Corona-Krise
Kriselnder Autobauer Renault will 15.000 Jobs streichen

Schon vor der Corona-Krise kämpfte Renault mit Problemen. Nun zieht der Hersteller die Notbremse. Im Heimatland ist die Sanierung ein besonders heißes Eisen - denn Präsident Macron hat Forderungen.

Freitag, 29.05.2020, 13:52 Uhr aktualisiert: 29.05.2020, 13:54 Uhr
Allein in Frankreich will Renault rund 4.600 Jobs abbauen.
Allein in Frankreich will Renault rund 4.600 Jobs abbauen. Foto: Christophe Ena

Boulogne-Billancourt/Hannover (dpa) - Mit dem Abbau von rund 15.000 Stellen und milliardenschweren Kostensenkungen will der französische Autobauer Renault aus der Krise kommen.

Ein kleineres Werk für mechanische Teile in der Nähe von Paris soll bis 2022 dichtgemacht werden, kündigte Renault-Präsident Jean-Dominique Senard in Boulogne-Billancourt bei Paris an. Weitere Schließungen seien nicht geplant, auch nicht im Ausland: «Das ist kein Plan für Fabrikschließungen, das ist ein Sparplan.» Renault hat bisher allein in Frankreich 14 Standorte.

Bei dem geplanten sozialverträglichen Abbau von Stellen entfallen rund 4600 auf Frankreich, in den übrigen Ländern weltweit sollen es über 10.000 sein. Das über drei Jahre laufende Sparprogramm hat einen Umfang von über zwei Milliarden Euro. «Wir müssen profitabler werden», sagte Interimschefin Clotilde Delbos. Ungeachtet der Probleme werde der Hersteller aber in der Formel 1 verbleiben.

Der Konzern mit bisher rund 180.000 Beschäftigten weltweit schrieb bereits im vergangenen Jahr rote Zahlen. Die Corona-Pandemie und die Absatzkrise verstärkten die Probleme. Der Konzern braucht einen staatlich garantierten Kredit von fünf Milliarden Euro; Senard zeigte sich zuversichtlich, dass der Vertrag bald unterschrieben werden kann. Das Unternehmen sei nicht bedroht: «Renault funktioniert, Renault lebt», sagte der frühere Chef des Reifengiganten Michelin.

Die gesamte Branche mit Hunderttausenden Arbeitsplätzen befindet sich im Umbruch. Bei anderen Autokonzernen laufen ebenfalls harte Umbau- und Kürzungsprogramme. Die Arbeitswelt in der Branche ändert sich radikal, die Unternehmen müssen bereits Milliarden in den schwierigen Wandel in Richtung E-Mobilität und Digitalisierung stecken. Der Nachfrageeinbruch in der Corona-Krise erhöht nun zusätzlich den Spardruck: Immer weniger Verbraucher interessieren sich für die Anschaffung eines Autos. Investitionen werden gedrosselt, viele weitere Jobs stehen auf der Kippe.

In Frankreich ist die Autokrise inzwischen Chefsache. Staatschef Emmanuel Macron legte zu Wochenbeginn einen milliardenschweren Rettungsplan für die heimische Autobranche vor. Das Ziel: Sein Land soll bei der Herstellung von sauberen Autos in Europa führend werden. Für den Milliardenkredit seien Zusagen von Renault für zwei Werke in Nordfrankreich nötig, hatte Macron gefordert. Der Staat hat mit einem Anteil von 15 Prozent bei dem Hersteller immer noch viel zu sagen.

Renault setzt nun auf Stärken wie das E-Auto. Senard sagte, die Fabriken im Heimatland seien nur zu rund 60 Prozent ausgelastet. Die weltweite Produktionskapazität von bisher vier Millionen Autos im Jahr soll innerhalb von vier Jahren auf 3,3 Millionen Fahrzeuge sinken. Senard verabschiedet sich damit endgültig vom Expansionskurs des früheren Topmanagers Carlos Ghosn. Dessen Rücktritt hatte den Hersteller im vergangenen Jahr in Turbulenzen gestürzt. Ghosn war in Japan wegen Vorwürfen festgenommen worden und flüchtete später in den Libanon.

Senard machte deutlich, dass es in Inlandswerken Veränderungen geben müsse. Er nannte die Fabrik im nordfranzösischen Dieppe, wo bisher der Sportwagen Alpine gebaut werde. Die von Macron angesprochenen Werke Douai und Maubeuge sollen nun zu einem Zentrum für Elektro-Autos und leichte Nutzfahrzeuge werden. In der großen Fabrik Flins im Pariser Großraum, die nach Medienangaben bisher rund 2400 Stammbeschäftigte hat, soll ein Recyclingzentrum entstehen. Für weitere strategische Entscheidungen wartet Renault auf den designierten Generaldirektor Luca de Meo - der frühere Seat-Vorstandschef soll am 1. Juli nach Boulogne-Billancourt kommen. Wie die Nachrichtenagentur AFP berichtete, kündigte die gemäßigte Gewerkschaft CFDT bereits Widerstand gegen den Sparplan an.

Renault hatte bereits am Mittwoch gemeinsam mit den japanischen Partnern Nissan und Mitsubishi angekündigt, auf die Kostenbremse zu treten. Der damalige Autoboss Ghosn hatte der Allianz mit harter Hand geführt. Renault hält 43,4 Prozent der Anteile an Nissan - der japanische Hersteller schreibt inzwischen tiefrote Zahlen. Nissan trug lange erheblich zu den Gewinnen von Renault bei - diese Zeiten sind nun vorbei. Die französisch-japanische Allianz lag beim Absatz 2019 weltweit hinter den Branchenriesen VW und Toyota.

In Deutschland baut BMW in den kommenden Jahren Tausende Arbeitsplätze ab. In der Regel soll dies über Maßnahmen wie die Nicht-Nachbesetzung von Stellen gelingen, der Betriebsrat schloss zuletzt aber auch betriebsbedingte Kündigungen nicht mehr aus. Daimler hatte schon vor der Pandemie einen Abbau im niedrigen fünfstelligen Bereich angepeilt. Renault ist mit Daimler über eine Kooperation verbunden, die laut Senard wiederbelebt werden soll.

Bei VW löst eine «digitale Roadmap» das Sparprogramm «Zukunftspakt» ab: Der größte Autokonzern der Welt baut einerseits neue Beschäftigung in neuen Bereichen wie einer eigenen Batteriezellfertigung auf, ähnlich wie bei der deutsch-französischen Batterieallianz von PSA/Opel und Saft. Senard bestätigte, dass Renault dem deutsch-französischen Batterienbündnis beitreten wolle.

Anders als in Frankreich sind die von der Industrie geforderten Kaufprämien für Fahrzeuge in Deutschland noch nicht beschlossen. Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sprach sich mit den Regierungschefs der beiden weiteren «Autoländer» Bayern und Baden-Württemberg, Markus Söder (CSU) und Winfried Kretschmann (Grüne), für rasche Entscheidungen hierzu aus. Sonst drohten vor allem kleinere Zulieferer abzustürzen.

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