Zukunftsfähigkeit von Unternehmen
Wie digital ist der Mittelstand?

Münster -

Hinkt das Münsterland bei der Digitalisierung hinterher? Fachleute bewerten den Investitionsbedarf ziemlich unterschiedlich. Ist das Glas nun halb voll? Oder doch halb leer?

Freitag, 14.09.2018, 10:30 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 14.09.2018, 10:30 Uhr
Die Digitalisierung ist im Mittelstand – traditionell die Herzkammer der Wirtschaft – angekommen. Studienautoren bewerten den Investitionsbedarf unterschiedlich.
Die Digitalisierung ist im Mittelstand – traditionell die Herzkammer der Wirtschaft – angekommen. Studienautoren bewerten den Investitionsbedarf unterschiedlich. Foto: imago

Laut einer Auswertung der Hypo-Vereinsbank ( HVB ) stehen die kleinen und mittelständischen Unternehmen aktuell vor großen Herausforderungen, um ihre Geschäftsprozesse an das digitale Zeitalter anzupassen. „Im Schnitt hat im Jahr 2016 nur jeder fünfte Mittelständler im Wirtschaftsraum Münster in die Digitalisierung investiert“, berichtete Jörg Kube, Leiter der HVB-Niederlassung Westfalen, am Donnerstag in Münster. In der Region – in diesem Fall gleichbedeutend mit dem IHK-Bezirk – seien im Jahr 2016 nur rund 338 Millionen €  in die Digitalisierung geflossen. Umgerechnet auf die 90.000 Mittelständler in der Region sind das gerade einmal 18.000 €  pro Unternehmen. Zum Vergleich: In Bauten und Anlagen haben die Mittelständler im IHK-Bezirk laut HVB im selben Zeitraum rund 4,1 Milliarden €  investiert.

Die Digitalisierung mittelständischer Unternehmen ist ein zentraler Baustein der bundesdeutschen Wirtschaft. Kleine und mittelständische Unternehmen tragen traditionell den größten Anteil am Bruttoinlandsprodukt. Sie erwirtschaften mehr als jeden zweiten Euro.

Unterschiedliche Einschätzungen

Anders als die Banker stellt das Bundeswirtschaftsministerium dem Mittelstand ein zufrieden stellendes Zeugnis aus. Dem Monitoring-Report „Wirtschaft Digital 2018“ zufolge liegt der Digitalisierungsgrad mittelständischer Unternehmen aktuell bei 50 von 100 möglichen Punkten. Zum Vergleich: Für die gesamte deutsche Wirtschaft liegt der Index bei 54 Punkten.

Die Bedeutung der Digitalisierung wird laut Ministerium zudem unterschiedlich eingeschätzt. Während fast 60 Prozent der Großunternehmen überzeugt sind, dass die Digitalisierung einen sehr großen Einfluss auf ihr Unternehmen hat, sind im Mittelstand nur 42 Prozent dieser Meinung.

Massenhaft Angriffe

Sabotage, Datendiebstahl oder Spionage – für Industrieunternehmen in Deutschland sind diese Bedrohungen laut einer Studie des Digitalverbands Bitkom alltägliche Realität. „Beachtliche 68 Prozent“ der Unternehmen hätten bestätigt, dass sie innerhalb der vergangenen zwei Jahre einen entsprechenden digitalen Angriff registriert hätten, sagte Bitkom-Präsident Achim Berg am Donnerstag in Berlin. Im Mittelstand sei der Anteil noch höher. Bei fast der Hälfte der Unternehmen (47 Prozent) wurde dabei ein Schaden verursacht. Der Verband errechnete einen Gesamtschaden von über 43 Milliarden €  für diesen Zeitraum. „Die deutsche Industrie ist mit ihren tausend ,Hidden Champions‘ natürlich sehr attraktiv für Kriminelle“, sagte Berg. Befragt wurden für die repräsentativen Ergebnisse 503 Geschäftsführer und Sicherheitsverantwortliche.

