Umweltschutz
Von Tätern und Opfern in Sachen Nachhaltigkeit

Von Nachhaltigkeit reden Politik und Verbraucher gern. Trotz besseren Wissens aber handelt kaum jemand zum Wohle der Umwelt. Mit Argumenten allein lässt sich der Kampf gegen ökologische Krisen nicht gewinnen. Eine Spurensuche.

Sonntag, 09.12.2018, 14:10 Uhr aktualisiert: 09.12.2018, 14:58 Uhr
Umweltschutz: Von Tätern und Opfern in Sachen Nachhaltigkeit
Die Nachhaltigkeits-Idee auf dem Prüfstand Foto: COLOURBOX.de

Der menschliche Lebensstil muss nachhaltiger werden. Kaum jemand würde dieser These widersprechen. Und trotzdem handelt fast niemand danach. Die Frage, ob und warum die Natur geschützt und Ressourcen geschont werden sollten, auch sie scheint den meisten obsolet.

Die gängige Antwort lautet: Weil wir es den Generationen nach uns schuldig sind. Tatsächlich kann man diesen künftigen Generationen überaus dankbar sein, denn ohne das Wissen, dass es sie geben wird, ohne den mahnenden Blick in die Zukunft, stünde heute wahrscheinlich kein Baum mehr.

Hoher Verbrauch von Ressourcen

Tatsächlich lebt die Menschheit auf großem Fuß. Seit 1970 verbraucht sie jedes Jahr mehr Ressourcen, als die Erde erneuern kann. Heißt: Wir leben defizitär, auf Kosten künftiger Generationen. Die Forschungsorganisation Global Footprint Network berechnet Jahr für Jahr den Zeitpunkt, wann die Weltgesellschaft ihr ökologisches Jahresbudget aufgebraucht hat. 2018 lag dieser Tag am 2. August. Es war das früheste Datum, seitdem wir angefangen haben, die Substanz unserer Erde aufzubrauchen.

Um den Ressourcenbedarf zu decken, bräuchten wir mittlerweile 1,7 Erden. Man wundert sich nicht, dass beispielsweise die USA im Ranking der Ressourcenfresser weit vorne liegen: Würden alle Länder so konsumieren wie die Vereinigten Staaten, bräuchten wir bereits fünf Erden. Aber auch die moralisch integren und immer auf Nachhaltigkeit bedachten Deutschen haben einen Verbrauch von 3,1 Erden pro Jahr.

Kaffeekapseln, Biogurke, SUV

Klimakanzlerin, Ökosiegel, Mülltrennung – wir gefallen uns in der Rolle einer umweltbewussten Nation. Und liegen damit falsch: Wir sind es nicht. Wir setzen nach wie vor auf die Kohle als Energieträger, verbrauchen täglich Millionen an Kaffeekapseln und auch hierzulande werden die spritschluckenden SUVs auf den Straßen mehr. Wir meinen, es genügt Ökostrom zu konsumieren, um dann den Fernseher des Nachts auf Standby zu belassen. Kaufen Bio-Gurken und entsorgen das Plastik drumrum in den gelben Sack. Richtig nachhaltig ist das alles nicht.

Und die Politik? Bleibt im Ungefähren. Kneift vor der Debatte um echte Lösungen und vermeidet es, sich auch mal dezidiert unbeliebt zu machen. Arbeitsplätze, Flüchtlinge und Integration, Renten, Steuern, Europa, Bildung sowie die zähe Debatte um Dieselmotoren – das sind die Themen, mit denen sich die Politik vordergründig beschäftigt. Obwohl die Weltklimakonferenz im vergangenen Jahr 2017 in Bonn zeitgleich zur Bundestagswahl stattfand, ignorierten die Parteien die ökologische Schieflage konsequent.

Idee der Nachhaltigkeit ist komplex

Tatsächlich ist die Idee der Nachhaltigkeit komplexer denn je; ist der Verweis auf künftige Generationen den meisten Menschen zu abstrakt. Und wahrscheinlich wäre es auch unmoralisch, sich um das Wohlergehen zukünftiger nicht-existierender Personen zu scheren, und heutiges Elend insbesondere in Entwicklungsländern zu ignorieren.

Als Hans Carl von Carlowitz (1645 bis 1714) den Nachhaltigkeitsbegriff erstmals nutzte, handelte er in Sorge um die heimischen Wälder. Er betonte die Wichtigkeit einer nachhaltigen Forstwirtschaft, indem nicht mehr Bäume gefällt werden sollten, als nachwachsen können. 1987 übernahm die Brundtland-Kommission den Gedanken und entwickelte ihn weiter: Der Terminus sustainable development richtete sich aus an der damaligen entwicklungspolitischen Debatte um die Befriedigung der Grundbedürfnisse.

