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Jazzfest Gronau Content

Achtung, Baustelle!

Martin Borck

Gronau - Die Wahl war Jasper vant Hof nicht schwergefallen: „Lass uns doch Philip fragen“, meinte er, als Jazzfest-Macher Otto Lohle ihn bei der Programmplanung fragte, mit wem er gerne beim Jazzfest zusammenspielen wolle. Der belgische Gitarrist Philip Catherine und der niederländische Pianist vant Hof sind schließlich schon seit Jahrzehnten ein Herz und eine Seele. Sie verbindet derselbe Sinn für Humor, derselbe Spaß an ihrer Musikalität, dieselbe unorthodoxe Herangehensweise an eine gar nicht so ernste Sache wie ein Konzert.

Ein absolut exklusives Konzert übrigens. Denn die beiden Musiker hatten sich extra für den Auftritt in Gronau zusammengetan. Am Dienstag war Catherine ins Münsterland gereist, wo sich beide gemeinsam auf den Auftritt am Mittwochabend vorbereiteten.

Das Konzert in der Studio-Lounge der „Brücke“ war von einer großartigen Intensität. Zugegeben: Bei ein, zwei Passagen im ersten Set hakelte es bei den Übergängen. Da kamen die beiden ein wenig aus dem Takt. Aber da sie sowieso zu den Künstlern gehören, die die Zuhörer an der Entwicklung ihrer Musik teilhaben lassen, war das zu verschmerzen.

Eigentlich hätte vor die Bühne ein Schild mit der Aufschrift „Achtung, Baustelle!“ gehört: Denn dort passierte was, da war Kreativität mit Händen zu greifen. Live, vor den Ohren der Gäste, spielten sich Akte des Suchens, des Tastens und Findens ab. Wobei der eine zum Beispiel die Melodien des anderen imitierte. Es war spannend zu verfolgen, wie ein Stück seinen ursprünglichen Charakter verlor, indem das Tempo anzog und die Tonart sich änderte. In „The Quiet American“ gab es eine Passage, in der vant Hof die Noten Catherines wiederholte, aber auf eine derart schleppende Weise, als ob das musikalische Material eine schwere Last darstelle, die er als Pianist kaum in Bewegung setzen könne. Ein schöner Effekt.

Spielten die beiden kammermusikalischen Jazz? Ja auch. Zum Beispiel bei dem wunderschönen Stück „Janet“ aus der Feder Catherines. Doch die Grenzen der Kammermusik wurden immer wieder durch die eruptiven Ausbrüche vor allem vant Hofs gesprengt, der teils wie ein Derwisch auf die Tasten haute - oder auch (extra) daneben. Hauptsache Action!

Über dem Konzert schwebte der Geist eines dritten Musikers: des großen, vor zwei Jahren gestorbenen Saxofonisten Charlie Mariano, mit dem sowohl vant Hof als auch Catherine lange Jahre zusammengearbeitet hatten. Die beiden spielten zwei Titel von ihm: „Crystal Bells“ und Lazy Day“. Ein intensives Erlebnis, das Eindruck bei den Zuhörern hinterließ.

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