Oft keine echte Alternative
Auch biologisch abbaubare Plastiktüten belasten die Natur

Plymouth/Großbritannien -

Für Müll, Hundekot oder zum Einkaufen: Tüten aus Bioplastik werden oft als umweltfreundliche Alternative beworben. Eine echte Alternative sind sie oft nicht, bemängeln Experten schon länger. Eine aktuelle Studie bestätigt das.

Montag, 29.04.2019, 07:16 Uhr aktualisiert: 29.04.2019, 16:13 Uhr
Hält immer noch: Eine Frau trägt eine Plastiktüte, die drei Jahre lang Umwelteinflüssen ausgesetzt war.
Hält immer noch: Eine Frau trägt eine Plastiktüte, die drei Jahre lang Umwelteinflüssen ausgesetzt war. Foto: Lloyd Russell / dpa

Auch Tüten aus biologisch abbaubarem Kunststoff können länger die Natur belasten als wohl viele Menschen annehmen.

Eine Studie zeigt, dass sie nach drei Jahren im Boden oder im Meerwasser noch so stabil sein können, dass sie auch mit mehr als zwei Kilogramm Inhalt nicht reißen. Am stärksten zerfiel biologisch abbaubarer Kunststoff - wie auch gewöhnlicher Kunststoff -, wenn er Luft und Sonne ausgesetzt war, berichten Imogen Napper und Richard Thompson von der Universität Plymouth (Großbritannien) im Fachmagazin "Environmental Science & Technology".

"Biologisch abbaubare, oxo-abbaubare und kompostierbare Kunststoffe werden häufig als mögliche Lösung gegen die Ansammlung von Plastikmüll und Abfällen angesehen", schreiben die Forscher. Oxo-abbaubare Kunststoffe enthalten Zusätze, die das Material rascher zerfallen lassen. Weil dabei Mikroplastik entsteht, das kaum mehr weiter abgebaut wird, gibt es Bestrebungen in der EU, solche Kunststoffe zu verbieten.

Das Experiment

Napper und Thompson wollten herausfinden, was tatsächlich mit den Materialien in verschiedenen Umgebungen geschieht. Sie besorgten sich im lokalen Einzelhandel Tüten verschiedener Kunststoffsorten, darunter Polyethylen (PE), aus dem die meisten Plastiktüten bestehen.

Den Großteil der Tüten schnitten sie in 15 mal 25 Millimeter große Stücke und legten sie in Netze aus Polyethylen hoher Dichte mit einer Maschengröße von einem Millimeter. Dann hängten die Wissenschaftler die Netze im Freien auf, vergruben sie im Boden oder versenkten sie, mit einem Gewicht beschwert, in Meerwasser. Nach 9, 18 und 27 Monaten nahmen sie jeweils Proben und untersuchten sie. Außerdem wurden ganze Plastiktüten den entsprechenden Umgebungen ausgesetzt.

Alle Kunststoffstreifen einschließlich des Polyethylens waren nach spätestens 18 Monaten im Freien komplett zerfallen. "Die schnellere Fragmentierungsrate an der Luft dürfte auf höhere Anteile an ultravioletter Strahlung (UV) und Sauerstoff in Kombination mit höheren Temperaturen als in anderen Umgebungen zurückzuführen sein", schreiben die Forscher.

Alternative: Taschen, die öfter verwendet werden können

Nach 18 Monaten hatte sich der kompostierbare Kunststoff zudem im Meer aufgelöst, während er im Boden auch nach 27 Monaten noch vorhanden war. Allerdings war seine Belastbarkeit durch Zugspannung zu mehr als 70 Prozent verringert. Die Tüte aus kompostierbarem Kunststoff war die einzige, die nach drei Jahren keinen Inhalt mehr tragen konnte. Tüten aus oxo-abbaubarem, biologisch abbaubarem und gewöhnlichem Plastik, die drei Jahre lang im Meer und in der Erde gewesen waren, hielten hingegen 2,25 Kilogramm Gewicht.

"Diese Untersuchung wirft eine Reihe von Fragen auf, was die Öffentlichkeit erwarten kann, wenn etwas als biologisch abbaubar bezeichnet wird", erklärt Thompson. Er betont die Notwendigkeit von Normen für abbaubare Materialien. Das Fazit der Forscher lautet: "Für viele Anwendungen, bei denen Kunststoff-Tragetaschen verwendet werden, stellt die Haltbarkeit in Form einer Tasche, die oft verwendet werden kann und wird, eine bessere Alternative zur Abbaubarkeit dar."

Fünf Probleme beim Recyclen von Plastik

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  • Aber auch das deutsche Recyclingsystem hat Schwächen. An manchen wird gearbeitet, manches ändert sich schon nächstes Jahr - anderes nicht. Eine Auswahl:

    Foto: Matthias Ahlke
  • 1. Nicht jedes Plastik ist recycelbar - oder wird recycelt.

