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Operationen an der Schilddrüse

Allein mit einer Dosis Radioaktivität

Annegret Schwegmann

Eine Kapsel Radiojod kann eine aufwendige Operation an der Schilddrüse ersetzen. Der Haken: Dafür müssen sich betroffene Patienten für mehrere Tage in Quarantäne begeben.

Günter Otto hat exakt so viele Zeitschriften, Bücher und Klausuren auf seinem Tisch im Patientenzimmer verteilt, dass der Lehrer drei Tage ohne Langeweile auf der Kontrollstation der Nuklearmedizin verbringen kann. Drei Tage hat auch sein Aufenthalt im vergangenen Herbst im Untergeschoss gedauert, das von den Patienten nur als „die Quarantänestation“ bezeichnet wird.

Drei Tage, an denen der Dülmener auf die Wirkung der Kapsel vertraute, sein Zimmer selten verließ und Gespräche mit den Pflegern meistens hinter einer brusthohen Wand führte. Die bleiverstärkte Mauer schützte das Pflegeteam vor den Strahlen, die in dieser Zeit von Günter Otto ausgingen. Der Lehrer weiß seit einigen Monaten, dass die Nervosität, die Schweißausbrüche und Schlafstörungen nicht eine Nebenerscheinung seiner oft stressanfälligen Arbeit sind. Günter Otto leidet an einer Überfunktion seiner Schilddrüse, die die Nuklearmediziner des UKM mit einer Radiojod-Therapie behandeln.

Schilddrüsenerkrankungen erreichen in Deutschland seit Jahren traurige Spitzenwerte.

Jeder dritte bis vierte Bürger ist betroffen - erklärt Professor Otmar Schober.

Männer ebenso stark wie Frauen, Norddeutsche wie Süddeutsche. Schilddrüsen-Präparate gehören zu den Medikamenten, die in Deutschland am häufigsten verschrieben werden. Das ließe sich ändern, wenn der Jodmangel reduziert würde. Schober kann nicht sagen, wie oft er schon darauf hingewiesen hat, dass allein eine Jodierung des Trinkwassers - wie früher in der DDR und heute noch immer in Österreich und in der Schweiz üblich - die Erkrankungsrate erheblich verringern würde. Der Direktor der Klinik für Nuklearmedizin wird es weiterhin tun - vielleicht hilft es ja doch einmal.

Nicht nur Jodmangel kann zu Schilddrüsenstörungen führen. Die Irritationen des Organs werden häufig auch vererbt. Die Schilddrüse benötigt Jod, um ein Hormon zu produzieren, das den Stoffwechsel des Körpers steuert. Einen Mangel an Jod kompensiert die Schilddrüse zumeist durch Wachstum des Organs. Es nutzt die geringe Jodzufuhr, um dennoch genügend Hormone zu produzieren.

In der umgekehrten Variante bildet die Schilddrüse zu wenige Hormone aus. Überfunktionen zeigen sich zumeist durch Schlafstörungen, Unruhe, häufiges Schwitzen und zunächst unerklärliche Gewichtsabnahme, Unterfunktionen durch Melancholie, Frieren, Gewichtszunahme und Wassereinlagerungen. „Die Funktionsstörungen müssen behandelt werden,“ erklärt Schober. Doch viele Betroffene wissen nicht einmal, worauf ihre körperlichen Beeinträchtigungen zurückzuführen sind. Dabei bringt in der Regel schon ein Bluttest Klarheit.

Das UKM ist Anlaufstelle nicht zuletzt für die Patienten geworden, deren Schilddrüsenerkrankung sich bösartig entwickelt. Schober und seine Kollegen können die Patienten, die sich täglich neu mit einer gutartigen Schilddrüsenerkrankung im UKM vorstellen, in der Regel beruhigen: „Bösartige Erkrankungen sind sehr selten.“ Treten sie jedoch auf, ist die Nachsorge nach einer Behandlung besonders wichtig. „Eine gute Nachsorge führt zu einer Lebenserwartung wie bei einem Nichterkrankten“, sagt Schober. Einmal im Jahr werden die Patienten in die Klinik bestellt. Dabei müssen unter anderem die Tumormarker überprüft und die Schilddrüse per Ultraschall untersucht werden.

