Einweg oder Mehrweg
Öko-Streit um Getränkeverpackungen: Gute Flaschen, schlechte Flaschen

Berlin -

Etwas mehr als 40 Prozent der Getränke in Deutschland werden in Mehrwegflaschen verkauft - Tendenz sinkend. Umweltschützer ärgert das. Andere sagen: Mehrweg statt Einweg, der Umwelt zuliebe - das stimmt nicht mehr. Warum lässt sich der Streit nicht einfach klären?

Freitag, 12.10.2018, 19:32 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 12.10.2018, 19:26 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Freitag, 12.10.2018, 19:32 Uhr
Immer weniger Getränkeverpackungen sind echte Mehrwegflaschen. Viele Pfandflaschen werden nicht wiederbefüllt, sondern geschreddert und recycelt.
Immer weniger Getränkeverpackungen sind echte Mehrwegflaschen. Viele Pfandflaschen werden nicht wiederbefüllt, sondern geschreddert und recycelt. Foto: Uwe Zucchi/dpa

Ab dem kommenden Jahr werden Kunden im Supermarkt neue Schilder finden: „Einweg“ oder „Mehrweg“ muss künftig verpflichtend bei den Getränken stehen. Wer zu „Mehrweg“ greift – also zu tatsächlich wiederbefüllbaren, nicht nur recycelbaren Flaschen – der tut, was das Umweltbundesamt (UBA) und Umweltverbände empfehlen. Aber ist das überhaupt noch richtig?  Lieber öfter nutzen als nur einmal – wer bezweifelt diesen Grundsatz?

Ab dem kommenden Jahr werden Kunden im Supermarkt neue Schilder finden: „Einweg“ oder „Mehrweg“ muss künftig verpflichtend bei den Getränken stehen. 

Fürs Gewissen lieber Mehrweg - oder? - Öko-Streit um Flaschen

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  • Wer zu „Mehrweg“ greift und damit zu wiederbefüllbaren Flaschen, der tut, was das Umweltbundesamt und Umweltverbände empfehlen. Aber ist das überhaupt noch richtig?

    Foto: Sebastian Kahnert
  • Lieber öfter nutzen als nur einmal - wer bezweifelt diesen Grundsatz?

    Zweifel meldet der Bund Getränkeverpackungen der Zukunft an, hinter dem unter anderem die Discounter Aldi und Lidl, aber auch der Energy-Drink-Hersteller Red Bull stehen - also Firmen, die auf Einwegflaschen und -dosen setzen. Das Bündnis fordert eine neue Ökobilanz von Getränkeverpackungen, die nach strengen Kriterien die Vor- und Nachteile verschiedener Flaschen, Dosen, Beutel und Kartons für die Umwelt miteinander vergleicht.

    Foto: A3508 Rolf Vennenbernd
  • Wie argumentieren die Kritiker?

    Die Daten, auf denen die bisherigen Empfehlungen beruhten, seien zehn Jahre alt oder älter, sagt Benedikt Kauertz vom Institut für Energie- und Umweltforschung Ifeu. Es habe sich aber viel getan - bei Herstellung und Vertrieb, aber auch bei den Wegen, Auswirkungen auf die Umwelt zu berechnen. Dazu gehört etwa der Verbrauch von Wasser und anderen Rohstoffen, Fläche und Strom bei der Herstellung. Auch der Transportweg samt Treibhausgas-Ausstoß zählt zur gesamten Ökobilanz. Kauertz argumentiert, Einwegverpackungen für Getränke seien im Schnitt um 25 Prozent leichter geworden, die Wege kürzer.

    Foto: Ina Fassbender
  • Warum ist die Ökobilanz wichtig?

    Weil darauf Kaufempfehlungen von Umweltschützern beruhen, aber auch politische Regelungen. „Kaufen und benutzen Sie Mehrwegflaschen - am besten aus der Region“, heißt es beim Umweltbundesamt. Und: „Verzichten Sie auf Einwegflaschen und Dosen.“ Bisher sieht die Verpackungsverordnung etwa eine Mehrwegquote von 80 Prozent vor, allerdings ohne Sanktionen. 2019 tritt ein neues Verpackungsgesetz in Kraft, das eine Mehrwegquote von 70 Prozent festschreibt.