    Es gibt viele unterschiedliche Plastiksorten, nicht aus allen wird wieder ein Nutzgegenstand. Benjamin Bongardt vom Nabu nennt das Beispiel PET: Flaschen aus Polyethylenterephthalat können wieder Flaschen werden, PET-Schalen als Verpackung für Obst werden dagegen nicht recycelt. Auch Folien seien schwierig, vor allem kleinere: Dafür gebe es bisher wenige Anlagen, erklärt Bongardt. Und: Verbrennen sei billiger als wiederverwerten, sagt Stephan Eing. Er recycelt daher so viel, wie derzeit vorgeschrieben: 36 Prozent. Vom gesamten Plastikmüll werden laut Ministerium rund 45 Prozent „stofflich wiederverwertet“, also nicht verbrannt. Das neue Verpackungsgesetz erhöht ab 2019 die Quoten, 2022 sind 63 Prozent vorgesehen.

    Foto: colourbox.de
  • 2. Manchmal geht Design vor Umwelt.

    Eine Waschmittelflasche wird schwarz gefärbt, eine Shampoo-Flasche ist komplett von einer dünnen bedruckten Folie umschlossen. Das mag gut aussehen - erschwert oder verhindert aber oft das Recycling, weil die Maschinen das Material nicht erkennen und sortieren können. Ab 2019 müssen deswegen die Dualen Systeme von den Herstellern für schlecht recycelbare Verpackungen mehr Lizenzgebühren verlangen als für andere. Manche Hersteller wollen auch keine Recyclate, also wiederverwertetes Plastik, einsetzen, weil es zum Beispiel grau ist statt strahlend weiß.

    Foto: colourbox.de
  • 3. Nicht das ganze Plastik landet im Recycling-System.

    Viele wissen gar nicht, dass sie in die gelbe Tonne oder den gelben Sack nur Verpackungen werfen dürfen. Also zum Beispiel keine Strohhalme, aber die Folie um die Halme schon. Immerhin ist der Anteil hoch: „40 Prozent aller Kunststoffe gehen in die Verpackung“, sagt Bongardt, „und Verpackungen werden sofort zu Müll.“ Darum steht Verpackungsmüll oft so im Fokus. Der Rest allerdings landet im Restmüll, der nur vereinzelt noch mal sortiert wird, die Regel ist Verbrennung. Eine orangene Wertstofftonne, in die jedes Plastik (und Metall) hinein darf, erhöht den Anteil. Es gibt sie aber nur, wo sich Kommunen und Duale Systeme darauf verständigen. Ein neuer Anlauf, eine solche Wertstofftonne flächendeckend einzuführen, ist nicht geplant.

    Foto: Patrick Pleul
  • 4. Irgendwann ist Schluss mit Recycling.

    Bei manchen Kunststoffarten, insbesondere bei PET-Flaschen, ist ein geschlossener Kreislauf möglich, aber die Regel ist das nicht. Recycling ist oft „Downcycling“: Aus PET-Einwegflaschen wird dann zum Beispiel doch keine neue Flasche, sondern Fasern für die Textilindustrie, die nicht erneut wiederverwertet werden können. Die Plastiksorten PE und PP, also die mehrheitlich eingesetzten Polyolefine, verlieren bei jeder Behandlung an Qualität, erklärt Rolf Buschmann von der Umwelt-Organisation BUND.

    Foto: Jens Kalaene
  • 5. Das System hat Schwächen.

    Die verschiedenen Verpackungsmüll-Entsorger - die Dualen Systeme - stehen in Konkurrenz zueinander. Immer wieder gibt es Klagen über „schwarze Schafe“, die rechtliche Schlupflöcher nutzen und Billig-Angebote auf Kosten der anderen machen, sowie Unstimmigkeiten bei den gemeldeten Abfall-Zahlen. Für Streit sorgt unter anderem Verpackungsmüll etwa aus dem Online-Versandhandel, für den niemand Lizenzgebühren gezahlt hat. Hier soll die Zentrale Stelle, eine neue Behörde, ab 2019 für mehr Transparenz sorgen.

    Foto: Patrick Pleul

Zu diesem Schluss kommt auch der Naturschutzbund (Nabu). Selbst der Stoffbeutel sei aus Umweltgesichtspunkten nur dann besser als eine Plastiktüte, wenn er oft genutzt werde: "Es wird davon ausgegangen, dass eine Tasche aus konventioneller (d.h. nicht kontrolliert biologisch angebauter) Baumwolle über hundertmal so oft wie eine erdölbasierte Kunststofftüte genutzt werden muss, um die schlechtere Klimabilanz auszugleichen", heißt es beim Nabu. Die Umweltschützer raten von Bioplastiktüten jeglicher Zusammensetzung ab, da bisher kein ökologischer Vorteil gegenüber der klassischen Plastiktüte nachzuweisen sei.

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