Kahlschlag befürchtet
Deutscher Schiffbau in Not - Staat soll helfen

Der Schiffbau in Deutschland und Europa war bis zur Corona-Krise eine Insel der Seeligen in einer globalen Krisenbranche. Doch nun kommt ein tiefes Loch. Gewerkschaften bangen um die Jobs in der Branche.

Donnerstag, 07.05.2020, 14:56 Uhr aktualisiert: 07.05.2020, 14:58 Uhr
Das Kreuzfahrtschiff «Brilliance of the Seas» liegt im Trockendock Elbe 17 auf dem Werftgelände von Blohm+Voss in Hamburg.
Das Kreuzfahrtschiff «Brilliance of the Seas» liegt im Trockendock Elbe 17 auf dem Werftgelände von Blohm+Voss in Hamburg. Foto: Christian Charisius

Hamburg (dpa) - Der Schiffbau in Deutschland steht vor einer schweren Krise, die er ohne staatliche Hilfen nicht überstehen kann. Das ist die Ansicht der IG Metall Küste und des Verbandes für Schiffbau und Meerestechnik (VSM). 

Die IG Metall warnte vor einem Kahlschlag auf deutschen Werften und forderte ein Konjunkturprogramm für den Schiffbau. «Dabei müssen moderne, emissionsarme Technologien im Vordergrund stehen», sagte Bezirksleiter Daniel Friedrich bei einer Video-Konferenz. Es gehe um Tausende Industriearbeitsplätze in einer Branche mit einer langfristig guten Perspektive.

Insgesamt beschäftige der Schiffbau in Deutschland mehr als 100 000 Mitarbeiter, die meisten davon in der Zulieferindustrie. Der Verband VSM geht in der Zulieferindustrie von weitaus höheren Zahlen aus und sieht sogar 200.000 Arbeitsplätze in der Branche. Eine Studie im Auftrag der IG Metall Küste kam im vergangenen Jahr auf einen Zuwachs an Beschäftigung von mehr als elf Prozent.

Die gute Entwicklung mit steigenden Aufträgen und Umsätzen war vor allem auf einen Strategiewechsel des deutschen Schiffbaus nach der Finanzkrise zurückzuführen. Die Werften überließen das Massengeschäft mit großen Containerschiffen, Tankern und Bulkern endgültig den Werften in Korea, China und Japan und konzentrierten sich auf den High-Tech-Schiffbau.

Aus Deutschland kommen Kreuzfahrtschiffe und Luxusjachten, Fähren und aufwendige Spezialanfertigungen. Der Markt für Passagierschiffe boomte zuletzt, doch auch hier bringt die asiatische Konkurrenz den europäischen Anbietern zunehmend Konkurrenz - mit Preisdruck und staatlicher Schützenhilfe. Nun ist der Markt innerhalb weniger Wochen zusammengebrochen. «Bis 2027 sollten fast 200 Kreuzfahrtschiffe gebaut werden, davon viele in Europa», sagte Friedrich. «Die brauchen die Reeder jetzt erstmal nicht mehr.» Die Kreuzfahrtbranche liegt in der Corona-Krise komplett brach und es ist gegenwärtig nicht absehbar, wann wieder Kreuzfahrten angeboten werden.

In Deutschland bedeutet das Kurzarbeit auf den Werften in Ostdeutschland in Stralsund, Wismar und Schwerin sowie bei der Meyer Werft in Papenburg, die derzeit stillstehen. Ebenso die Flensburger Schiffbau-Gesellschaft, die Fähren baut. Das sind 7000 bis 8000 Arbeitnehmer und damit mehr als ein Drittel der Stammbelegschaften auf den Werften. Auslaufende Zeitverträge werden nicht verlängert. Werften, die etwa Jachten oder Marineschiffe bauen oder im Reparaturbereich tätig sind, geht es noch nicht so schlecht.

«Wir müssen jetzt die Aufträge strecken», sagte Friedrich. Die Reeder hätten nicht genug Mittel, um neue Schiffe zu bezahlen. Der Schiffbauverband VSM sieht nicht allein die Werften für Kreuzfahrtschiffe in Not. «Es geht um die gesamte Industrie», sagte Hauptgeschäftsführer Reinhard Lüken. Es werde weltweit ein Loch geben bei den Bestellungen, auch bei den Werften für Frachtschiffe. Das aber seien die Kunden der deutschen Zulieferindustrie. Der Markt werde sicher in zwei, drei oder vier Jahren zurückkommen und dann noch komplexere Schiffe verlangen, was den deutschen Werften zugute kommen könne. «Aber nur, wenn es uns noch gibt», sagte Lüken. «Über dieses Loch müssen wir hinwegkommen.»  

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