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Der Lengericher Uwe Seyfert bietet Tandemflüge mit dem Gleitschirm an

Hochgefühle am Himmel

Lengerich/Warendorf

Ein Hochgefühl macht sich in Bauch und Kopf breit – und zwar wenn es um das Gleitschirmfliegen geht. Uwe Seyfert lädt seit 20 Jahre Interessierte zu Tandemflügen ein. Und das funktioniert auch ganz ohne Berge – nämlich in Freckenhorst bei den Skyridern. Dort starten die Fans des Gleitschirmfliegens mittels einer Seilwinde.

Stimmen die Windbedingungen, läuft Uwe Seyfert mit seinem Tandempartner los und . . . hebt gleich ab. Foto: Skyrider Freckenhorst

Uwe Seyfert ist direkt in meinem Rücken. „Laufen, laufen, laufen!“, ruft er mir unmissverständlich zu. Also laufe ich. Dann verliere ich plötzlich den Boden unter den Füßen. Wir steigen steil gen Himmel auf, unter uns entfernt sich in Windeseile der Acker, von dem aus wir gestartet sind. Uwe Seyfert hat mich sicher und routiniert in die Luft gebracht. Ein Hochgefühl macht sich in Bauch und Kopf breit. So ist das also, wenn man zu seinem ersten Flug mit einem Gleitschirm startet. Möglich macht‘s der Mann in meinem Rücken. Seit bald 30 Jahren betreibt der Lengericher den Sport, seit rund 20 Jahren kann er per Tandemflug auch andere zu diesem Abenteuer einladen.

.... dann heben sie ab in Lengerich beim Gleitschirmflug mit Uwe Seyfert Foto: Skyrider Freckenhorst

Seitdem der 59-Jährige die Skyrider aus Warendorf-Freckenhorst kennt und bei ihnen mitmacht, muss er dafür nicht mehr zwangsläufig in die Berge, sondern kann auch im Münsterland abheben. Der Verein hat von einem Landwirt eine große Fläche gepachtet. Gestartet wird dort mit Hilfe einer Seilwinde. Die Verbindung wird, ähnlich wie bei Segelflugzeugen, in der Luft gelöst.

Uwe Seyfert sagt von sich und seiner Leidenschaft fürs Gleitschirmfliegen: „Ich bin kein Adrenalinjunkie.“ Er will das Fliegen genießen, aber Risiken vermeiden. Stimmen die Bedingungen nicht, bleiben er und gegebenenfalls sein Tandempartner am Boden. Auch beim Pressetermin in dieser Woche sah es zunächst nicht wirklich gut aus. Der Wind kam zeitweise aus der falschen Richtung. „Manchmal braucht es Geduld“, kommentiert Uwe Seyfert das Warten. Zwei Skyridern, die trotz der suboptimalen Bedingungen aufsteigen wollten, gelang das jeweils erst im zweiten Anlauf. Und sie waren dann auch jeweils recht schnell wieder zurück auf der Erde. Für mehr fehlte es an Thermik.

Uwe Seyfert erzählt, dass sein bislang längster Flug etwa sechs Stunden gedauert habe. Oft zeige sich erst am Himmel, ob ein Flug hergibt, was die Vorhersage versprach. Also heißt es vorbereitet sein, ob mit Snacks, Wasser oder auch mit Urinalkondom oder Windel, damit nie die persönlichen Befindlichkeiten einen vielleicht perfekten Flug beenden.

Lengerich Gleitschitrmflug mit Uwe Seyfert Foto: Skyrider Freckenhorst

Dass der 59-Jährige sich diesem für einen Westfalen eher ungewöhnlichen Hobby verschrieben hat, passt bei ihm durchaus ins Bild. Seyfert, der in Lengerich und Umgebung als Musiker bekannt ist, ist ein Mensch, der Sport liebt, der gerne draußen ist und die Natur genießt. Snowboarden und Mountainbikefahren zählt er ebenso zu seinen Aktivitäten wie Wandern, Squash und Yoga. Den Weg zum Gleitschirmfliegen fand er über einen Freund, der ihn Mitte der 1990er-Jahre fragte, ob er Lust habe, an einem Grundkurs im Salzburger Land teilzunehmen. Der Spaß und die Lust war von Anfang an da. Also machte er weitere Reisen und weitere Scheine, sammelte Erfahrungen und Erlebnisse.

