Für Moral und Sicherheit
Desinvestitionen: Fossile Energieträger

Der Finanzsektor, Kommunen und auch Unternehmen könnten dazu beitragen, globale Probleme zu lösen, indem sie Kapital zu denjenigen Akteuren umlenkten, die nachhaltig agieren. Damit würden sie gesellschaftliche Verantwortung übernehmen – und die öffentlichen und privaten Vermögen der Menschen schützen.

Sonntag, 27.01.2019, 17:32 Uhr aktualisiert: 27.01.2019, 18:54 Uhr
Investoren und Aktivistenfordern seit einigen Jahren die Abkehr von fossilen Energieträgern. Erreichen wollen sie das durch Desinvestitionen, also den Abzug von Geld. colourbox.de
Investoren und Aktivistenfordern seit einigen Jahren die Abkehr von fossilen Energieträgern. Erreichen wollen sie das durch Desinvestitionen, also den Abzug von Geld. colourbox.de

Wohl kein Unternehmenserfolg ist derart eng mit dem Öl verknüpft wie der des Rockefeller-Imperiums. Museen, Banken, Universitäten und natürlich der gleichnamige Tower in Manhattan dokumentieren den unendlichen Reichtum dieser Dynastie. Begründet ist dieser durch den Pipeline- und Raffinerie-Monopolisten Standard Oil, der wiederum Ölmultis wie Exxon , Amoco und Chevron hervorbrachte.

Es ist daher spektakulär wie symbolträchtig, dass ausgerechnet eine der reichsten ­Familien der Welt beschließt, dem schwarzen Gold den ­Rücken zu kehren und sich der Divestment-Bewegung anzuschließen.

Schmutzigen Projekten Geld entziehen

Weltweit Hunderte Institutionen wie Universitäten, Unternehmen, Kirchen, Stiftungen, Pensionsfonds und Kommunen haben sich der Kampagne bereits angeschlossen und entziehen schmutzigen Projekten das Geld. Ganz konkret wird die finanzielle Grundlage der Kohle-, Öl- und Gasindustrie geschwächt. Dies geschieht einerseits mit dem Ziel, den politischen Einfluss sowie die wirtschaftliche Relevanz dieser Konzerne zu schwächen.

Darüber hinaus aber geht es den Begründern der Kampagne um den gesellschaftlich ­sinnvollen Umgang mit dem Geld, das idealerweise in nachhaltige Projekte investiert wird. Britische Forscher der Oxford University bescheinigen der aktuellen Kampagne, die am schnellsten wachsende Divestment-Bewegung der Geschichte zu sein.

Divestment

Divestment, oder zu Deutsch Desinvestition, ist das Gegenteil einer Investition, bedeutet also: Geld aus einer Anlage oder einem Fonds zu entziehen beziehungsweise Aktien zu verkaufen. Die Idee, auf diese Weise politischen Einfluss auszuüben, entstand Mitte des 18. Jahrhunderts im protestantischen Milieu Englands und Amerikas.

Unter anderem wollte man das eigene Handeln, und damit auch Geldanlagen, an den zehn Geboten des Neuen Testaments ausrichten. Investitionen in Glücksspiel, Schnapsbrennereien oder Prostitution waren somit tabu. Später stand der Erwerb von Aktien verschiedener Rüstungsunternehmen  auf dem Index. Die heute bekannteste Form von Divestment ist die des Amerikaners Bill McKibben. Er gründete die Klimaschutz-Bewegung 350.org, die weltweit dafür kämpft, dass öffentliche Einrichtungen und Organisationen keine Gelder mehr in Unternehmen aus dem Bereich der fossilen Energieträger investieren beziehungsweise Geldanlagen aus diesen Bereichen abziehen.

