Fatale Folgen
Insektensterben: Wir sind dann mal weg

Münster -

Während der Laie sich freut, dass nach der sommerlichen Autofahrt weniger Kreaturen-Reste an der Windschutz-Scheibe kleben, schlagen Wissenschaftler Alarm: Weltweit hat ein Insektensterben eingesetzt. Die Folgen sind bislang nicht absehbar – vermutlich wird es aber auch den Menschen massiv beeinträchtigen.

Samstag, 16.02.2019, 10:00 Uhr aktualisiert: 16.02.2019, 10:50 Uhr
Von über 550 in Deutschland beheimateten Wildbienenartensind mittlerweile mehr als 197 Arten gefährdet. colourbox
Von über 550 in Deutschland beheimateten Wildbienenartensind mittlerweile mehr als 197 Arten gefährdet. Foto: colourbox

Eigentlich war der Zeitpunkt nicht optimal. Als Caspar A. Hallmann und seine Kollegen ihre Studie zum Thema Insektenschwund im Herbst 2017 veröffentlichten, hatten sich die meisten Spezies zum Schutz vor der kalten Jahreszeit bereits versteckt. Die Ergebnisse aber, die die Wissenschaftler in ihrer Arbeit darlegten, waren dermaßen besorgniserregend, dass sie deutschlandweit für Aufsehen sorgten. 

Demnach hat die Zahl der fliegenden Insekten in weiten Teilen der Bundesrepublik dramatisch abgenommen; im Vergleich zum Basisjahr 1989 um durchschnittlich 76 Prozent. „Bislang gab es noch keine Erhebung, die den im Prinzip lange bekannten Insektenschwund in dieser Qualität und in diesem Umfang dokumentiert hat“, sagt Prof. Josef Settele vom Helmholtz-Zen­trum für Umweltforschung in Halle. Da das Vorkommen der einzelnen Spezies ähnlich wie beim Wetter jährlich starken Schwankungen unterliegt, brauchte es eine Langzeituntersuchung, um belastbare Aussagen über den Rückgang machen zu können.

Drastischer Rückgang in Naturschutzgebieten

Die bis 2017 vorliegenden Messdaten waren zumeist lokal begrenzt und erlaubten daher keine Rückschlüsse, die sich hätten auf größere Gebiete übertragen lassen. Das erschreckende an dem Ergebnis der Krefelder Studie ist, dass die Proben, die den Rückgang belegen, allesamt in Naturschutzgebieten gesammelt wurden – es ist also anzunehmen, dass die Entwicklung in nicht geschützten Ökosystemen noch dramatischer ist.

Es ist oftmals schwierig, die Rückgänge bestimmten Ursachen zuzuordnen.

Josef Settele

Rund 33 000 verschiedene Insektenspezies sind in Deutschland gelistet. Die artenreichsten Gruppen unter ihnen sind Fliegen und Mücken (ca. 10 000 Spezies), Hautflügler, zu denen auch Bienen und Wespen gehören (ca. 9 000 Spezies), Käfer (ca. 8 000 Arten) sowie Schmetterlinge (ca. 3 700 Arten). Seit der Veröffentlichung der Studie versuchen Entomologen nachzuvollziehen, ob und – wenn ja – welche Arten besonders betroffen sind. „Tatsächlich kann man sagen, dass es ­keine einzelnen Spezies sind, die verloren gehen, vielmehr ist das gesamte Spektrum der Insekten betroffen“, sagt Settele.

Bienen als Markenbotschafter

Seit vielen Jahren schon sorgen sich die Menschen um die Biene. Nach Rind und Schwein ist sie das drittwichtigste Nutztier in Deutschland. Die Schlagzeilen über das Bienensterben haben große Betroffenheit hervorgerufen. Im Frühjahr 2017 beispielsweise meldeten Imker Verluste von bis zu 50 Prozent; die Varroa-Milbe, andere Parasiten, Pestizide, fehlende Blühpflanzen und einige weitere Gründe wurden gefunden. Noch empfindlicher als die Honigbiene sind die nahen Verwandten, die Wildbienen: Von den rund 570 Arten sind laut Roter Liste mittlerweile 197 gefährdet, 31 gar vom Aussterben bedroht.

Der Vorteil der Biene ist: Sie ist sozusagen ein Markenbotschafter, ihr haftet ein soziales Image an, sie ist flauschig, hat große Kulleraugen, ist emsig und ganz offenbar nutz­bringend. Die Biene Maja und ihr Kumpel Willi waren Sympathieträger für eine ganze Generation, und selbst heute weiß jeder Heranwachsende, dass Bienen Honig produzieren und durch die Bestäubung einen wichtigen Ökosystembeitrag leisten.

Viele Arten für Ökosystem wichtig

Der internationale Weltbiodiversitätsrat, kurz IPBES (Intergovernmental Science-Policy Platform von Biodiversity and Ecosystem Services), in dem auch Settele tätig ist, machte allerdings in seinem Bestäubungsbericht von 2016 bereits darauf aufmerksam, dass die Biene bildlich gesprochen nur die Spitze des Eisberges ist. Viele Arten leisten ihren Beitrag, damit das Ökosystem funktioniert.

