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Der Fall Schleyer

30 Jahre später bleibt der „Deutsche Herbst“ immer noch ein Trauma

wn

Berlin – Hanns Martin Schleyer verlässt am 5. September 1977 nachmittags das Büro des Arbeitgeberverbands in Köln und lässt sich von seinem Chauffeur nach Hause fahren. Dahinter folgen drei Personenschützer in einem zivilen Polizeiwagen. Um 17.25 Uhr, kurz vor dem Ziel, fährt plötzlich ein Auto von rechts auf die Fahrbahn. Von links rollt ein blauer Kinderwagen herbei. Schleyers Fahrer bremst hart, der zweite Wagen kann nicht mehr stoppen und fährt auf. Die RAF-Terroristen eröffnen das Feuer aus Sturmgewehren, der unbewaffnete Chauffeur und die drei Polizisten sterben im Kugelhagel. Der Arbeitgeberpräsident selbst bleibt unverletzt. Die Täter zerren ihn aus dem Dienstwagen und brausen in einem VW-Bus davon.

Es scheint so, als ob jener „Deutsche Herbst“ des Schreckens immer wieder zurückkehrt. Nicht nur für diejenigen, die um ihre von den Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF) ermordeten Angehörigen und Freunde trauern. Auch die deutsche Gesellschaft lassen die Ereignisse des Jahres 1977 einfach nicht los. Die Entführung und Ermordung Schleyers, die Geiselnahme an Bord der Lufthansa-Maschine „Landshut“ und der Selbstmord von drei in Stammheim einsitzenden RAFTerroristen waren der traumatische Höhepunkt einer Terrorwelle, deren Folgen auch 20, 25 und nun sogar 30 Jahre später noch spürbar sind.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Der islamistische Terror, die Entführung von Deutschen im Irak und in Afghanistan und die verschärften Sicherheitsmaßnahmen in Deutschland legen Vergleiche mit der damaligen Bedrohung nahe. Auch steht die RAF 2007 selbst wieder im Blickpunkt und entfacht neue Kontroversen. Die früheren Terroristinnen Brigitte Mohnhaupt, Organisatorin der SchleyerEntführung, und Eva Haule haben ihre Mindesthaftstrafen verbüßt und sind wieder auf Bewährung in Freiheit. Das Gnadengesuch von Christian Klar lehnte Bundespräsident Horst Köhler nach dessen kontroversem Grußwort für eine linke Veranstaltung indes ab.

Gleichzeitig rufen neu entdeckte Tonbandmitschnitte aus den Stammheim-Prozessen und die erstmals veröffentlichte Begründung der Urteile die damaligen Fronten zwischen dem Staat und seinen erbitterten Gegnern wieder in Erinnerung. Und auch drei Jahrzehnte später bleiben viele Fragen offen: Wer erschoss Generalbundesanwalt Siegfried Buback, das erste RAF-Mordopfer des Jahres 1977, wer feuerte die tödlichen Schüsse auf Schleyer? Ganz zu schweigen von den Anschlägen der sogenannten dritten Generation der RAF – die Morde an Deutsche-Bank-Vorstandssprecher Alfred Herrhausen und Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder 1989 und 1991 wurden nie aufgeklärt.

Auch auf Theaterbühnen und im Kino ist die RAF nach wie vor ein Thema. Am Stuttgarter Staatstheater sammelte Schauspieldirektor Claus Peymann 1977 Geld für die zahnärztliche Behandlung der im Stadtteil Stammheim inhaftierten Terroristen und provozierte damit harsche Kritik. In diesem Jahr eröffnet sein Nachfolger Hasko Weber die Saison mit drei Projektwochen unter dem Motto „Endstation Stammheim“, an denen sogar Entertainer Harald Schmidt beteiligt ist. Und als „Der Baader Meinhof Komplex“, wie der heutige „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust sein Buch über die RAF nannte, wird die Geschichte der Terroristen derzeit in Starbesetzung fürs Kino neu verfilmt.

Die RAF löste sich laut Mitteilung ihrer bis heute unbekannten letzten Mitglieder 1998 auf. Viele ehemalige Terroristen führen nach verbüßter Haft wieder ein normales Leben – ein Umstand, der im Fall der heute in Bremen als Lehrerin arbeitenden Susanne Albrecht sogar als Thema für den Landtagswahlkampf ausgeschlachtet wurde. Das frühere RAF-Mitglied Peter-Jürgen Boock präsentiert als Talkshow-Gast seine Version des „Deutschen Herbstes“, die meisten seiner früheren Komplizen jedoch scheuen die Öffentlichkeit. Sie äußerten sich zwar hier und dort nachdenklich, zu einem aufrichtigen Bedauern der Mordtaten hat sich die RAF aber nie durchgerungen, wie der Rechtsanwalt Butz Peters in seinem Buch „Tödlicher Irrtum“ feststellt. Strafrechtlich mag dies ohne Bedeutung sein, wohl aber für die andauernde Debatte über den „Deutschen Herbst“ und seine Nachwirkungen.

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