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Alt und arm

75 Jahre alte Seniorin lebt von 725 Euro im Monat

Elmar Ries

Münsterland - Armut hat viele Gesichter, das von Angelika Müller sieht zuvorkommend und überaus freundlich aus. Ihren 75. Geburtstag hat die Seniorin unlängst gefeiert, das Alter sieht man ihr ebenso wenig an wie die Tatsache, dass sie seit geraumer Zeit schon jeden Cent umdrehen muss. „Ja, ich bin arm“, sagt sie selbstbewusst im Ton und schiebt vielleicht etwas zu keck ein „na, und?“ hinterher.

Altersarmut wächst sich hierzulande zu einem immer größeren Problem aus. Es ist erst ein paar Tage her, da erhob die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) mahnend die Stimme. „Vor allem in Deutschland droht Millionen Menschen im Alter ein Leben in Armut“, sagte OECD-Sozial­ex­pertin Monika Queisser.

Deutschland zähle international zu den Schlusslichtern bei der Alterssicherung von Geringverdienern. Da die Ren­tenhöhe strikt an die Beitragszahlung gekoppelt sei, drohe vielen Menschen, die jahrzehntelang ge­ar­bei­tet, aber nur wenig verdient haben, im Al­ter die Armut. So wie Angelika Müller.

Die 75-Jährige listet auf: 450 Euro Rente, plus 175 Euro Witwenrente sowie 100 Euro Wohngeld, macht 725 Euro im Monat, mit denen sie ihren Lebensunterhalt be­streiten muss. „Allein meine Wohnung kostet inklusive der Nebenkosten schon 460 Euro“, sagt sie. Viel bleibt da nicht übrig.

Müller und ihr vor nunmehr zwölf Jahren verstorbener Mann ha­­ben zeitlebens gearbeitet. „Wir waren beide selbstständig.“ Während ihr Mann sein Geld „im Handel“ verdient habe, arbeitete sie in der Gastronomie - „bestimmt 30 Jahre lang“. Reichtümer scheffeln konnten beide nicht. Und ans Alter gedacht, sagt Müller, hätten sie in jüngeren Jahren eigentlich auch nicht. Rentenbeiträge? „Ich habe immer nur den Mindestsatz bezahlt.“

Damals, als es noch die D-Mark gab und der Bundesar­beitsminister Norbert Blüm hieß, habe ihr der Versicherungsvertreter versichert, ih­re Rente sei so sicher wie später auskömmlich. Letzteres, das weiß die 75-Jährige heute, stimmt nicht. Die Kleiderkammer und die „Tafel“, bei der sie ih­re Lebensmittel bezieht, gehören schon lange zum Alltag Müllers. „Ich habe damit kein Problem“, sagt sie. „Da gehen so viele Arme hin.“

Deren genaue Zahl kennt niemand. Armut ist schambeladen, die Dunkelziffer darum hoch. Das beste statistische Indiz ist die Zahl derjenigen, die die sogenannte „Grundsicherung im Alter“ erhalten. In NRW sind das nach Angaben des Sozialministeriums derzeit ungefähr 170 000 Männer und vor allem Frauen.

Angelika Müller ist eine Lebenskünstlerin. Sie hat sich im Mangel eingerichtet und es geschafft, trotzdem mit erhobenem Kopf durchs Leben zu gehen. Alles, was Spaß macht, aber Geld kostet und nicht sein muss, hat sie nicht nur aus ihrem Alltag, sondern auch aus dem Bewusstsein verbannt. Sei es das Shoppen oder den Restaurant-Besuch oder nur der Kaffee im Café. „Auswärts essen macht nur dick“, sagt sie. Oder: „Früher habe ich gerne Tennis gespielt, heute gucke ich mir das eben im Fernsehen an." Einzig den regelmäßigen Besuch beim Friseur gönnt sich die Seniorin - „und meine Fitness-Gruppe“. 20 Euro kos­tet Letzteres im Monat. Das Geld dafür spart sie sich vom Mund ab.

Resolut kommt die Seniorin daher, so, als sei sie über Zweifel erhaben. „Armut ist kein Makel“, das betont sie gleich mehrfach. „Vor allem dann nicht, wenn man sein Leben lang gear­beitet hat.“ Dennoch: Auf dem Foto erkannt werden möchte sie ebenso wenig, wie sie ihren richtigen Namen öffentlich preisgeben will.

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