Frühchen
So leicht wie ein Glas

Münster -

Fynn kam 15 Wochen zu früh zur Welt — wegen einer Schwangerschaftsvergiftung. Das Kind musste künstlich ernährt und beatmet werden. Heute ist Fynn knapp 4 Jahre alt und ein kleiner Dickkopf. Gut möglich, dass ihm das geholfen hat, all das zu überstehen.

Dienstag, 09.05.2017, 16:30 Uhr

Frühchen : So leicht wie ein Glas
Fynn war bei seiner Geburt ungefähr so groß wie das Glas Schorle vor ihm. Foto: Gunnar A. Pier

Fynn war bei seiner Geburt nur eine Handvoll Leben: 350 Gramm schwer und 25 Zentimeter groß. Zwei Tage nach Beginn der 25. Schwangerschaftswoche kam er am 3. Juli 2013 per Kaiserschnitt auf die Welt. 15 Wochen zu früh. Seine Mutter, Sandy Aasmann, war schwer erkrankt: Sie litt an einer sogenannten Schwangerschaftsvergiftung . Mit dem Kaiserschnitt, der von den Medizinern so lange wie möglich hinausgezögert worden war, wurde fast in letzter Sekunde ihr Leben gerettet.

Ich war eine tickende Zeitbombe, bei der es um das eigene Leben und das des Kindes ging.

Sandy Aasmann

Jeder Tag im Bauch der Mutter ist wichtig

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Die erste Zeit war schwer. Flynn musste künstlich ernährt und beatmet werden. Foto: privat

13 Tage zuvor war die heute 33-Jährige in das Universitätsklinikum Münster (UKM) eingewiesen worden. Starke Wassereinlagerungen, schlechte Leberwerte und ein extrem hoher Blutdruck waren die Symptome. Alles zusammen lebensbedrohend. Um dem Kind eine Chance zu geben, musste Sandy Aasmann unter ständiger Beobachtung im Bett liegen bleiben. „Ich war eine tickende Zeitbombe, bei der es um das eigene Leben und das des Kindes ging. Mir war klar, wie ernst es um uns beide stand“, sagt die Mutter, und deshalb habe sie auch die Anweisungen der Ärzte und Schwestern befolgt. Nicht einmal den Gang zur Toilette durfte Sandy Aasmann alleine unternehmen – immer war eine Schwester dabei.

„Einfach war das nicht, aber ich wusste, wofür ich es machte“, sagt die junge Frau. Ständig sei sie auf Hilfe angewiesen gewesen, aber nie habe ihr jemand das Gefühl gegeben, dass sie ihm zur Last falle. „Ich bin wirklich sehr verständnisvoll betreut worden.“ Jeder Tag, den sie so überstanden habe, sei gut für das Kind gewesen.

Als Fynn auf die Welt kommt, ist er kleiner als erwartet

Doch am 3. Juli verschlechterten sich die Werte der Mutter extrem. „Ärzte und Schwestern waren plötzlich in großer Panik und das Kind musste auf die Welt geholt werden“, erinnert sich Sandy Aasmann. „Fynn war wirklich sehr klein“, sagt Oberarzt Dr. Claudius Werner , Leiter des Bereichs Neoantologie in der Kinder- und Jugendmedizin des UKM. Kleiner als erwartet, denn aufgrund vorheriger Ultraschalluntersuchungen war sein Gewicht auf knapp 500 Gramm geschätzt worden. Es ist kaum vorstellbar, wie winzig das Kind war. „Die Oberschenkel hatten den Umfang meines Zeigefingers“, erklärt der Arzt.

Schon gewusst?

