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„0“ oder die Lizenz zum Rasen

Franz Ludwig Averdunk

Berlin. Nikolai A. ist nicht mehr bulgarischer Botschafter in Berlin. Er fuhr in Schlangenlinien durch Reineckendorf, Polizisten stoppten ihn, zogen den Zündschlüssel ab. Der offenkundig angetrunkene Mann zeigte seinen roten Diplomatenpass, kramte flugs einen Zweitschlüssel aus der Tasche, startete wieder. Und die Beamten mussten zuschauen. Passiert wäre dem rabiaten Fahrer nichts, nicht von deutscher Seite – hätte ihn nicht seine Regierung unverzüglich abberufen.

Nullnummern am Auto signalisieren in Berlin: Da fährt jemand, der die Lizenz hat zum folgenlosen Rasen. Der sich um kein Parkverbot scheren muss – Knöllchen kann, aber muss er nicht bezahlen. Suff am Steuer wird strafrechtlich nicht verfolgt. Wer immer seinen Diplomatenpass zückt, kann Polizei und Politessen eine Nase drehen. Nicht nur der Verkehrssünder, auch der Dieb, der Schläger. Wie überall auf der Welt genießen die 6000 Diplomaten in der deutschen Hauptstadt und ihre Angehörigen Immunität, damit sie keine Furcht vor Repressalien haben müssen.

Und viele kosten es aus – Tendenz zumindest bei den Verkehrsdelikten rasant steigend. 10 179 Fälle wurden 2006 in Berlin erfasst. Im Jahr davor waren es 6879 Fälle. Mehr oder minder spektakulär. Zwar liegt die Zündschlüssel-Dreistigkeit des Bulgaren schon drei Jahre zurück. Aber gerade noch fiel ein türkischer Botschaftsrat auf. Unfall mit Blechschaden, deutliche Alkoholfahne – von wegen Pusten, er fahre jetzt heim, erklärte der Diplomat am BMW-Steuer. Die Polizei: machtlos. Mit Mühe ließ sich der Mann schließlich dazu überreden, sich von einem der Beamten nach Hause chauffieren zu lassen.

Das war gewiss einer der „besonderen Fälle“, die nach Auskunft des Berliner Innensenators Erhart Körting dem Auswärtigen Amt gemeldet werden. Das wird dann bei den Botschaften vorstellig – härtestenfalls mit der freundlichen Bitte, den Delinquenten ins Heimatland zu schicken.

Alkohol am Steuer – das häufigste Delikt nach dem Falschparken. Auch wenn sich unbezahlte Knöllchen häufen, wendet sich das Außenministerium diskret an die Botschaften.

Diplomaten und Straßenverkehr – schon von der Zahl her eine brisante Angelegenheit in der Hauptstadt: Etwa 1500 Botschaftsfahrzeuge sind dort Tag für Tag unterwegs, zwei bis drei Mal täglich werden Nullnummer-Limousinen in einen Unfall verwickelt, schätzt die Polizei. Mit der 0 beginnt das Kennzeichen, dann folgt die Ziffernfolge für den Staat – nach 10 für den Vatikan dann durchweg alphabetisch von 11 für Ägypten über 97 für die Niederlande bis 153 für Zypern.

Doch nicht auf das Nummernschild kommt es an, sondern auf den Pass des Fahrers. Wie im Fall eines Griechen, der sich mit seinem Wagen im Brunnen mitten auf dem Ernst-Reuter-Platz festfuhr. Der Mitarbeiter des europäischen Patentamtes zeigte seinen roten Ausweis und blieb zunächst unbehelligt. Er hatte aber gar keinen Diplomatenstatus, wie sich später herausstellte. Auf den Polizeiwachen liegen Broschüren, die dabei helfen sollen, die oft schwer unterscheidbaren Dokumente auseinanderzuhalten.

Nur die Verkehrsdelikte werden statistisch aufgeführt – Saudi-Arabien, Griechenland, Ägypten und der Iran führen die Hitliste an. Die Straftaten würden nicht erfasst, versichert Körting. Die Staatsanwaltschaft geht von rund 100 Fällen pro Jahr aus, Prügeleien schon mal oder Ladendiebstähle. Einzigartig war der mongolische Diplomat, der als Chef einer Zigarettenschmugglerbande seine Bezüge aufbesserte.

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