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Banken hoffen auf Digitalisierungswelle

Ähnlich wie die Hypo-Vereinsbank, die zur italienischen Großbank Unicredit gehört, werben derweil auch die Sparkassen in Westfalen-Lippe für Investitionen des Mittelstands in die Digitalisierung. Die Sparkassen stützen sich dabei auf eine Studie der Bielefelder Fachhochschule des Mittelstands, die im vergangenen Monat von NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart vorgestellt wurde. Demnach erreichen die Mittelständler in Nordrhein-Westfalen bei der Digitalisierung nur 4,1 von zehn möglichen Punkten. Sparkassen-Präsidentin Liane Buchholz schätzt den Investitionsbedarf allein in Westfalen-Lippe auf rund drei Milliarden €  jährlich.

Daran würde auch die HVB gerne partizipieren. „Aktuell ziehen die Mittelständler für die Digitalisierung überwiegend laufende Einnahmen und Rücklagen heran“, sagt HVB-Niederlassungschef Kube. „Bankkredite spielen mit einem Anteil von vier Prozent nur eine untergeordnete Rolle.“ Die HVB, die im Münsterland künftig gerne eine größere Rolle spielen würde, hofft, dass sich die nächste Digitalisierungswelle auch für sie auszahlen wird. „Um im digitalen Wettbewerb bestehen zu können, sind zunehmend Fremdfinanzierungen, also Bank- und Förderkredite, notwendig“, hofft Kube.

Tom Malessa vom Digital Hub Münsterland (l.) – hier mit NRW-Wirtschaftsminister Pinkwart – arbeitet künftig in Kiel.

Tom Malessa vom Digital Hub Münsterland (l.) – hier mit NRW-Wirtschaftsminister Pinkwart – arbeitet künftig in Kiel. Foto: Karin Völker

Digital Hub Münsterland: Neuer Vorstand

Malessa (53), zuvor 17 Jahre bei der D.velop AG in Gescher tätig, zieht es zurück nach Kiel. Er geht, wie er gegenüber dieser Zeitung erklärte, zur Gesellschaft für Wirtschaftsförderung und Technologietransfer Schleswig-Holstein (WTSH). In der zentralen Einrichtung des Landes, der Kammern und der Hochschulen in Schleswig-Holstein wird er künftig das Cluster Digitale Wirtschaft leiten.Um die Zukunft des Digital Hubs im Münsterland, der im nächsten Jahr noch weitere Büroflächen an Münsters Hafen beziehen und dann auf 1100 Quadratmetern arbeiten wird, macht Malessa sich wenig Sorgen: „Aus der Wirtschaft – für die Wirtschaft. Mit diesem Ansatz haben wir bei der Gründung genau richtig gelegen.“ Dem Verein gehe es nach wie vor nicht allein um Start-ups, sondern im Wesentlichen auch darum, Unternehmen im Münsterland bei der digitalen Transformation zu unterstützen und zu begleiten. Zu den neuen Angeboten gehört ein „Digital Innovation Service“. Hier werden Digitalexperten mit kleinen und mittelständischen Unternehmen vernetzt. Die Ansätze, die man dort findet, sind ebenso spannend wie kreativ.Mitte Oktober bekommt der Hub auch seinen ersten „Satelliten“ auf dem D.velop-Campus in Gescher. Damit ist der Kreis Borken künftig noch besser an die Leistungen angebunden.Der Wechsel des Vorstands in den hohen Norden zwingt „Münsterland.digital“ zur personellen Weichenstellung. Wie bekannt wurde, wechselt Matthias Günnewig, zurzeit noch Aufsichtsratsvorsitzender des Vereins, am 1. November auf den Vorstandsposten. Er bleibt Geschäftsleiter bei der Technologieförderung Münster.Im Hub werden sich Jörn Berlin und Dr. Sebastian Köffer um die Bereiche Förderung und Finanzierung von Start-ups, digitale Projekte im Mittelstand, Kooperation zwischen Start-ups und Unternehmen kümmern. Unter der Geschäftsleitung von Konrad Schneidenbach erweitert das FabLab zudem sein technologisches Leistungsangebot.

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