«Klimaschädliche Scheinlösung»
Erdgas als Brücke in die Wasserstoff-Wirtschaft?

In der Energiewende gilt Erdgas als Übergangsträger, die Förderung in Deutschland sinkt aber weiter. Der Rohstoff könnte zum Aufbau einer klimaschonenden Wasserstoff-Ökonomie beitragen - doch es gibt auch Zweifel daran.

Montag, 16.03.2020, 19:47 Uhr
Messgerät an der Erdgasempfangsstation einer Gasleitung. Die geförderte heimische Menge an Erdgas sank zwischen 2018 und 2019 von 6,3 auf rund 6,1 Milliarden Kubikmeter.
Messgerät an der Erdgasempfangsstation einer Gasleitung. Die geförderte heimische Menge an Erdgas sank zwischen 2018 und 2019 von 6,3 auf rund 6,1 Milliarden Kubikmeter. Foto: Stefan Sauer

Hannover (dpa) - Ein wirklich grünes Image hat Erdgas nicht. Doch es könnte helfen, mehr grünen Strom zu produzieren und zu speichern.

Die Rolle des Rohstoffs in der Energiewende wurde bisher meist als Absicherung betrachtet, die solange nötig bleibt, wie die Öko-Träger Wind, Sonne, Wasser und Biomasse den Löwenanteil des Energiebedarfs nicht decken können.

Aber auch bei stockendem Wind- und Solarausbau soll Erdgas eine Funktion bekommen, wie zumindest Branchenvertreter vorschlagen: als Ausgangsstoff zur Produktion von klimaschonendem Wasserstoff (H2). Wie groß ist das Potenzial?

Landauf, landab fordern Politiker und Experten kräftige Investitionen in den Aufbau einer Infrastruktur für das chemische Element, das vor allem bei der Speicherung von Strom neue Chancen eröffnet - einer Achillesferse der Energiewende. Das Problem: Reiner Wasserstoff muss erst selbst energieintensiv hergestellt werden. Auch Erdgasverfahren lassen sich einsetzen, aber die deutsche Förderung nimmt weiter ab. Und Gasimporte aus dem Ausland belasten die CO2-Bilanz zusätzlich.

Die geförderte heimische Menge sank nach Daten des Bundesverbands Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG) zwischen 2018 und 2019 von 6,3 auf rund 6,1 Milliarden Kubikmeter. Dies setzt einen langen Trend fort, seit 2004 ist das Volumen rückläufig. Die geschätzten Reserven der in erster Linie in Niedersachsen liegenden Förderstätten gehen ebenfalls zurück - laut Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) «sowohl infolge der zunehmenden Erschöpfung der Felder als auch der rückläufigen Explorationstätigkeit».

Die Förderer sehen für die vorhandenen Mengen neue Verwendungen - etwa Wasserstoff-Produktion. «Der Bedarf alternativer Verfahren ist groß. Die H2-Industrie kommt sonst nicht voran», meint BVEG-Chef Ludwig Möhring . Er betont: «Es geht nicht um die Verdrängung von Wind und Sonne. Wir sollten nur nicht sagen: Alles andere ist verkehrt.»

Dass Wasserstoff ein vielversprechender Energieträger ist, steht außer Frage. Strittig ist aber, wie er hergestellt werden soll. Die Methode der Elektrolyse - Wasser wird in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten - benötigt viel Reaktionsenergie und ist nur klimaneutral, wenn dafür wiederum Ökostrom genutzt wird, der dann anderswo fehlt.

Bezogen auf die H2-Wirtschaft glaubt Möhring, dass sich der Hochlauf nur organisieren lässt, wenn man parallel Verfahren mit Gas in Betracht zieht. «Wir brauchen Mengen, die wir nicht über Elektrolyse bekommen.» Es gebe zwei weitere Techniken: die Wandlung von hocherhitztem Erdgas in Kohlenstoff und Wasserstoff oder eine Gewinnung, bei der auch CO2 entsteht, das aber abgeschöpft wird.

Doch Umweltschützer sehen das kritisch. «Wasserstoff aus Erdgas ist eine klimaschädliche Scheinlösung, mit der die Gasbranche von der eigentlichen Herausforderung ablenken will», entgegnet Tobias Austrup von Greenpeace. Notwendig sei die vollständige Ablösung fossiler Energien durch erneuerbare. «Grüner Wasserstoff» - mit Ökostrom aus Elektrolyse entstanden - könne dagegen «mittelfristig eine wichtige Rolle im Luft- und Lastverkehr spielen - aber nur dort, wo es keine Alternativen gibt».

Die Politik will den Aufbau einer H2-Ökonomie an sich fördern - Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) plant, dies entscheidend voranzutreiben. CO2-freiem Wasserstoff komme eine «zentrale Rolle» bei der Energiewende zu, hieß es jüngst in einem Entwurf seines Ministeriums zur «Nationalen Wasserstoffstrategie».

Der Weg dahin ist für viele Beobachter aber unklar. Niedersachsen etwa forderte den Bund zu deutlicheren Zielsetzungen auf. Bisher fehlt es an Infrastruktur. Einige Länder haben eigene Forschungs- und Förderprogramme aufgesetzt und verlangen mehr Tempo aus Berlin.

Doch selbst wenn mehr Erdgas in die H2-Herstellung fließen sollte: Woher den Rohstoff zusätzlich nehmen? Er bleibt im Wärme- und Verkehrssektor wichtig, auch wenn etwa Volkswagen seine Erdgasflotte bald auslaufen lässt und die H2-betriebene Brennstoffzelle nur in langer Frist für marktfähig hält. Erdgas ist laut BGR mit 24 Prozent am Primärenergieverbrauch zweitwichtigster Energieträger im Land.

Bei den geplanten Einfuhren von verflüssigtem Erdgas (LNG) ist ebenso vieles noch unklar. Die Chancen für einen Vertrag zwischen dem Energiekonzern Uniper und dem Erdgasriesen Katar für ein LNG-Terminal in Wilhelmshaven sollen immerhin gut stehen, heißt es aus dem Umfeld. Das umstrittene Fracking kann kaum eine Lösung sein, die Erschließung von Erdgasvorkommen aus Gestein mit Chemikalien bleibt hierzulande wegen Umweltrisiken einstweilen verboten. Einige Forschungsbohrungen sind zulässig, erst 2021 soll die Regelung wieder überprüft werden.

Und um den Import von Gas über die neue Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 aus Russland gibt es heftigen Streit mit den USA. Washington verhängte Sanktionen gegen am Bau beteiligte Firmen. Die Umwelthilfe will die Genehmigung auf deutscher Seite prüfen lassen.

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