Übernutzung der Natur

Die Übernutzung der Natur, so die These, schränke die menschliche Bedürfnisbefriedigung ein. Spätestens seit dem Rio-Gipfel 1992 fand das Leitbild des sustainable development Eingang in zahlreiche Folgedokumente. 2015 verabschiedeten die Vereinten Nationen in ihrer Agenda 2030 die sogenannten SDGs ( Sustainable Development Goals ) – 17 Ziele mit 169 Unterzielen.

Keine Armut, kein Hunger, Gesundheit und Wohlergehen, hochwertige Bildung, sauberes Wasser, bezahlbare und saubere Energie, nachhaltige Städte und Gemeinden, nachhaltiger Konsum und Produktion, Maßnahmen zum Klimaschutz – das sind nur einige der Ziele, denen sich die Mitgliedstaaten verpflichtet haben.

Bevölkerung fühlt sich ohnmächtig

Man ahnt es bereits, die Marschroute wird durch diese vagen und zumeist unverbindlichen Ziele nicht sehr deutlich. Die Staaten wissen bei der Verwirklichung dieser Ziele gar nicht, wo sie anfangen und wo sie aufhören sollen.

Und die Bevölkerung? Fühlt sich in weiten Teilen ohnmächtig im Anblick der ökologischen Bedrohungslage und im Hinblick auf das eigene Handeln. Menschen sind gespaltene Persönlichkeiten. Kaum jemand glaubt noch ernsthaft daran, dass das mühsamere Streben nach mehr Wachstum eine sinnvolle Sache ist. In ihren Äußerungen suchen sie zunehmend Veränderungen in Richtung Nachhaltigkeit.

Hohe ökologische Sensibilisierung

So belegen Studien immer wieder die hohe ökologische Sensibilisierung – richtig bedeutungsvoll aber werden Umwelteinstellungen und -werthaltungen aber erst dort, wo sie in tatsächliches Verhalten umgesetzt werden. Und eben dort hapert es: Viele schaffen es nicht, ihre Handlungen an ihren Überzeugungen auszurichten.

Das perfide an Umweltproblemen: Der einzelne Täter ist kaum auszumachen. Die Opfer? Obwohl wir früher oder später alle zum Opfer werden, reicht die Vorstellungskraft dazu nicht aus, ein konkretes Schadensereignis heraufzubeschwören. Die anonymen Verlierer auf den südpazifischen Eilanden sind weit genug entfernt, als dass sie als mahnendes Beispiel taugen.

Eingenistet in Routinen

Dabei muss man sich vor Augen halten: Menschen setzen sich nicht in ihr Auto, um zum Bäcker zu fahren, weil sie der Umwelt schaden wollen, nein, sie wollen bequem an ihr Brötchen kommen. Das primäre Bedürfnis ist in der Handlung dominant. Es sind wunderbare Routinen, in denen sich die Menschen eingenistet haben. Warum sollte der Einzelne verzichten, wenn alle anderen weiter machen wie bisher? Niemand käme auf die Idee, den Coffee-to-go-Becher stehen zu lassen, während alle anderen scheinbar gedankenlos zugreifen. Schließlich wäre der Mehrwert für die Natur, am individuellen Handeln gemessen, verschwindend gering.

Es gibt zarte Anzeichen einer grünen Bewegung, Car-Sharing-Modelle, verpackungsfreie Supermärkte in der Peripherie der Städte, solidarische Landwirtschaft und so weiter. Die Hoffnung wächst, dass der Zeitgeist in 20 Jahren soweit ist, dass nur noch nachhaltiges Handeln toleriert wird. Garantieren kann das aber keiner. Vielfach wird es notwendig werden, dass der Staat die SDGs in reale Politik umsetzt und den Weg weist. Mit Geboten, mit Verboten und mit Anreizen.

Es gibt keine Alternative

Nur er kann das Tempo der nachhaltigen Entwicklung, das derzeit viel zu langsam ist, beschleunigen. Der ein oder andere wird das wahrscheinlich als Angriff auf die persönliche Freiheit empfinden und über gefühlte Ungerechtigkeiten schimpfen. Aber im Grunde sind sich ja alle einig: Der menschliche Lebensstil muss nachhaltiger werden. Es gibt keine Alternative.

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