Umweltverschmutzung
Wie Hersteller das Plastik-Problem lösen

Münster -

Bilder von vermüllten Stränden und an Kunststoff verendeten Tieren sollen der Vergangenheit angehören. Mit Verboten versucht die Politik das Plastik-Problem in den Griff zu kriegen. Ein mit dem Deutschen Umweltpreis ausgezeichneter Hersteller zeigt, dass es auch anders geht.

Freitag, 08.11.2019, 14:20 Uhr aktualisiert: 08.11.2019, 15:35 Uhr
Umweltverschmutzung: Wie Hersteller das Plastik-Problem lösen
Kein schönes Treibgut: Am Ostseestrand auf der Insel Rügen liegt ein Sammelsurium von angespültem Müll. Foto: dpa

Die Weltmeere müssen einiges schlucken. Eine Lastwagenladung voll Plastikmüll landet laut der Umweltorganisation World Wildlife Fund (WWF) in der See - pro Minute. Nach derzeitigen Schätzungen häufen sich hier jährlich 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen weggeworfener Kunststoff.

Nach und nach reagieren die Gesetzgeber. Einwegplastik ist in der Europäischen Union ab 2021 verboten. Neben Strohhalmen, Wattestäbchen und Co. geht es in Deutschland nun auch Plastiktüten an den Kragen.

Die bisherige Vereinbarung, diese nur gegen Geld an die Kunden abzugeben, ist bald hinfällig. Die Bundesregierung hat ein Verbot auf den Weg gebracht. „Momentan liegt der Verbrauch in Deutschland etwa bei 20 Einweg-Plastiktüten pro Kopf und Jahr. Mit einem Verbot kommen wir jetzt auf Null“, kommentierte Bundesumweltministerin Svenja Schulze die Kabinettsentscheidung.  

Plastiktüten sind der Inbegriff der Ressourcenverschwendung: Sie werden aus Rohöl hergestellt und oft nur wenige Minuten genutzt. Häufig landen sie in der Umwelt, wo sie über viele Jahrzehnte verbleiben und jede Menge Schäden anrichten können.

Umweltministerin Svenja Schulze

Wenn das Gesetz unbeschadet durch Bundestag und Bundesrat geht, werden im deutschen Handel keine Plastiktüten mehr an die Kunden ausgegeben. Zumindest nicht die typischen Einkaufstüten in Supermärkten oder Bekleidungsgeschäften. Das Verbot gelte nicht für stabilere Tragetaschen und sehr dünne Tüten für loses Obst und Gemüse. Deren Verbot würde derzeit eher zu mehr als zu weniger Verpackungsabfällen führen, heißt es vonseiten des Ministeriums. Eine rund sechsmonatige Übergangsfrist für die Tüten soll es geben, um Restbestände in den Läden abzubauen. Dann drohen Strafen von bis zu 100.000 Euro.

Wie ist die Öko-Bilanz der Alternativen?

Am umweltfreundlichsten sind nach Angaben des Umweltministeriums Mehrweg-Tragetaschen aus recyceltem Kunststoff oder aus Polyester. Papiertüten seien nicht wirklich besser als Einweg-Plastiktüten. Allerdings würden sie eher recycelt und landeten selten in der Umwelt, wo sie auch nicht lange verblieben, weil die Papierfasern schnell zerfielen. Außerdem würden viele Papiertüten aus Recyclingpapier hergestellt. „Natürlich sind mitgebrachte Körbe, Rucksäcke und ähnliche gute Alternativen”, heißt es vom Ministerium. „Bei Stoffbeuteln muss man darauf achten, dass sie entweder aus Recyclingmaterial stammen oder ihr Grundstoff aus der ökologischen Landwirtschaft kommt, zum Beispiel bei Flachs oder Baumwolle.” Vor allem komme es darauf an, dass sie oft wiederverwendet werden.

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Dass das Tütenverbot die Plastikmüll-Probleme nicht löst, ist auch der Regierung klar. Mit dem Handel sollen weitere Maßnahmen vereinbart werden, um den Einsatz anderer Plastikverpackungen deutlich zu reduzieren.

Paradox: Plastik als einer der ökologischsten Werkstoffe unserer Zeit

Wie es gehen kann, zeigt Unternehmer Reinhard Schneider : Der Inhaber der Firma  Werner & Mertz , etwa bekannt für die Marke Frosch, bekam kürzlich als einer von zwei Preisträgern den Deutschen Umweltpreis verliehen. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) würdige Schneider für seine ganzheitlich nachhaltige Produktion in der Wasch- und Reinigungsmittelbranche.

