ist darauf angewiesen, letztlich dem Fachmann zu glauben. Und wenn dann Fachleute pfuschen – Beispiel Dieselskandal – hat das einen immensen Kollateralschaden: Es zerstört die Basis der Glaubwürdigkeit. Fakten werden angezweifelt ...

Die USA steigen aus dem Weltklimavertrag aus. Auch in Deutschland zweifeln viele Menschen daran, dass der Klimawandel vom Menschen verursacht ist. Was sagen Sie dazu?

Yogeshwar: Die Zeitschrift Science hat im Jahr 2008 fast 1000 wissenschaftliche Pu­blikationen ausgewertet. Klare Aussage: De facto gibt es in der Wissenschaftswelt keinen Zweifel am menschengemachten Klimawandel mehr. Eine Wissenschaftlerin aus Harvard, Naomi Oreskes, hat sich das näher angesehen und belegt in ihrem Buch „Merchants of Doubt“ („Die Machiavellis der Wissenschaft“), wie eine Handvoll von Lobbyisten Thinktanks ins Leben rufen und systematisch Zweifel säen. Das Absurde, das Frau Oreskes nachweisen konnte: Es sind in den USA zum Teil dieselben Personen involviert, die in früheren Zeiten für die Tabaklobby die gesundheitsschädlichen Einflüsse negiert haben: Das ist eine Art Industrie der Desinformation, die Zweifel sät.

Dabei ist Zweifel eigentlich der Anfang aller Wissenschaft ...

Yogeshwar: Die Wissenschaft ist eine institutionalisierte Welt des Zweifelns: Alles was behauptet wird, muss auch von anderen verifiziert und reproduziert werden können. Natürlich gibt es auch in der Wissenschaft Menschen, die pfuschen. Die haben aber auf Dauer schlechte Karten, weil dieses Kontrollsystem sehr gut funktioniert.

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