Sparkassen kämpfen mit Wachstumskurs gegen Ertragseinbußen an
Abhängigkeit vom Zins lässt nach

Münster -

Die Sparkassen in Westfalen-Lippe haben die Flucht nach vorn angetreten. Mit einem auf starkes Wachstum ausgerichteten Kurs kämpfen die 58 Institute gegen die Folgen der Niedrigzinsphase an, die ihnen seit Jahren den Gewinn verhagelt. Zwischenfazit: Sie haben damit Erfolg.

Montag, 17.02.2020, 18:26 Uhr aktualisiert: 17.02.2020, 18:53 Uhr
5,1 Milliarden € legten die Kunden im vergangenen Jahr neu bei den Sparkassen in Westfalen-Lippe an.
5,1 Milliarden € legten die Kunden im vergangenen Jahr neu bei den Sparkassen in Westfalen-Lippe an. Foto: imago stock&people

Jürgen Wannhoff , Vizepräsident des Sparkassenverbandes, bezifferte am Montag die Einbußen beim Zinsüberschuss – der wesentlichen Ertragssäule – im vergangenen Jahr auf 74 Mio. € (minus 3,1 Prozent). Mit einem deutlichen Plus von 56,2 Prozent beim Provisionsüberschuss sei es aber gelungen, den abermaligen Rückgang zu zwei Drittel auszugleichen. Das Jahresergebnis der Sparkassen in der Region wuchs gegenüber dem Vorjahr um stattliche 37 Mio. auf 216 Mio. €.

Begleitet wird das von Wachstum geprägte Geschäftsjahr von einigen rekordverdächtigen Werten. Die Institute, die nach wie vor beim Mittelstand in der Poolposition rangieren, bauten den Kreditbestand im Firmenkundengeschäft um 5,9 Prozent (plus 2,3 Mrd. auf 50,5 Mrd. €) noch einmal kräftig aus. Das Kreditneugeschäft lag mit 11,1 Mrd. € beachtliche 15,4 Prozent höher als im Vorjahr. Trotz hoher Investitionstätigkeit erhöhten die Unternehmen ihren Einlagenbestand bei den westfälisch-lippischen Sparkassen um 2,4 Prozent auf 17,1 Mrd. €.

17 Prozent Steigerung

Höchstwerte erzielten die Sparkassen zwischen Borken und Höxter auch im Privatkundengeschäft. Die Geldvermögensbildung der Sparkassenkunden in Westfalen-Lippe – vom Sparkonto über Wertpapiere bis hin zu Bausparverträgen und Lebensversicherungen – betrug im vergangenen Jahr 5,1 Mrd. €. Jürgen Wannhoff: „Das ist eine noch nie da gewesene Größenordnung und entspricht einer Steigerung im Vergleich zum Vorjahr von 17 Prozent.“

Dass 4,5 Mrd. € dieses neu gebildeten Geldvermögens auf Giro- oder Tagesgeldkonten schlummert, sieht der Vizepräsident des Verbandes kritisch. Zwar sei es verständlich, dass nach einem turbulenten Aktienjahr 2018 eine Verunsicherung eingetreten sei, aber Wertpapiere seien ein wichtiger Baustein in der Vermögensbildung. Auch deshalb sei die Einführung einer Finanztransaktionssteuer ein „falsches Signal“. Der Einlagenbestand erhöhte sich um 5,3 Prozent auf 81,1 Mrd. €.

Der Kreditbestand der Privatkunden wuchs bei den Sparkassen in Westfalen-Lippe im vergangenen Jahr um 3,5 Prozent auf 42,1 Mrd. €. Die Darlehenszusagen erhöhten sich um 16,9 Prozent auf rund 7,8 Mrd. €.

Kommentar

Liane Buchholz legt den Finger in die Wunde der verfehlten europäischen Geldpolitik. Sie sieht die deutsche Spartradition bedroht, hält Kredite mit negativen Zinsen für undenkbar. Deutlich wird bei der Kritik der Sparkassen an der jahrelangen Tiefzinsstrategie der Währungshüter, dass durch das Vorgehen der EZB nicht nur Geldanlegen vorübergehen nicht lukrativ ist. Das wäre hinzunehmen, um die Konjunktur in den Schuldenländern in Gang zu bringen. Sondern auch die Kultur des Sparens als Vorsorge für die Zukunft wird ad absurdum geführt. Wenn Schuldenmachen mit einem Negativzins – also quasi mit einem Bonus – belohnt wird und Sparen bestraft, rüttelt das an den Grundfesten unseres Wirtschaftssystems. Diese Gefahr wird im politischen Raum immer noch unterschätzt.

