Dramatischer Rückgang der Bestände
In Deutschland schwinden die Insekten

Münster -

Einige Leute sagen, es reiche bereits, sich den Zustand von Windschutzscheibe und Nummernschild nach einer langen Autofahrt im Sommer anzuschauen. Ein klebriger Brei, hervorgerufen durch Kollisionen mit Hunderten von Insekten? Kaum mehr feststellbar. Was vor einigen Jahren so alltäglich wie Wespen war, die gierig Kurs auf den Pflaumenkuchen im Garten nahmen, ist heute zum Sinnbild eines Phänomens geworden, das Sorgen bereitet.

Samstag, 18.11.2017, 10:01 Uhr aktualisiert: 19.11.2017, 14:56 Uhr
Nur scheinbar ungeordnetes Schwirren:Bienen sind disziplinierte Völker und gelten nach Schwein und Rind als das drittwichtigste Nutztier in Deutschland. Ihre Bestände sind jedoch gefährdet.
Nur scheinbar ungeordnetes Schwirren:Bienen sind disziplinierte Völker und gelten nach Schwein und Rind als das drittwichtigste Nutztier in Deutschland. Ihre Bestände sind jedoch gefährdet. Foto: Colourbox

Alles nur subjektive Wahrnehmungen? Nichts anderes als ein Bauchgefühl? Spätestens seit dem Jahr 2013 wird darüber mit zunehmender Lautstärke gestritten. Die Schuld daran – wenn man es denn so nennen will – trägt der Entomologische Verein Krefeld, eine Gruppe von rund 50 ehrenamtlichen Insektenkundlern, die nach jahrelangen Feldversuchen zu einem dramatischen Schluss gekommen sind: In der Zeit von 1989 bis 2013 sind die Insektenbestände um bis zu 75 Prozent zurückgegangen.

Rückgang selbst in Naturschutzgebieten

Als die Krefelder ihre Studie veröffentlichten, rümpften manche Forscher ihre Nasen. Es sei wenig aussagefähig, ein paar Fallen aufzustellen und das Gewicht der darin gefangenen Insekten zu messen, hieß es. So erfahre man nichts über die einzelnen Insektenarten. Und: Eine Langzeitbeobachtung in Naturschutzgebieten lasse keine allgemeinen Rückschlüsse zu. Andere Wissenschaftler sehen gerade darin die eigentliche Beweiskraft: Wenn solche Rückgänge schon in Naturschutzgebieten gemessen werden – wie sieht es dann „draußen“ aus, dort, wo sich Maisfelder aneinander reihen und Wiesen kaum zu finden sind?

Dramatischer Insektenschwund

Seitdem Wissenschaftler der Radboud University in Nijmegen die Daten der Krefelder Insektenforscher ausgewertet haben, hat die Diskussion eine neue Dimension erreicht. Die niederländischen Forscher kommen zu einem ernüchternden Schluss: Der Schwund an Insekten ist noch dramatischer, als bislang angenommen.

Alles fokussiert sich auf das Honigbienen­-sterben. Dabei gerät die Wildbiene aus dem Blick.

Reinhard Kleinsorge, Imker

Und die Ursachen? Monokultur in der Landwirtschaft? Zu viele Pestizide? Immer sichtbarer werdende Folgen des Klimawandels? Viele Landwirte fühlen sich an den Pranger gestellt. „Außer Anklagen hören wir nicht viel“, meint Hans-Heinrich Berghorn, Pressesprecher des Westfälisch-Lippischen Bauernverbandes. „Strategische Antworten“ vermisse er. Dass Artenreichtum im Interesse aller ist und lösungsorientierte Gespräche immer wichtiger werden, das leugnet er freilich nicht.

Schleichender Prozess

Ein Markttag in Münster-Kinderhaus. Dr. Wilhelm Kraneburg stapelt Kisten mit Äpfeln auf seinen Klapptischen. Die Roten Sterne von den Streuobstwiesen, die er in Senden betreut, sind sehr beliebt. Daneben die Graue Herbstrenette, ein zuckersüßer, an Birnen erinnernder Apfel. Die Stammkunden des 72-Jährigen rühmen die Qualität des Obstes. „Wer braucht schon immer gleich aussehende Äpfel“, sagt ein Mann.

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Äpfel von Streuobstwiesen: Dr. Wilhelm Kraneburg engagiert sich seit Jahren für Artenvielfalt. Auf Märkten verkauft er die Äpfel der Wiesen, die er betreut. Foto: Gunnar A. Pier

Kraneburg ist ein Naturliebhaber, Imker seit Jugendjahren und Verfechter des Artenreichtums nicht nur auf Obstwiesen. Das Sterben der Insekten stellt sich für ihn als „schleichender Prozess“ dar.

