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Übereifrige Durchsagen

Abenteuer Bahnfahrt: Verspätung mit bester Unterhaltung

Wolfgang Schemann

Münster - Er gehört zur großen Münster-Fraktion, die alltäglich zur Arbeit nach Düsseldorf pendelt. Und er pendelt mit der Bahn. Da bleibt es, vor allem in diesen Winterwochen, nicht aus, dass sich mal eine Verspätung auftut. Der Münsteraner hat es freilich aufgegeben, sich über Verspätungen aufzuregen. Meist ärgert er sich nur noch über die mangelnde Information: „Da steht man dann irgendwo rum - und weiß nicht warum.“

Aber genau das war bei der gut einstündigen Verspätung, die er am Montag dieser Woche miterleben durfte, nicht der Fall. Ganz im Gegenteil: Die Durchsagen kamen quasi im Fünf-Minuten-Takt.

Es passierte auf der abendlichen Rückfahrt von Düsseldorf. Bis Dortmund, so der Münsteraner, „war der Zug absolut pünktlich“. Aber im Dortmunder Bahnhof kamen dann die Ansagen, die er etwa so in Erinnerung hat:

Wir können nicht weiterfahren, weil es an einer Bremse einen Defekt gibt. Der wird gerade gesucht.

Wir haben den Defekt gefunden und versuchen, ihn zu reparieren.

Die Reparatur ist nicht ohne Weiteres möglich, da es sich um einen Schweizer Zug handelt. Wir versuchen, einen Techniker zu finden, der sich damit auskennt.

Wir haben einen Techniker gefunden.

Der Defekt lässt sich leider nicht so schnell beheben.

Der Defekt befindet sich am letzten Wagen. Wir werden deshalb ohne ihn weiterfahren und bitten die Fahrgäste, diesen Wagen zu verlassen und sich einen neuen Platz zu suchen.

Wir können den Wagen nicht einfach so stehen lassen, weil auf die Schnelle keine Rangierlok zu bekommen ist.

Wir fahren jetzt doch mit dem letzten Wagen weiter.

Mittlerweile hatte sich eine rund einstündige Verspätung aufgebaut. Doch die Zeit war (fast) wie im Fluge vergangen. Denn die regelmäßigen Durchsagen sorgten beim Publikum für beste Unterhaltung - an der im Übrigen auch viele Nicht-Fahrgäste teilhaben durften. Denn die Zug-Besatzung, so berichtet der Münsteraner schmunzelnd, hatte nahezu geschlossen das Handy am Ohr - um Freunde, Geschäftspartner oder die Lieben daheim am Bahn-Abenteuer teilhaben zu lassen.

Als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, hinkte er - wie der Münsteraner notierte - genau 61 Minuten hinter dem Fahrplan her. Und dann kam die erste Durchsage, die der Pendler nicht so witzig fand. Sie hörte sich etwa so an: Wir begrüßen alle neu zugestiegenen Fahrgäste und fahren mit einer Minute Verspätung weiter.

Dass der Zugführer (wohl weil er sich im eine Stunde später fahrenden Folgezug wähnte) ein geschlagenes Stündchen unter den Tisch fallen ließ, kam denn auch bei der Pendler-Gemeinde nicht so gut an, wie der Münsteraner sich erinnert: „Es wurde im Chor gebuht.“

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