Studie
Coronavirus dürfte Autobranche besonders stark treffen

Umstellung auf Elektro-Autos, Absatzschwäche, Diesel-Krise: Die Autoindustrie hat an vielen Fronten zu kämpfen. Nun kommt noch das Coronavirus dazu. Die Folgen für die Branche könnten schmerzhaft sein, warnen Berater.

Montag, 17.02.2020, 15:35 Uhr
Mitarbeiter montieren im Werk der Volkswagen AG in Anting bei Shanghai einen VW Tiguan.
Mitarbeiter montieren im Werk der Volkswagen AG in Anting bei Shanghai einen VW Tiguan. Foto: Ole Spata

Frankfurt/Main (dpa) - Die Sorge um die Weltwirtschaft wächst angesichts der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus in China. Einer Studie zufolge könnte das Virus der globalen Autoindustrie empfindlich schaden.

Die Deutsche Bundesbank sieht Risiken für die deutsche Konjunktur. Nach Einschätzung des Chefs des Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Gabriel Felbermayr werden die Schäden «überproportional größer» mit jedem Tag, an dem die Produktionsanlagen in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt stillstehen. Hersteller in Deutschland und anderen Ländern seien auf chinesische Vorleistungen angewiesen, die Vorräte reichten nicht ewig, sagte Felbermayr dem «Handelsblatt» (Montag).

Ein vorübergehender Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage in China könnte den deutschen Export dämpfen, erläuterte die Deutsche Bundesbank im aktuellen Monatsbericht. China ist ein wichtiger Markt für Waren «Made in Germany».

Zugleich werden dort zahlreiche Produkte hergestellt - auch für die Weiterverarbeitung in anderen Ländern. Durch die Sicherheitsvorkehrungen wegen des Virus könnten einige globale Wertschöpfungsketten beeinträchtigt werden, hieß es im Monatsbericht. «Lieferengpässe in einzelnen Branchen hierzulande wären die Folge», schrieben die Bundesbank-Experten.

Aus Sicht des RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung hängen die wirtschaftlichen Auswirkungen der Epidemie davon ab, wie lange die Produktion in China behindert wird.

«Nach unserer Schätzung könnte das Wirtschaftswachstum in China im ersten Quartal um etwa 2,5 Prozentpunkte gedämpft werden», sagte Konjunkturexperte Roland Döhrn der dpa. Im Vergleich zum Vorjahr läge es dann nur zwischen drei und vier Prozent statt wie erwartet bei sechs Prozent. «Diese Entwicklung wird sich auch in Deutschland bemerkbar machen, insbesondere durch geringere Exporte und eine stockende Lieferung von Vorprodukten durch chinesische Zulieferer», erläuterte Döhrn.

Einer Studie zufolge könnte das Sars-CoV-2 genannte Virus der globalen Autoindustrie empfindlich schaden. Allein in der besonders betroffenen chinesischen Provinz Hubei würden an gut einem Dutzend Standorten fast zwei Millionen Autos pro Jahr gefertigt, heißt es in der Analyse der Beratungsgesellschaft BCG. Das seien etwa acht Prozent der Fahrzeugproduktion Chinas.

Das neuartige Coronavirus habe schon viele Branchen in Mitleidenschaft gezogen, heißt es der Studie der Boston Consulting Group (BCG). «Aber die Autoindustrie sticht hervor als eine, die die Auswirkungen schnell und tief spürt angesichts der entscheidenden Rolle Chinas.» So sei das Land der größte Absatzmarkt für Neuwagen und zugleich wichtiger Standort für Hersteller und Zulieferer. «Die Autoindustrie wird lokal und rund um den Globus betroffen sein», schreiben die Berater mit Blick auf gestörte Lieferketten.

Für deutsche Hersteller wie Mercedes-Benz, Audi, BMW, Volkswagen und Porsche ist China der wichtigste Markt. Bei VW steht die Volksrepublik für gut 40 Prozent der Auslieferungen. Und bei der Umstellung auf Elektro-Autos sind die Konzerne auf Batteriezellen aus China angewiesen. Auch US-Hersteller sind von Fernost abhängig: GM verkaufe mehr Autos in China als in den USA, so BCG.

Die neuartige Lungenkrankheit hat schon die deutschen Autokonzerne getroffen. So hatte BMW wegen des Coronavirus die chinesischen Neujahrsferien an seinem weltgrößten Standort in der Millionenstadt Shenyang verlängert.

Volkswagen musste die Produktionsaufnahme wegen der Epidemie teils weiter verschieben. Die Fertigung in den Werken des Gemeinschaftsunternehmens mit Shanghai Automotive (SAIC) solle erst am 24. Februar statt an diesem Montag wieder aufgenommen werden, erklärte der Konzern. Grund seien Probleme in den Lieferketten und der Logistik sowie nur begrenzte Reisemöglichkeiten für Mitarbeiter. Die anderen Werke, die mit Hersteller First Automotive Works betrieben werden, hätten zum Teil die Produktion wieder aufgenommen oder dürften «in den kommenden Tagen» alle wieder laufen, hieß es.

Die Chemieindustrie spürt bislang «kaum Auswirkungen» für die Branche in Deutschland. In China aber hätten deutsche Chemiefirmen schon die Produktion gedrosselt, so der Branchenverband VCI. Die Nachfrage in der Volksrepublik sei gesunken, und Wertschöpfungsketten seien beeinträchtigt. «Mit jedem weiteren Tag, den die Corona-Epidemie andauert, vergrößert sich das Risiko negativer Folgen für die globale Wirtschaft», warnte VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup.

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