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Abschreckung der Wähler

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Wovor haben die Grünen in Schwäbisch-Gmünd solche Angst gehabt, dass sie dem türkischen Schwaben einen sicheren Listenplatz und damit auch ein Bundestagsmandat verweigert haben? Sicher, die Beispiele für eine Verknüpfung von Amt (Özdemir soll im November Co-Vorsitzender werden) und Mandat bei den Grünen sind rar – weil die Ökopartei dies aus grundsätzlichen Erwägungen ablehnt. Aber die wenigen Beispiele sind auch nicht so abschreckend, dass man nicht bei Özdemir, der zu den größeren politischen Begabungen in einer ansonsten damit nicht unbedingt gesegneten Partei zählt, eine Ausnahme hätte machen können.

Warum hat sich Fritz Kuhn, Landeschef in Baden-Württemberg, nicht energischer für seinen Parteifreund eingesetzt? Schließlich besitzt er genug Erfahrung von zahlreichen Parteiversammlungen, um eine falsche Strategie zu erkennen und im Keim zu ersticken – wenn er es denn gewollt hätte. Nachdem Özdemir gegen einen Parteilinken gescheitert war und dieser Flügel sein Mütchen gekühlt hatte, ließ Kuhn es zu, dass der designierte Parteichef noch einmal eine Kampfkandidatur durchstehen musste. Noch krasser kann man die Stimmung an der Basis gar nicht falsch einschätzen.

Was machen die Grünen eigentlich, wenn Özdemir jetzt frustriert erklärt, im November nicht mehr zur Verfügung zu stehen, weil ihm der Rückhalt an der Basis zu offenkundig fehlt? Ausgerechnet die Ökopartei entmutigt überflüssigerweise einen, der zu den wenigen Migranten gehört, die in der Bundespolitik von sich reden machten. Der überzeugend Politik für Integration und deren Fortentwicklung einfordern könnte – jenseits der emotional überbordenden und deshalb nicht selten so nervigen Appelle und Mahnungen einer Claudia Roth.

Die grüne Basis sollte nicht vergessen, dass Bundestagswahlen anstehen. Da ihre Lieblingsthemen Umwelt, soziale Gerechtigkeit und Gleichberechtigung inzwischen von anderen Parteien ebenso abgedeckt werden, sind sie über Inhalte allein nicht mehr unverkennbar. Auch wenn es für den einen oder anderen Grünen wie Teufelszeug klingen mag: Im Wahlkampf braucht jede Partei ihre Aushängeschilder. Wähler sind Menschen – sie orientieren sich daher auch an Köpfen. Wer aber die eigene Parteiprominenz so vorführt, darf sich über abgeschreckte Wähler nicht wundern.

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