Umweltpreisverleihung_DBU Peter Himsel

Umweltpreisträger Reinhard Schneider (3.v.r.) freut sich über die Auszeichnung. Mit auf der Bühne: (v.l.) Moderatorin Judith Rakers, DBU-Generalsekretär Alexander Bonde, Preisträgerin Prof. Dr. Ingrid Kögel-Knabner, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, DBU-Kuratoriumsvorsitzende Rita Schwarzelühr-Sutter und Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller. Foto: Peter Himsel / DBU

Der Umweltpreisträger wisse, dass eine Plastikflasche erst innerhalb von Hunderten von Jahren zerfalle - was die Kleinst-Partikel dann aber mit Umwelt und Mensch anstellten, stehe weitgehend noch in den Sternen. Daher setzt das inhabergeführte Familienunternehmen auf einen geschlossenen Wertstoffkreislauf. „Recycling“ lautet hier das Zauberwort. „Das Paradoxe ist, dass Plastik einer der ökologischsten Wertstoffe unserer Zeit sein könnte, wenn wir lernen, damit richtig umzugehen“, sagte Schneider in einem Fernsehbeitrag, der bei der Preisverleihung gezeigt wurde. Man könne Plastik mit einem Minimum an Energie nahezu verlustfrei im Kreislauf führen, sodass kein Müll mehr entstehe.

Keine ideologische Träumerei

Dass dies keine ideologische Träumerei ist, zeigt Schneider in der Praxis. Die Verpackungen für das Waschmittel, Duschgel und Co. bestehen weitestgehend aus wiederverwertetem Plastik, dem sogenannten Plastik-Rezyklat. Das wird beispielsweise aus Altplastik aus dem Gelben Sack gewonnen. Ein neu entwickeltes Recycling-Verfahren macht es möglich. Hiermit können hochwertige PET-Rezyklate gewonnen und theoretisch unendlich wiederverwertet werden. Bereits 300 Millionen Reinigungsflaschen aus komplett recyceltem Plastik hat das Unternehmen so bereits produziert. Sukzessive werde die gesamt Verpackungsriege auf 100 Prozent Rezyklat umgestellt.

Rezyklat_Granulat_P!ELmedia Herbert Piel

Unternehmer Reinhard Schneider (M.) kontrolliert das recycelte Kunstoffgranulat zur Verpackungsherstellung im neuen Produktionszentrum seiner Firma Werner & Mertz. Foto: Herbert Piel/P!EL media

Wie Müll und Klimawandel zusammenhängen

Nach Angaben des Bundesumweltministeriums fielen im Jahr 2017 in Deutschland 6,15 Millionen Tonnen Kunststoffabfall an. Ungefähr 46 Prozent davon gingen ins Recycling, knapp 53 Prozent wurden zur Energiegewinnung verbrannt. Nicht ganz ohne Umweltfolgen, wie Schneider erklärt: „Jedes Gramm Plastik erzeugt drei Gramm CO2 in der Verbrennung.“ Das Ergebnis: Laut EU-Parlament werden jährlich durch die Herstellung und Verbrennung von Plastik weltweit rund 400 Millionen Tonnen CO2 ausgestoßen. 

Hürden für Hersteller

Doch beim Plastik-Recycling haben die Hersteller einige Hürden zu nehmen. Zum einen die Trennbarkeit der Materialien: Wichtig sei, sagt Schneider, schon bei der Herstellung darauf zu achten, dass verschiedenen Stoffe nicht so miteinander verbunden werden, dass sie hinterher nicht mehr zu trennen sind.

Ein weiteres Problem seien die Kosten. Schneider spricht von bis zu 20 Prozent höheren Produktionskosten für Verpackungen aus Altplastik. Der  Unternehmer bietet die Rezyklat-Technologie offen für andere Hersteller an. „Solange noch nicht alle oder viele Hersteller auf diese neuen Aufbereitungstechnologien, die wir zur Verfügung stellen, auch aufspringen, ist unser Material noch ein paar Cent pro Flasche teurer als das bisherige. Und das schreckt halt viele davon ab, da mitzumachen“, so der Unternehmer in einer Pressekonferenz zum Umweltpreis. Hier sehe er auch die Politik in der Verantwortung, vorübergehende Mehrkosten abzufedern. So könne Rezyklat zum neuen Marktstandard werden. Denn das sei nicht minderwertig, sondern komplett ebenbürtig. Das sei nur noch nicht überall angekommen, sagt Alexander Bonde, der Generalsekretär der DBU.

Denn ganz neu ist die Idee nicht. 2012 rief Schneider die  Rezyklat-Initiative , eine Kooperation zwischen Partnern aus Industrie, Handel und Nichtregierungsorganisationen, ins Leben. Mit von der Partie sind unter anderem der Handelskonzern Rewe und der Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Gemeinsam machen sich die Akteure für effektives Wiederverwerten stark. Auch anderen Herstellern werde das entwickelte Recycling-Verfahren zugänglich gemacht, sagt Schneider. Jeder könne die Technologie nutzen und weiterentwickeln.

Recyclat-Forum

Im vergangenen Jahr startete die Drogeriekette dm mit weiteren Händlern, Herstellern, Entsorgern und Verpackungsherstellern das Rezyklat-Forum als Austauschplattform zu Ideen. So befindet sich in den Drogeriemärkten beispielsweise mittlerweile ein farblich markierter Hinweis am Preisetikett, wenn die Verpackung einen hohen Recycling-Anteil enthält. Ein weiteres Ziel: Verbraucher sollen für richtige Wertstofftrennung sensibilisiert werden.

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