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Anschlag in Afghanistan

Afghanistan: Soldaten in Kundus trotzen der Gefahr

Stefan Felten

Kundus – Knapp drei Wochen sind seit dem Selbstmordanschlag auf die Bundeswehr im nordafghanischen Kundus vergangen, und die Folgen sind bei der Truppe deutlich zu spüren. Fußpatrouillen, wichtig für den Kontakt mit der Bevölkerung, sind ausgesetzt. Die Wiederaufbauarbeit, mit der die Bundeswehr Herzen und Köpfe der Afghanen gewinnen sollen, wurde fast auf Null heruntergefahren. Als Verteidigungsminister Franz Josef Jung am Donnerstag die Soldaten in Kundus besucht, regt sich bei der Truppe Unmut über die afghanischen Behörden: Diese hätten weder die Drahtzieher noch weitere potenzielle Attentäter gefasst, auf die es in der Region Hinweise gebe.

„Es gibt Kräfte, von denen man weiß, dass sie offen oder verdeckt gegen ISAF (die Internationale Schutztruppe in Afghanistan) vorgehen“, sagt der Sprecher der Bundeswehr in Kundus, Günter Schellmann. Die Bundeswehr dürfe selber nichts gegen diese „Zellen“ unternehmen, das sei afghanischen Sicherheitskräften vorbehalten - die aber nichts unternähmen. „Das erstaunt uns natürlich.“ Auch Jung macht deutlich, dass die Kooperation der afghanischen Kräfte in den vergangenen Tagen zu wünschen übrig ließ. Er könne nur hoffen, „dass es alsbald gelingt, die Drahtzieher und Hintermänner dieses hinterhältigen Anschlages dingfest zu machen“, sagt Jung.

Wie gefährlich die einst als ruhig geltende Stadt geworden ist, haben die vergangenen Wochen bewiesen: Gleich drei tödliche Selbstmordanschläge wurden in Kundus verübt, einer gegen die Polizei, ein weiterer gegen die Bundeswehr, der bislang letzte gegen eine amerikanische Sicherheitsfirma. Der Anschlag auf die Truppe, bei der auch acht afghanische Zivilisten ums Leben kamen, zeigt in der Bevölkerung bereits negative Folgen – ganz wie von den Taliban erhofft. Die Afghanen hätten in der Nähe der deutschen Soldaten nun Angst, sagt Schellmann. Genau diese Nähe suchen die Deutschen aber, und genau deshalb sind sie bei den meisten Afghanen auch beliebt.

„Die Taliban haben es geschafft, einen Keil zwischen die friedliche Bevölkerung und das Wiederaufbauteam (der Bundeswehr) zu treiben“, sagt Schellmann. Jung möchte den Rebellen diesen Erfolg auf keinen Fall dauerhaft gönnen. Auch künftig müsse man mit Risiken wie einem Anschlag rechnen, sagt er. Die Bundeswehr werde ihre Fußpatrouillen aber sofort wieder aufnehmen, „sobald sich die Sicherheitslage einigermaßen wieder stabilisiert“. Der Minister betont: „Wir igeln uns hier nicht ein.“ Das sei schließlich genau der falsche Weg, sagt er – wie es auch der in Deutschland immer stärker diskutierte Abzug der Soldaten wäre. Dieser Erfolg, das unterstreicht Jung immer wieder, dürfe den Terroristen nicht gegönnt werden.

Auch die Soldaten wollen trotz des traumatischen Erlebnisses und der Unzufriedenheit mit den afghanischen Sicherheitskräften nicht abziehen. Oberfeldwebel Christian Grünewald sagt: „Persönlich bin ich schon schweren Mutes, dass wir nicht irgendwas unternehmen können, obwohl wir wissen, dass Selbstmordattentäter da sind.“ Der 27-Jährige aus Eisenach ist bei den zivil-militärischen Aufbauhelfern der Truppe, er hat vor dem Anschlag beim Brückenbau und Brunnenbohren mitgeholfen. Aus seiner Einheit wurden Soldaten am 19. Mai verletzt.

Seitdem habe sich die Arbeit wegen der unsicheren Lage „massiv verändert“, die Helfer könnten kaum noch rausfahren, sagt Grünewald. „Das ist sehr schlecht.“ Von dem Anschlag dürfe man sich aber nicht beirren lassen – schließlich seien die allermeisten Afghanen in der Region zufrieden mit der Bundeswehr-Arbeit, nur ein verschwindend geringer Teil wolle die Soldaten nicht im Land haben. „Die Kameraden sagen: „Jetzt erst recht““, sagt Grünewald. Einer der Verletzten, der nach Deutschland ausgeflogen wurde, habe vor kurzem bei seiner Einheit in Kundus angerufen. „Er hat uns gesagt: „Macht weiter““.

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