    Foto: Patrick Seeger
  • Einweg, Mehrweg - wie sieht es da in Deutschland überhaupt aus?

    Der Mehrweg-Anteil sinkt laut Umweltbundesamt seit Jahren und hat 2016 einen neuen Tiefstand von 42,8 Prozent erreicht. Der Anteil sogenannter ökologisch vorteilhafter Einweg-Getränkeverpackungen - also von Kartons und bestimmten Beuteln - lag bei 1,4 Prozent. Mehrweg-Glasflaschen hatten einen Marktanteil von 29,2 Prozent, während Einweg-Plastikflaschen mit 52,2 Prozent vorn lagen. Dosen hatten einen Anteil von 3,2 Prozent.

    Foto: Karl-Josef Hildenbrand
  • Vergrößern Einwegflaschen das Müllproblem in Deutschland?

    Wie man es nimmt. Wegen der Pfandpflicht landen Flaschen und Dosen vergleichsweise selten im Abfall oder in der Natur, sondern werden meistens zum Recycling zurückgebracht. Laut Bund Getränkeverpackungen der Zukunft werden 99 Prozent der Dosen und 97,9 Prozent der PET-Flaschen recycelt.

    Foto: Klaus Meyer
  • Klingt gut - warum empfehlen Umweltschützer trotzdem Mehrweg?

    Das UBA führt die Abfallhierarchie ins Feld, einen Grundsatz für Gesetze. Demnach ist es am besten, wenn Abfall gar nicht erst anfällt. Dahinter steht die mehrfache Verwendung, Recycling folgt auf Platz drei. „Abfälle zu vermeiden, ist oberste Priorität in der deutschen Abfallgesetzgebung. Dafür ist Mehrweg meist die beste Option. Wer vom Prinzip der Abfallvermeidung abweichen möchte, muss dafür schon sehr gute Gründe haben“, teilt die Behörde mit. So argumentiert auch die Deutsche Umwelthilfe (DUH), die immer wieder Mehrweg-Kampagnen macht. Sie fordert sogar eine Klimaschutzabgabe von 20 Cent auf Einweg-Getränkeverpackungen.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Was genau wollen die Einweg-Verteidiger?

    Sie wollen, dass die Ökobilanzen der Getränkeverpackungen auf Basis jüngster Daten neu verglichen werden - von einer neutralen Stelle, am besten im Auftrag der Politik. Kauertz vom Institut Ifeu sagt, für valide Vergleiche fehlten ihm die Zahlen. „Natürlich wird die Mehrweg-Seite kein großes Interesse an einer neuen Ökobilanz haben“, sagt dazu Wolfgang Burgard vom Bund Getränkeverpackungen der Zukunft.

    Foto: MICHAEL PROBST
  • Warum gibt es so eine neue Studie nicht?

    „Dass wir uns dem verschließen, ist Quatsch“, sagt Tobias Bielenstein vom Arbeitskreis Mehrweg. Es habe sich wirklich etwas getan im Einwegbereich, aber bei den Mehrwegflaschen auch. Daher habe sich an der Substanz nichts geändert. Wenn eine neutrale Stelle eine Bilanz erstelle, sei man dafür offen. Dem Recycling-Experten Thomas Fischer von der Umwelthilfe zufolge würde das eine sechsstellige Summe kosten. Wer eine solche Bilanz wolle, der solle sie in Auftrag geben.

    Früher hat das Umweltbundesamt das selbst getan, sieht sich jetzt aber nicht mehr zuständig: Zu zeigen, dass sich etwas ändern solle, sei „nicht Aufgabe des Umweltbundesamtes, sondern von denjenigen, die mehr Müll produzieren wollen, statt ihn zu vermeiden“, heißt es dort.

    Foto: Rainer Jensen
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