Zehn Jahre Forschungsstation Neumayer III
Leben wie im Raumschiff

Münster -

Der südlichste deutsche Arbeitsplatz ist auch einer der kältesten. Besucher kommen nur selten vorbei. Nur ein tierischer Freund sorgt gelegentlich für Abwechslung.

Samstag, 23.02.2019, 17:00 Uhr aktualisiert: 23.02.2019, 17:06 Uhr
Zehn Jahre Forschungsstation Neumayer III: Leben wie im Raumschiff
Die deutsche Forschungsstation Neumayer III Foto: dpa

Eine öde Eiswüste ist das Ekström-Schelfeis im Südpolargebiet: In dieser endlosen weißen Landschaft wirkt das bunte Objekt am Horizont fast wie eine Fata Morgana. Das rot-weiß-blaue Gebilde ähnelt einem Raumschiff auf Stelzen, das auf dem Eis gelandet ist – die Rede ist von der Neumayer-Station III. Seit zehn Jahren ist sie der wichtigste Pfeiler in der deutschen Polarforschung – so wie schon zuvor die beiden Vorgänger-Stationen Georg von Neumayer und Neumayer II.

Der Arzt Eberhard Kohlberg (71) hat in den vergangenen 30 Jahren auf allen drei Stationen gearbeitet und dort auch mehrere Winter verbracht. Dann herrschen dort Temperaturen bis minus 50 Grad, peitschende Winde und drei Monate totale Finsternis. In dieser Zeit ist das Team, bestehend aus einem Koch, einem Arzt, drei Ingenieuren und vier Technikern, von der Außenwelt nahezu abgeschnitten.

Funk gegen Langeweile

„1981 gab es auf der ersten Georg-von-Neumayer-Station nur Funk und für Notfälle ein Satellitentelefon“, erinnert sich Kohlberg. Die weit auseinanderliegenden Polarstationen von Deutschland, Großbritannien und Indien funkten sich bei Langeweile gerne an und tauschten Nachrichten aus. „Mit der DDR-Station war das aber schwierig, denn da saß ein ­linientreuer Politoffizier am Funkgerät“, sagt Kohlberg.

Das ändert sich 1989, als die von der Wende überraschten DDR-Forscher gesprächiger werden: Sie wollen von den westdeutschen Kollegen wissen, was zu Hause bei ihnen los ist. Später werden die ostdeutschen Überwinterer vom Forschungseisbrecher „Polarstern“ abgeholt und kehren nach Monaten in ihr völlig verändertes Land zurück.

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Der Arzt Eberhard Kohlberg im Funkraum der ehemaligen Station Neumayer II. Der Bremer hat auf allen drei Stationen gearbeitet. Foto: dpa

Moderne Kommunikation wie Internet und E-Mails bekommt 1992 der doppelt so große Neubau Neumayer II. Er ist wie die Vorgängerstation eine Röhrenkonstruktion: In zwei 90 Meter langen Tunneln sind Wohncontainer, Labore, Krankenstation und Werkstätten untergebracht. Weil sich ständig neue Schneeschichten bilden, versinkt die Anlage immer weiter unter der Oberfläche. Sie wird im Laufe der Jahre durch Eisgewicht und -bewegung stark verbogen und schließlich unbewohnbar.

Die Station wächst mit

Eine völlig neue Konstruktion soll schließlich der Neumayer-Station III eine längere Lebensdauer als ihren beiden Vorgängern bescheren. Die Station ging am 20. Februar 2009 nach sieben Monaten Bauzeit offiziell in Betrieb. Das Gebäude ruht auf 16 Stelzen. Einmal im Jahr werden die Fußplatten der Stelzen nachein­ander hydraulisch bis zu zwei Meter angehoben und dichter Schnee darunter gepackt. Die Stelzen fahren anschließend gemeinsam die Station hydraulisch nach oben. So wächst sie mit der Schneedecke in die Höhe.

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Die deutsche Forschungsstation Neumayer III in der Antarktis bietet Platz für neun Überwinterer und weit mehr Teilnehmer von Sommerexpeditionen in 15 Wohnräumen. Energie liefern drei Dieselgeneratoren und ein Windkraftwerk. Wissenschaftler beobachten von dort das aktuelle Wettergeschehen und erforschen die Klimageschichte des kältesten und windigsten Kontinents.

Weitere Schwerpunkte sind Untersuchungen zur Luftchemie, zum Magnetfeld der Erde, zum Meereis und zu einer Kolonie von Kaiserpinguinen. Seit 2017 testet das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt dort ein Gewächshaus zum Anbau von Nutzpflanzen.

Die auf Stelzen errichtete Station ging am 20. Februar 2009 offiziell in Betrieb. Der Bau kostete nach Angaben des Alfred-Wegener-Instituts (Helmholtz Zentrum für Polar- und Meeresforschung) 39 Millionen Euro. Benannt ist die Anlage nach dem deutschen Polarforscher Georg von Neumayer (1826 bis 1909).

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„Das funktioniert und hat sich in zehn Jahren bewährt“, sagt der damalige Projektleiter Saad El Naggar vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI). Moderne Dieselaggregate und ein Windrad sorgen für Strom, aus der früher schmalen Internetverbindung ist eine leistungsstarke Satelliten-Standleitung geworden. Mindestens bis 2035 soll die bisher größte und komfortabelste deutsche Antarktis-Station im Einsatz bleiben, „vielleicht auch länger“, glaubt El Naggar.

Pinguine als Gesellschaft

Das Verfallsdatum setzt letztlich die Natur. Anders als die früheren Stationen, die wie U-Boote unter dem Eis lagen, kann die überirdische Stelzenkonstruktion zwar nicht zerdrückt werden. Das Schelfeis aber, das den antarktischen Kontinent größtenteils bedeckt, fließt an dieser Stelle täglich bis zu 40 Zentimeter Richtung Küste: Irgendwann wird der Untergrund der Station als Eisberg abbrechen und durch das Südpolarmeer treiben. „Bevor das in mehr als 100 Jahren passiert, kann Neumayer III jedoch komplett abgebaut werden“, versichert El Naggar.

1981 gab es auf der ersten Georg-von-Neumayer-Station nur Funk und für Notfälle ein Satellitentelefon.

Eberhard Kohlberg

Die Station auf Stelzen hat aber noch weitere Vorteile: Erstmals gibt es jetzt große Panoramafenster für einen weiten Blick auf die weiße Schneewüste draußen. Dort sind gelegentlich auch Pinguine zu beobachten – die einzigen dauerhaften Bewohner in dieser sonst menschenfeindlichen Umgebung.

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