Halbjahres-Bilanz
Bahngewinn sackt trotz steigender Fahrgastzahlen ab

Pünktlichkeit und ein marodes Schienennetz: Die Bahn hat weiter mit den üblichen Problemen zu kämpfen. Mit massiven Investitionen versucht sie, diese in den Griff zu bekommen. Doch das wird viele Jahre dauern - und schafft neue Baustellen.

Donnerstag, 25.07.2019, 15:14 Uhr aktualisiert: 25.07.2019, 15:16 Uhr
Im Juni hatten heftige Unwetter und starke Hitze dafür gesorgt, dass nur knapp 70 Prozent der Fernzüge pünktlich am Ziel ankamen.
Im Juni hatten heftige Unwetter und starke Hitze dafür gesorgt, dass nur knapp 70 Prozent der Fernzüge pünktlich am Ziel ankamen. Foto: Fabian Sommer

Berlin (dpa) - Die Fernverkehrszüge der Deutschen Bahn werden von immer mehr Reisenden genutzt - dennoch hat der Konzern nach einem Krisenjahr erneut einen starken Gewinneinbruch im ersten Halbjahr zu verkraften.

In seiner Halbjahresbilanz führte der bundeseigene Konzern das auch auf hohe Investitionen zurück, um die Qualität für die Bahnkunden zu verbessern. In den ersten sechs Monaten kam gut jeder fünfte Fernverkehrszug zu spät - die Pünktlichkeit hat sich unterm Strich im Vergleich zum Halbjahr 2018 sogar leicht verschlechtert.

Konzernchef Richard Lutz sagte: «Wir fangen gerade erst an – und wissen, dass da viel Arbeit vor uns liegt. Wir sind noch nicht da, wo wir gern wären, und bleiben unseren Kunden noch zu oft die Qualität schuldig, die sie zu Recht von uns erwarten.» Er ergänzte: «Der massive Ausbau des deutschen Bahnsystems klappt nicht über Nacht.»

Trotz der vielen Verspätungen nutzen immer mehr Fahrgäste die ICE- und IC-Züge. Mit 71,8 Millionen Reisenden stieg ihre Zahl im Vergleich zum Halbjahr 2018 (70,9 Millionen) um 1,3 Prozent. Die Bahn rechnet damit, dass es bis zum Jahresende voraussichtlich erstmals mehr als 150 Millionen Fahrgäste sein werden, nach rund 148 Millionen im Vorjahr.

Diese Entwicklung konnte aber nicht verhindern, dass der Gewinn einbrach. Der Überschuss sank im Vergleich zum Halbjahr 2018 um 63,5 Prozent auf 205 Millionen Euro. Bereits im Gesamtjahr 2018 war das Ergebnis um fast 30 Prozent auf 542 Millionen Euro zurückgegangen. Zugleich wächst der Schuldenberg: Auch wegen neuer internationaler Regeln bei der Bilanzierung stiegen die Netto-Schulden im ersten Halbjahr auf rund 25,4 Milliarden Euro.

Ohne diesen Effekt kletterten sie auf rund 21 Milliarden Euro. Der Umsatz des Konzerns lag im ersten Halbjahr bei 22,01 Milliarden Euro - ein Plus von 2,2 Prozent. Auch das Geschäft im Güterverkehr schrumpfte. Das Ergebnis vor Steuern und Zinsen (Ebit), das die Bahn als Messzahl für den operativen Gewinn verwendet, ging auf 629 (Vorjahr: 882) Millionen Euro zurück.

Die Bahn führt den gesunkenen Gewinn unter anderem auf hohe Investitionen zurück. Finanzvorstand Alexander Doll betonte, dass es 2019 voraussichtlich so viele Netto-Investitionen wie noch nie in der Geschichte der Deutschen Bahn geben werde. Der Konzern rechnet mit mehr als 5,5 Milliarden Euro, die zum Beispiel in neue Züge und zusätzliche Beschäftigte fließen sollen.

Auch Energie- und gestiegene Personalkosten wurden von der Bahn als Gründe für den Gewinneinbruch genannt. Zudem seien Instandhaltungsmaßnahmen vorgezogen worden. Die Bahn peilt weiterhin für das laufende Jahr ein operatives Ergebnis von mindestens 1,9 Milliarden Euro an und einen Umsatz von erstmals mehr als 45 Milliarden Euro.

Wegen des Sanierungsstaus bei der Infrastruktur werden immer wieder Rufe laut, dass der Bund mehr Geld für Investitionen zuschießen müsse. Inzwischen haben sich Bahnkonzern und Bund auf ein neues Investitionsabkommen für die Infrastruktur für die kommenden zehn Jahre verständigt.

«Wir haben in den Kernpunkten Übereinkünfte erzielt und befinden und jetzt in der Phase der Finalisierung eines Vertragstextes», sagte Bahnvorstand Ronald Pofalla am Donnerstag bei der Präsentation der Halbjahreszahlen des Konzerns.

Der Text soll bis Ende August vorliegen. Konkrete absolute Zahlen nannte Pofalla nicht. Der Bahn zufolge aber belaufe sich die Gesamtsumme aller Investitionen in den kommenden zehn Jahren auf deutlich mehr als 60 Milliarden Euro. In dieser Höhe hatte die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) am Vortag den Investitionsrückstau aus ihrer Sicht beziffert.

Pannen, Zugverspätungen und -ausfälle sind nach wie vor Probleme, die am Ruf der Bahn kratzen. Im ersten Halbjahr konnte der Konzern die Pünktlichkeitsquote im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nicht verbessern. Sie lag mit 77,2 Prozent sogar leicht darunter (77,4 Prozent). Im Juni hatten heftige Unwetter und starke Hitze die Quote gedrückt. Ein Zug gilt in der Statistik noch als pünktlich, wenn er bis unter sechs Minuten nach Fahrplanzeit eintrifft.

Insgesamt stimme aber der Trend, sagte Personenverkehr-Vorstand Berthold Huber. Die Bahn will am Jahresende bei einer Quote von 76,5 Prozent ankommen. In der Vergangenheit lag die Latte höher. 2018 gab es aber große Probleme mit Zugverspätungen, besonders in der langen Hitzeperiode im Sommer und Herbst. Anlässlich mehrerer Krisentreffen sagte Konzernchef Lutz zu Jahresanfang dem Bund als Eigentümer zu, im ersten Halbjahr Schritt für Schritt besser zu werden.

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