Bei der Frage, was ihn so am Gleitschirmfliegen fasziniert, kommt Uwe Seyfert so richtig ins Schwärmen: „Natürlich ist es das Unglaubliche als Mensch, an ein paar dünnen Leinen zu fliegen wie ein Vogel. Jeder Flug ist anders. Mal fliegt man ruhig in die Abendsonne hinein, mal ist es ein dynamischer Streckenflug, bei dem man sehr hoch kommt und immer wieder unterschiedliche Ausblicke auf die Welt unter sich hat, mal ein Tandemflug oder ein Flug beim Skifahren.“ All das löse auch unterschiedliche Empfindungen und Emotionen aus, verlange meist aber sehr viel und auch ausdauernde Konzentration. Wichtig ist dem 59-Jährigen aber auch der technische Aspekt, das Verständnis für den Gleitschirm, das „Handling“.

Lengerich Gleitschirmflug Uwe Seyfert Foto: Uwe Seyfert

Wer mit ihm in die Luft geht, hat einen große Ruhe ausstrahlenden Partner hinter sich, der sich mit einem und für einen freut, wenn der Schirm am Himmel kreist. „Mitmachen kann fast jeder, der Lust hat, das Münsterland einmal von oben zu sehen“, sagt er. Einschränkungen gebe es lediglich beim Gewicht, die Tandempartner dürfen nicht zu leicht und nicht unbedingt schwerer als 100 Kilogramm sein, zudem sollte man beim Start einige Meter laufen können. Ein bisschen Angst darf sein, aber die Lust auf einen Flug sollte überwiegen. Uwe Seyfert erzählt, dass er seine Kinder schon mit fünf Jahren mitgenommen habe und in einem Skiurlaub seinen bislang ältesten Passagier begrüßen konnte, einen 70-Jährigen. „Der hat beim Start einen Ski verloren, aber total Spaß gehabt und ist sicher auf einem Ski gelandet.“

Zahlreiche Reisen in die Berge unternommen

Um abzuheben, hat Uwe Seyfert zahlreiche Reisen in die Berge unternommen. Oft in die Alpen, aber auch in andere Regionen wie Südfrankreich, Umbrien, Sardinien und die Sierra Nevada und sogar nach Argentinien, wo er in der Thermik mit dem imposanten Condor kreisen konnte.

In eine gefährliche Situation sei er, wenn man das überhaupt so bezeichnen wolle, nur einmal gekommen. „Das war beim ersten Flug mit meinem ersten eigenen Schirm. Da habe ich einen Fehler gemacht und bin in einem Baum gelandet.“ Ansonsten blieb ihm lediglich ein angeknackster Fuß an Negativerfahrungen in Erinnerung, den er sich bei einer Landung zugezogen hatte. „Das habe ich am nächsten Tag aber gleich mit meinem bis dahin schönsten Flug ausgeglichen“. Start und Landung seien trotz des Handicaps kein Problem gewesen.

Oberstes Gebot: Das Wetter muss beachtet werden

Um erst gar nicht in die Bredouille zu kommen, sei es oberstes Gebot, das Wetter zu beobachten. „Das tun wir eigentlich ständig.“ In den Bergen ist das noch wichtiger als im flachen Münsterland. Da seien Einheimische ihm gegenüber natürlich im Vorteil, weil sie die örtlichen Gegebenheiten besser einschätzen könnten. In solchen Situationen helfe der Austausch unter den Gleitschirmfliegern. „Entscheiden muss man aber letztendlich allein.“ Und da gehe er im Zweifel lieber auf Nummer sicher.

Passt hingegen alles, und das heißt nicht zuletzt, die Thermik ist da, dann „kann man fast beliebig lange in der Luft bleiben“. Bei meinem Schlepp in Freckenhorst war das (leider) nicht der Fall, und nachdem Uwe mir erlaubt „auszuklinken“ das heißt, die Verbindung zum Schleppseil zu lösen, können wir lediglich noch ein paar Kurven fliegen. Als der Blick dabei gen Norden geht, ist in der Ferne der Teuto zu sehen. Kurz darauf ist der große Genuss auch schon vorbei. Die Erde hat uns wieder. Uwe Seyfert steht bei der Landung sicher, ich lande etwas unbeholfen auf dem Hosenboden. Das unterscheidet den Routinier vom Anfänger. Die Freude über das Erlebte dürfte bei uns beiden hingegen sehr ähnlich gewesen sein.

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