Vor zwei Jahren hat Kraneburg eine Artenschutzkonferenz im Kreis Coesfeld organisiert, zu der er Dr. Martin Sorg, das bekannteste Mitglied des Entomologischen Vereins Krefeld, einlud. Das Ausmaß des Insektensterbens erschreckt ihn seitdem. „Insekten brauchen Blüten – und wir im Frühjahr blühende Obstbäume. Gibt es etwas Schöneres als blühende Obstbäume?“

Rebhuhn schon ausgestorben

Der Tag von Kristian Lilje ist straff getaktet. Morgens ein Informationsgespräch über das Kiebitzprojekt, danach strategische Planung. Der Kiebitz ist für den wissenschaftlichen Mitarbeiter der Nabu-Naturschutzstation Münsterland zum Sinnbild des Artenrückgangs geworden. Ohne Wiesen kein Lebensraum für Vögel und Insekten. Ohne Insekten keine Nahrung. Das eine bedingt das andere – doch der Kreislauf funktioniert schon lange nicht mehr richtig.

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Im Kreis Warendorf betreut Lilje ein mit Bundesmitteln unterstütztes Projekt, für das sich kein Vogel so sehr anbietet wie der Kiebitz. „Wenn nichts passiert, ist er im Jahre 2030 ausgestorben“, sagt Lilje. Ausgestorben wie schon jetzt das Rebhuhn.

Der Kiebitz brütet auf Ackerflächen, braucht freie Sicht, um Feinde rechtzeitig zu erkennen, und Insekten und Pflanzen für sich und die Brut. Lilje und seine Kollegen kooperieren mit Landwirten, markieren Brutstellen, um die die Bauern herumfahren. In manchen Fällen hat der Nabu Kiebitzinseln angelegt, Brachflächen, auf denen sich die Natur wieder entwickeln kann. Von solchen Flächen träumt Lilje. Für ihn sind sie eine Chance, den Artenreichtum zu erhalten – „wenn es dafür nicht schon zu spät ist“.

Bienensterben leugnet heute niemand mehr

Reinhard Kleinsorge sieht nach seinen Bienenvölkern in Münster-Amelsbüren. Der exakte Standort wird sicherheitshalber nicht genannt. Man muss Bienendieben die kriminelle Arbeit nicht unbedingt mit Ortsangaben leichter machen. Bienen-Diebstahl? „Den gibt es“, sagt Kleinsorge. Seitdem, wie er betont, 20 Prozent der Völker jährlich sterben, ist nicht mehr viel so, wie es früher war in der Imkerwelt.

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Imker mit Erfahrung: Reinhard Kleinsorge war 14 Jahre alt, als er sein erstes eigenes Bienenvolk erhielt. Das Sterben der Bienen macht ihm Sorgen. Foto: Gunnar A. Pier

Der 69-Jährige war 14 Jahre alt, als ihm seine Familie das erste eigene Bienenvolk anvertraute. Seitdem begleiten ihn Honigbienen durch sein Leben. Als Lehrer hat er mit seinen Schülern Bienenstöcke gebaut. Im Verein tauscht er sich mit anderen Imkern aus, erfährt viel und gibt manches weiter. Das Bienensterben leugnet heute niemand mehr.

Bienen verkrüppeln und sterben

Die Ursachen? Da ist beispielsweise die Varroamilbe, die sich immer stärker ausbreitet. Sie manipuliert das Immunsystem, lässt Bienen verkrüppeln und sterben. Imker bekämpfen die Milbe mit Milch- und Ameisensäure.

Auch an Nahrung fehlt es. „Wir haben hier nur den Raps und die Linde“, sagt Kleinsorge. Ende Juli versiegt die letzte dieser Nahrungsquellen, wobei die Biene als Nutztier auf ihren Imker und dessen Zuckerlösungen vertrauen kann.

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Hobby-Imker Reinhard Kleinsorge an seinem Bienenstock. Foto: Gunnar A. Pier

Blühstreifen an Ackerrändern ein Anfang

Pflanzenschutzmittel und Insektizide machen es den Bienen nicht leichter. „Sie beeinflussen die Orientierungsfähigkeit“, erklärt der Imker und macht sich Sorgen um die Zukunft. „Ich verurteile die Landwirtschaft nicht. Ich sehe die wirtschaftlichen Zwänge.“ Blühstreifen an Ackerrändern seien ein Anfang. Die Blütenvielfalt allerdings sollte den Bedürfnissen der Insektenwelt angepasst werden. „Sonnenblumen haben einen eher geringen Nektaranteil.“

Kleinsorge trägt nur eine leichte Jacke unter seinem Imkerkittel. Auch darüber ist nachzudenken – nicht über die Jacke, sondern über den Grund, weshalb Winterkleidung immer luftiger wird. „Der Klimawandel setzt den Bienen zu. Sie kommen nicht zur Ruhe, können den Stoffwechsel nicht richtig herunterfahren.“ Doch genug über Honigbienen geredet. „Alles fokussiert sich auf das Honigbienensterben. Dabei gerät die Wildbiene aus dem Blick.“

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