22 Wochen müssen Kinder mindestens im Bauch ihrer Mutter leben, damit sie eine Chance haben, ihre Geburt zu überleben.

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Dr. Claudius Werner Foto: Gunnar A. Pier

Den Beginn der 25. Schwangerschaftswoche hatten Fynn und Sandy Aasmann so gerade noch geschafft. „Das war wichtig“, betont Werner. „Vor der 22. Schwangerschaftswoche geborene Kinder seien nicht überlebensfähig. Erst danach gebe es mit den heutigen Möglichkeiten und intensivmedizinischer Behandlung eine Chance zu überleben. „Ich bin über alle Risiken und Möglichkeiten immer sehr gut aufgeklärt worden“, sagt Sandy Aasmann. Nie habe sie das Gefühl gehabt, ihr mache jemand etwas vor. Dennoch gab es direkt nach der Geburt die Frage, ob Fynn intensiv oder palliativ behandelt werden soll. Für die Mutter keine Frage, sie wollte, dass ihr Sohn jede Unterstützung erhält, um weiterzuleben. „Die Frage stellen wir bei so kleinen und unreifen Kindern“, sagt Werner. Die allermeisten Eltern entscheiden wie Sandy Aasmann. Also kam Fynn auf die Frühchen-Intensivstation und wurde unter anderem künstlich beatmet und ernährt.

Die ersten 72 Stunden sind besonders kritisch.

Dr. Claudius Werner

„Die ersten 72 Stunden sind besonders kritisch“, sagt Werner. Sie seien großer Stress für das Kind. „Wenn die erst einmal überstanden sind, kann leichter Optimismus aufkommen.“ Fynn war wirklich klitzeklein, aber wie eine Krankenschwester laut Sandy Aasmann schon am zweiten Tag feststellte, ein „Kind mit einem eigenen Kopf“. Das habe sich bis heute mehr als einmal bestätigt.

Auch die Operationen danach sind für den Säugling riskant 

Dieser Wille war es dann wohl auch, der Fynn half, zu überleben. Denn einfach war die erste Zeit nicht. Mehrere Operationen musste der Säugling über sich ergehen lassen. „Vor allem die Narkose ist immer ein großes Risiko, ich habe sehr viel um ihn gebangt, wenn es wieder einmal etwas schlechter um ihn stand“, erinnert sich Sandy Aasmann. Geholfen habe ihr auch, dass sie vom Klinkteam immer offen, ehrlich und zugleich sehr menschlich betreut wurde. „Alle hatten auch mein Wohlbefinden im Blick.“

Fynn erwies sich weiterhin als Kämpfer und Überlebenskünstler. „In der 19. Etage des UKM habe ich in schweren Stunden gesessen, gebetet und gesagt: ,Lieber Gott, mein Kind kriegst du nicht’“, berichtet die Mutter.

Der Mutter geht es schnell besser – sie kann sich um ihr Kind kümmern

Nach der Geburt waren Sandy Aasmanns Beschwerden übrigens sofort verschwunden. „Zwei Tage fühlte ich mich noch etwas schlapp, doch dann war ich wieder auf den Beinen.“ Zu Hause wartete schließlich noch ihr neun Jahre älterer Sohn. Trotzdem verbrachte die Mutter viel Zeit in der Uniklinik.

Fynn brauchte seine Mutter. „Ich habe ihn sehr oft und viel berührt und so oft wie möglich aus dem Inkubator genommen. „Das ist sehr wichtig für diese frühgeborenen Kinder“, erklärt Werner, dadurch werde eine enge Bindung aufgebaut und zudem nachweislich die Entwicklung gefördert. Besonders schön fand Sandy Aasmann das sogenannte Känguruing, bei dem das Kind mit Hautkontakt auf der Brust liegt. „Das war immer sehr entspannend für uns beide.“

So ein kleiner Säugling muss auch entsprechend ernährt werden. Alle zwei Stunden gab es 0,5 Milliliter Muttermilch. „Das klingt wenig, ist umgerechnet aber enorm viel“, erklärt der Arzt. Rund 130 Kalorien pro Kilogramm Körpergewicht. Für einen erwachsenen Menschen wären das durchschnittlich 10 000 Kilokalorien pro Tag.