Deutlich wird bei der Kritik der Sparkassen an der jahrelangen Tiefzinsstrategie der Währungshüter, dass durch das Vorgehen der EZB nicht nur Geldanlegen vorübergehen nicht lukrativ ist. Das wäre hinzunehmen, um die Konjunktur in den Schuldenländern in Gang zu bringen. Sondern auch die Kultur des Sparens als Vorsorge für die Zukunft wird ad absurdum geführt. Wenn Schuldenmachen mit einem Negativzins – also quasi mit einem Bonus – belohnt wird und Sparen bestraft, rüttelt das an den Grundfesten unseres Wirtschaftssystems. Diese Gefahr wird im politischen Raum immer noch

Das Finanzsystem benötigt schon in Kürze wieder Zinsen – positive für Guthaben, negative für Kredite. Dass diese Logik in den Köpfen vor allem der deutschen Sparer tief verwurzelt ist, zeigt die Abneigung gegen Aktien. Dass Menschen einen sicheren Geldverlust durch Inflation dem Kursrisiko bei Aktien vorziehen, spricht Bände. (Jürgen Stilling)

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Spagat zwischen Digital- und Filialgeschäft

Die Entwicklung auf dem Immobiliensektor spiegelt sich auch im Kreditgeschäft wider: Über 80 Prozent der neuen Privatkredite wurden für den Wohnungsbau abgerufen. In Summe waren es 6,3 Mrd. € – gegenüber dem Vorjahr ein Anstieg um 20,6 Prozent.

Trotz eines Personalabbaus – minus 609 auf 23 208 Beschäftige – und weiterer Geschäftsstellenschließungen – minus 48 auf 1223 –, sieht Jürgen Wannhoff die Sparkassen noch meilenweit entfernt von einer Online-Direktbank. Die Sparkassen schafften den Spagat zwischen Digital- und Filialgeschäft. Das Geschäftsmodell erfordere „keinen grundsätzlichen Umbau“. Aber: „Wir müssen noch digitaler werden, das Geschäfts zinsunabhängiger aufstellen und den Betrieb deutlich effizienter gestalten.“ Letzteres erfordere von Sparkassen und Verbundunternehmen bundesweit einheitliche Standards.

Von Wolfgang Kleideiter


Institute und Kunden leiden unter Geldpolitik der EZB

Die Diskussion um negative Zinsen spitz sich zu. Auch bei den Sparkassen. Aber die lehnen zumindest negative Kreditzinsen ab.

Die Wut ist ihr deutlich anzumerken. Prof. Dr. Liane Buchholz tut die von Finanzminister Olaf Scholz angedeutete minimale Erhöhungen des Sparerfreibetrags als „jämmerliches Tröpfchen auf eine heiße Herdplatte“ ab. Die Präsidentin des Sparkassenverbands Westfalen-Lippe attackierte die Nullzins-Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) und deren Folgen nicht zum ersten Mal, aber selten hat sie sie mit so viel Vehemenz vorgetragen, wie bei der Bilanzvorlage am Montag in Münster.

530 Milliarden € hätten deutsche Sparer in den vergangen zehn Jahr verloren, weil die Inflation höher liegt als die Zinsen. Es gebe ja die Geldanlage in Aktien als Alternative. Aber die wolle Scholz jetzt ja gleich dreifach besteuern. Zwei Belastungen gibt es bereits: eine pauschale Abschlagsteuer von 25 Prozent auf alle Kapitaleinkünfte aus Aktienbesitz und weiterhin einen 5,5-prozentigen Solidaritätszuschlag. „Doch unser Bundesfinanzminister hätte jetzt gern auch noch eine Finanztransaktionssteuer von 0,2 Prozent“, beklagte Buchholz. Das klinge nicht hoch, so die Verbandspräsidentin, aber: „Arbeiten mit Wertpapieren im Depot kann dadurch richtig teuer werden.“ Hinzu käme, dass jeder Gewinn aus Aktiengeschäften besteuert werde – „ein Leben lang“. Spekulationsfristen – wie bei anderen Anlageformen wie Gold und Immobilien – gebe es nicht, so Buchholz.

Sie forderte von der Politik Gegenmaßnahmen: So könne man etwa die Arbeitnehmersparzulage für das Wertpapiersparen modernisieren oder die klassischen Vermögenswirksamen Leistungen wiederbeleben. Mit Blick auf das Ziel der EZB, mit ihrer Nullzinspolitik die Inflationsrate auf zwei Prozent anzuheben, kritisierte Buchholz die Berechnungsmethode. „Warum werden eigentlich die stark steigende Immobilienpreise nicht eingerechnet?“ Klartext redete die Präsidentin beim Thema Kreditzinsen: „Negative Kreditzinsen sind für die Sparkassen tabu.“

Von Jürgen Stilling

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