1. www.wn.de
  2. >
  3. Archiv
  4. >
  5. 17. Folge: Koffer voller Zeitungsschnipsel

  6. >

WN-Krimi Greven

17. Folge: Koffer voller Zeitungsschnipsel

Das kann doch nicht ihr Ernst sein: Wer, wenn nicht sie Herr Koller, sollte wissen, wo das Geld ist?“ Karl Bulle schrie nicht. Er brüllte. Zörnesröte stieg ihm ins Gesicht. Die Adern an seinem Hals traten deutlich hervor...

wn

Das kann doch nicht ihr Ernst sein: Wer, wenn nicht sie Herr Koller, sollte wissen, wo das Geld ist?“ Karl Bulle schrie nicht. Er brüllte. Zörnesröte stieg ihm ins Gesicht. Die Adern an seinem Hals traten deutlich hervor. „Sie haben mir den Koffer übergeben und gesagt, die Million wäre darin. Warum meldet sich nach der Übergabe eine Frau bei mir, die angibt, ihre werte Frau Gattin entführt zu haben, und mich beschimpft, warum ich einen Koffer mit Zeitungsschnipseln übergeben haben. Können Sie mir das mal erklären?“

Koller traute sich erst kaum, aufzuschauen ob dieses Donnerwetters. Und sogleich ärgerte er sich, dass er sich das gefallen ließ. Er war es leid, dass ihn alle immerzu angingen. „Haben sie den Koffer vor der Übergabe denn nicht noch mal überprüft?“, wollte Koller von Karl Bulle wissen.

Der brauchte einen Augenblick, um zu schalten. „Natürlich nicht“, sagte er - nun schon deutlich leiser. „Ich dachte, sie hätten . . . Ich meine, sie sagten doch, die Million wäre . . .“, druckste er herum. „Verdammt“, dachte er sich. „Der Koller hat Recht. Ich hätte den Koffer vor der Übergabe wohl wirklich nochmal prüfen sollen. Aber wer rechnet denn mit so was?“

„Seis drum“, mühte sich Bulle, die Fassung wieder zu erlangen. „Sie sagen, das Geld war im Koffer. Die Entführerin sagt, der Koffer war leer. Irgendwo muss es ja abgeblieben sein.“ Koller zuckte zusammen. Und dann kam sie, die Frage, die Koller befürchtet hatte. „Von wem haben Sie sich noch mal die Million geliehen, sagten Sie?“

„Das wissen sie doch. Sie haben schließlich den Kreditvertrag in Käthes Wäsche gefunden.“

„Richtig“,entgegnete Bulle mit einem süßlichen Lächeln. „Diese Barbara Lea Puff. Mit der können Sie wohl ganz gut, oder? Ich schlage vor, wir beide fahren mal zu ihr. Vielleicht hat sie ja etwas Interessantes zu erzählen.“

„Aber Herr Bulle, lassen Sie doch Barbarella da heraus. Die hat mir nur das Geld geliehen, sonst nichts“, versuchte Koller ein Zusammentreffen mit seiner Geldgeberin abzuwenden. „Was macht Sie so sicher, dass da sonst nichts ist?“, hakte Bulle nach. Doch Koller kam nicht zur Antwort. Das Telefon bimmelte. „Vielleicht die Entführer“, sagte Koller und stürmte los - vorbei an selbst gehäkelten Tierkuscheldecken, Hundeknochen aus dem Bioladen und pädagogisch wertvollem Vierbeiner-Spielzeug Richtung Telefon. Außer Puste nahm er ab: „Koller?“

„Herr Koller. Schön, dass ich Sie gleich dran habe. Ich habe ein paar kurze Fragen.“ Dieser Olauf Koch. Der hatte immer eine Frage zu viel. „Ist gerade ganz schlecht“, sagte Koller knapp und schaute zu Bulle hinüber, der auf die Uhr sah. „Aber Herr Koller. Die Zeit muss sein. Die WN-Leser würden zum Beispiel schon gerne wissen, warum die Geldübergabe geplatzt ist. Und warum ihre Frau noch nicht wieder frei ist. Wo waren Sie eigentlich gestern um Mitternacht, Herr Koller?“

„Jetzt machen Sie mal halblang, Koch“, blaffte Koller den WN-Reporter an.

„Ach Herr Koller. Und können Sie mir erklären, warum Sie sich die Million bei dieser zwielichtigen Bar-Dame geliehen haben und nicht bei der Bank?“

„Woher wissen Sie das denn?“, brach es aus Koller heraus. Wieder blickte er zu Bulle hinüber. „Hören sie Herr Koch. Ich muss jetzt wirklich weg.“ Sprachs und ließ den Hörer aufs Telefon fallen.

„Na, dann los“, triumphierte Bulle. Er wusste: In Gegenwart einer betörenden Frau fiel es jedem Mann schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Irgendwann würde dieser Koller schon den entscheidenden Fehler machen. Und dann würde er, Karl Bulle, die Geschichte auflösen. Ein Jubelbericht in den WN wäre ihm sicher. Da schuldete ihm schließlich noch jemand einen Gefallen.

Bei Barbarella auf dem Hof waren reichlich Parkplätze frei. Hier ging es erst am Abend richtig rund. Dann füllte sich der sichtgeschützte Vorplatz mit Limousinen und Familienkombis.

Barbarella schien nicht überrascht zu sein, als sie dem klingelnden Bulle die Tür einen Spalt weit öffnete. „Na, mein Süßer? Was kann ich für Dich tun?“, säuselte sie. „Für Sie immer noch Herr Bulle. Lassen Sie uns bitte rein.“

„Uns? Hast Du noch einen Freund mitgebracht?“, wollte Barbarella wissen und öffnete die Tür ganz. Den verlegen blickenden Koller hatte sie ganz offensichtlich nicht erwartet. „Karl? Ähem, ich meine: Herr Koller. Sie hier?“

„Rein jetzt“, herrschte Bulle sie an und zog Koller beim Kragen durch den Eingang. Im Foyer redete er nicht lange drumherum. „Fräulein Barbarella. Ich dachte mir, sie könnten mir eventuell etwas über den Verbleib von einer Million Euro erzählen.“

Barbarella und Karl wechselten einen langen Blick. „Ertappt“, dachte sich Bulle. „Und, was ist nun . . .“, wurde der Ermittler ungeduldig. Langsam ließ er seine rechte Hand zur Dienstwaffe im Halfter wandern. „Reden Sie schon.“

Barbarella sah zu Bulle, dann zu Koller und schließlich wieder zu Bulle. Sie tat einen langen Seufzer. „Hat ja wohl keinen Sinn mehr. Kommen Sie mit“, sagte sie, mehr flüsternd als sprechend. Sie führte Bulle in ein Hinterzimmer. Dort lag auf ihrem Schreibtisch ein Koffer. Schwarzes Leder, genau wie der, den Bulle vor nicht mal 24 Stunden auf dem Sportplatz übergeben hatte.

„Barbarella, nicht“, bat Koller. Doch zu spät: Sie führte Bulle um den Tisch, öffnete den Koffer und ah zu, wie der den Inhalt in Augenschein nahm. Seine Augen weiteten sich. Sein Mund klappte auf. „Was, was . . . Wie kommt das Geld . . . Was haben Sie denn damit . . .?“

» wird fortgesetzt

Startseite