Studien belegen, dass je nach Pflanze bis zu 90 Prozent aller Blütenbesuche nicht von Bienen sondern von zahlreichen anderen Insekten geleistet werden. Viele Pflanzen beispielsweise sind so klein, dass Bienen nicht mal auf ihnen landen können, andere wiederum sind für den Bienen-Rüssel zu groß. Von den 480 Schweb­fliegenarten in Deutschland sind die meisten ähnlich wichtig für das Bestäuben der Pflanzen, wie die Bienen. Tagfalter, Fliegen, Käfer, Motten und viele andere: Fast 90 Prozent aller Blütenpflanzen weltweit sind von Tier­bestäubung abhängig.

Zum Thema

Über eine Million Menschen haben in Bayern beim Volksbegehren „Artenvielfalt – Rettet die Bienen“ abgestimmt.  Anders als es der Name vermuten lässt, ging es dabei inhaltlich nicht nur um das Bienensterben, sondern um den Schwund der Arten insgesamt. Der Bayerische Landtag muss nun handeln und Lösungen zum Arten- und Naturschutz entwickeln. Die Initiatoren, unter anderem die Grünen und die ÖDP, fordern beispielsweise, den Einsatz von Pestiziden zurückzufahren, mehr Blühwiesen zu schaffen und den Ausbau der ökologischen Landwirtschaft voranzubringen. Der Weltbiodiversitätsrat empfiehlt zudem, die Habitatvielfalt zu erhöhen, weitere Schutzräume einzurichten, um dadurch Nahrung und Nistmöglichkeiten bereitzustellen. Zudem sei es wichtig, die Standards bei Risiko-Analysen und Regulierung  des Pestizideinsatzes zu erhöhen. Aus Sicht der Wissenschaft scheint es zudem dringend geboten, die Forschungsbemühungen  auszuweiten und Aufklärung zu betreiben.

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Auch der Mensch betroffen

Man ahnt es, dass auch der Mensch von dem Insektensterben früher oder später betroffen ist: 85 Prozent der Kulturpflanzen, die in Europa angebaut werden und deren Produkte wir als Viehfutter oder Nahrungsmittel verwenden, setzen überhaupt erst Früchte und Samen an, wenn sie zuvor von Insekten bestäubt wurden. Melonen oder Kiwis werden fast zu 100 Prozent tierbestäubt, Äpfel, Birnen, Kirschen, Pflaumen, Gurken oder Heidelbeeren zu großen Teilen und Soja, Raps oder Erdbeeren immerhin zu etwa fünf Prozent.

Die Bestäubungsleistung der Insekten beziffert der IPBES weltweit mit einem Marktwert von 200 bis 500 Milliarden Euro. Neben der Erzeugung von Nahrungsmitteln tragen die Bestäuber auch zur Bereitstellung von Grundstoffen für die Herstellung von Medikamenten und Kosmetika, Biokraftstoffen (z. B. Ölsaaten, Palmöl), Fasern (z. B. Baumwolle, Leinen) und Baumaterial (Holz) bei.

Ursachen noch unklar

In Ökosystemen verursacht der Rückgang der Insekten zudem eine Leerstelle, die das Gleichgewicht der Natur ins Wanken bringt, immerhin sind sie Abfallverwerter und Humusproduzenten, Landschaftsgärtner und Nahrungsquelle von anderen Tieren. Von 248 Vogelarten, die in Deutschland brüten, er­nähren sich 80 Prozent von den Kleinstlebewesen. Vogelschutzexperten des Bundesamtes für Naturschutz haben ­herausgefunden, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Insektenschwund und dem Verschwinden einiger Insekten fressender Vogelarten gibt.

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Prof. Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (Halle) hielt bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück kürzlich einen Vortrag über das Insektensterben und den Umgang damit. Foto: dpa

Die Ursachen für das Insektensterben sind vielfältig – und in weiten Teilen noch un­bekannt. Der Klimawandel spielt ebenso eine Rolle wie die massive Überdüngung der ­Böden mit Stickstoff, die zunehmende Gleichförmigkeit der Kulturlandschaften, Flächenversiegelung, der Einsatz von Pesti­ziden, die meist nicht nur Schädlinge, sondern auch Nützlinge treffen, sowie Krank­heiten, invasive Arten und genetisch modifizierte Kulturpflanzen.

„Es ist oftmals schwierig, die beobachteten Rückgänge bestimmten Ursachen zuzuordnen. Letztlich müsste man dazu alle Rahmenbedingungen im Blick haben“, sagt Settele. Das allerdings dürfe nicht dazu führen, dass man tatenlos zusieht, bis ein umfangreicher Datensatz vorliegt. „Dann könnte es für die Insekten zu spät sein.“

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