Ein paar gesundheitliche Probleme behält Flynn

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Zu früh geborene Kinder benötigen eine sehr genaue Kontrolle. Foto: Jürgen Peperhowe

Dennoch sei es nicht so, dass Eltern glauben, sie müssten ihr Frühchen nun besonders gut ernähren, damit etwas aus ihm wird. „Diese Kinder bleiben immer etwas zarter, und das ist auch gut für sie“, betont der Facharzt. Auch Fynn ist mit seinen knapp vier Jahren ein zartes Kind und zum Bedauern seiner Mutter ein sehr schlechter Esser. Nicht einmal mit Süßigkeiten ist er zu locken. Diese Kinder hätten durch die Sondierung in den ersten Lebenswochen oft Probleme mit der Nahrungsaufnahme, sagt Werner.

Trotzdem ist Fynn groß geworden, heute wiegt er fast 13 Kilogramm und ist 95 Zentimeter groß. Ein paar gesundheitliche Probleme hat der Junge heute noch. Seine Lunge ist nicht ganz in Ordnung, und er benötigt eine spezielle Förderung. Werner ist überzeugt, dass sich vieles im Laufe der Zeit noch geben wird und der Junge eine gute Chance hat, ein normales Leben zu führen.

Erst mit 19 Wochen kommt Flynn nach Hause

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Flynn hat sich von seinem schlechten Start gut erholt. Und seine Mutter sagt: "Ich bin aus dieser Erfahrung gestärkt hervorgegangen." Foto: Gunnar A. Pier

Mit einem Gewicht von 2875 Gramm wurden Mutter und Kind 19 Wochen nach der Geburt entlassen. Zu Hause musste Fynn immer noch an das Beatmungsgerät angeschlossen werden. „In der Klinik war ich bestens auf diesen Tag vorbereitet worden, und dann hatte ich doch ein mulmiges Gefühl“, gibt Sandy Aasmann zu. Doch auch diese Hürde hat sie gemeistert. „Rückblickend kann ich sagen, dass ich aus dieser Erfahrung sehr gestärkt herausgekommen bin.“ Natürlich habe sie immer noch Angst, dass Fynn etwas passiert.

Dennoch versucht sie, ihn genau so zu behandeln wie ihren älteren Sohn. Sie kann das Kind auch loslassen und ruhigen Gewissens anderen Personen zur Betreuung überlassen. Noch in diesem Jahr wird Fynn in den Kindergarten kommen. Darauf freuen sich Mutter und Sohn gleichermaßen. Den Kampf ums Leben haben beide gewonnen. Und Sandy Aasmann fügt hinzu: „Ich bin jeden Tag froh, dass ich Fynn bei mir habe.“

Vergiftung durch die Schwangerschaft

Präeklampsie ist die Fachbezeichnung für die vom Volksmund so genannte Schwangerschaftsvergiftung. Rund zehn Prozent der werdenden Mütter sind davon betroffen, viele allerdings erst gegen Ende der Schwangerschaft. Symptome sind Bluthochdruck, eine vermehrte Eiweißausscheidung im Urin und Wassereinlagerungen im Gewebe. Sandy Aasmann litt zusätzlich an dem sogenannten HELLP-Syndrom, bei dem noch eine Schädigung der Leber hinzukommt.  Wenn das Leben der Mutter massiv bedroht ist, muss das Kind auf die Welt geholt werden. „Woher diese Reaktion des Körpers kommt, ist noch nicht eindeutig geklärt“, betont Oberarzt Dr. Claudius Werner, Leiter des Bereichs Neoantologie in der Kinder- und Jugendmedizin des Uniklinikums Münster. Rund 15 Millionen Babys weltweit kommen jährlich zu früh auf die Welt, allein in Deutschland ist es jedes elfte. Hier werden 8000 Jungen und Mädchen vor der 30. Schwangerschaftswoche geboren. 

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