Angelehnt ist der Name 350.org an eine vom Klimaforscher James Hansen veröffentlichte Studie (2008), in welcher dieser belegt, dass die Konzentration des atmosphärischen CO² nicht den Wert von 350 Parts per Million (ppm) überschreiten dürfe. Sollte dieser Grenzwert dauerhaft überschritten werden, so Hansen, sei eine Erwärmung von mehr als 2 Grad Celsius wahrscheinlich, die wiederum zu irreversiblen Veränderungen des Klimasystems führen würde. Im Jahr 2018 überschritt der Wert erstmals die Schwelle von 400 ppm, weswegen die Bewegung forderte, sofort drastische Maßnahmen zu ergreifen, um die Verbrennung fossiler Energieträger – und damit die ungebremste Freisetzung von CO² – zu stoppen. Durch gezielte Desinvestitionen soll die finanzielle Grundlage dieser Unternehmen geschwächt werden

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Vier Milliarden Euro für die Windenergie

Über fünf Billionen US-Dollar sind mittlerweile abgeflossen; international führen Länder wie die USA, Großbritannien und Australien das Ranking an. Aber auch in Deutschland gibt es zahlreiche positive Beispiele. Etwa der Versicherungskonzern Allianz, einer der größten Versicherer der Welt, kündigte Ende 2015 an, seine Kohle-Investitionen deutlich einzuschränken.

Die so generierten vier Milliarden Euro sollte dafür in die Windenergie gesteckt werden. Auch Kommunen beteiligen sich: Die erste war die Stadt Münster, die beschloss, ihr Kapital von klimaschädlichen Industrien abzuziehen – ein zweistelliger Millionenbetrag wurde umgeschichtet.

Wir haben erkannt, dass sehr viele Energiekonzerne in den möglichen Abbau von Kohle investieren.

Otto Reiners, Die Grünen (Münster)

„Uns ging es damals um die nachhaltige Ausrichtung der ­Finanzanlagen insgesamt“, sagt Stadtrat Otto Reiners von den Grünen aus Münster. „Wir haben erkannt, dass sehr viele Energiekonzerne in den möglichen Abbau von Kohle investieren. Wir haben darin die Gefahr gesehen, dass es ähnlich wie bei der Immobilienblase dazu kommt, dass die Aktien nichts mehr wert sind und das Geld weg ist.

Deshalb war es sinnvoll und richtig, einen Ratsbeschluss herbeizuführen, sich von diesen Energieträgern und finanziellem Risiko zu verabschieden.“ Nach langer Diskussion auf der Mitgliederversammlung 2014 ist die Divestment-Strategie ins Kommunalwahlprogramm aufgenommen worden.

Die Kommune arbeitet mit öffentlichen Geldern und sollte sich daher von all dem trennen, was ethisch oder ökologisch nicht vertretbar ist.

Otto Reiners, Die Grünen (Münster)

Als nicht nachhaltige Geldanlagen wurden beispielsweise neben der Kohle solche in Atomenergie, Militär, Waffen und Kinderarbeit ­eingestuft. „Die Kommune arbeitet mit öffentlichen Geldern und sollte sich daher von all dem trennen, was ethisch oder ökologisch nicht vertretbar ist.“

Tatsächlich ist im Jahr 2015 passiert, was Reiners und seine Kollegen vorhergesagt hatten: Große Konzerne wie die ­Munich RE zogen ihre Gelder aus den fossilen Anlagen zurück. „Der fiskalische Aspekt unserer Strategie kam voll zum Zuge. Wären wir bei den konservativen Geldanlagen geblieben, hätten wir eine schlechtere Rendite gehabt.“

Großer Druck auf fossile Branche

Weitere Städte folgten dem Beispiel Münsters; mittlerweile haben sich Berlin, Stuttgart und Göttingen der Bewegung an­geschlossen. Reiners betont das enorme Potenzial der Be­wegung und glaubt – trotz einiger Schwankungen – an den Erfolg des Divestment. „Man muss nur in den Haushalten des Bundes oder denen der einzelnen Landesregierungen schauen, um zu sehen, was für Möglichkeiten bislang un­genutzt geblieben sind.“

Der Druck auf die Fossile Branche war nie zuvor so groß wie heute. Der ehemalige Klima-Berater der Bundeskanzlerin Hans Joachim Schellnhuber sagte am Rande des Klima­gipfels in Paris, die Divestment-Kampagne sei „die wichtigste Aktion, die gegen den Klimawandel je stattgefunden hat“.

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