Die Patienten haben die Wahl zwischen einer Operation, bei der Teile der Schilddrüse entfernt werden und verhindert wird, dass die Luftröhre beeinträchtigt wird, und einer nuklearmedizinischen Therapie, die ohne eine Operation möglich ist. Die Patienten schlucken eine Kapsel, deren Substanz, das sogenannte Radiojod, von den Zellen der Schilddrüse aufgenommen wird. Das Radiojod zerstrahlt das überaktive Gewebe und setzt es in Narbengewebe um.

Nuklearmediziner suchen in den Forschung seit Jahren nach Methoden, das Verfahren auch auf die Therapie anderer Krankheiten zu übertragen. Der Weg bis dahin dürfte jedoch weit sein. Denn die Schilddrüse ist in der beneidenswerten Lage, die Substanz nur dort aufzunehmen, wo sie punktgenau wirken kann.

Günter Otto gehört zu den Patienten, die nicht überlegen mussten, ob sie sich für eine nuklearmedizinische Behandlung oder eine Operation entscheiden. Weil der Lehrer vor einigen Jahren nach einer Operation unter einer gefährlichen Thrombose litt, wollte er die Risiken so gering wie möglich halten. „Im ersten Moment war es natürlich ein seltsames Gefühl, diese Kapsel zu schlucken und darauf zu warten, wie sie wirkt“, erzählt der Dülmener. Letztendlich siegte jedoch die Ratio: „Es liegt in der Natur der Sache, dass zunächst einige Vorsichtsmaßnahmen nötig waren.“

48 Stunden, so will es der Gesetzgeber, sollen sich die Patienten mindestens in dem Kontrollbereich aufhalten. In dieser Zeit ist mit höheren Ausstrahlungen durch die radioaktive Substanz im Körper des Patienten zu rechnen. Besucher sind in dieser Zeit tabu. Mitarbeiter können den Kontrollbereich der Nuklearmedizin erst verlassen, wenn sie sich einem Strahlentest unterzogen haben. Günter Otto vertraut der Methode, weil er sich schon nach der ersten Anwendung besser fühlte. Von der zweiten Behandlung verspricht er sich noch bessere Resultate. Medikamente muss er schon jetzt nicht mehr nehmen. „Ich achte auf meine Ernährung und treibe viel Sport.“ Auch das gibt ihm ein gutes Gefühl, die Schilddrüsenerkrankung in den Griff zu kriegen.

Michael Kriens ist Strahlenschutzbeauftragter des UKM und seit Jahren daran gewöhnt, in angespannte Gesichter zu sehen, wenn er das Regelwerk der Sicherheitsmaßnahmen vorstellt. Mitarbeiter tragen Geräte bei sich, klein wie moderne Handys und in der Lage, die Strahlenwerte der Umgebung und des Körpers exakt zu messen. Maßnahmen, die das Gesetz vorschreibt und die Patienten und Mitarbeitern nachvollziehbar zeigen sollen, wann ein Grenzwert sicher unterschritten wird.

In den „Katakomben“ des UKM lagern Kriens und sein Team in bleiummantelten Behältern bis zu 300 Kubikmeter Abwasser aus der Kontrollstation, das so lange verwahrt und immer kontrolliert wird, bis die radioaktiven Grenzwerte unterschritten wird. Auch die Therapie-Kapseln lagern in bleiverstärkten Tresoren und müssen unter strengen Sicherheitsvorschriften verabreicht werden.

Vermutlich ist es diese Situation aus Vorsichtsmaßnahmen, Quarantäne und gefühlter tagelanger Unwirklichkeit, die das Leben auf der Kontrollstation anders als in jeder anderen Abteilung macht.

„Man weiß, dass man sich den anderen höchstens bis auf zwei Meter Körperabstand nähern darf“, sagt Otto. „Wahrscheinlich geht man deshalb einfach herzlicher und persönlicher miteinander um.“

Nähe als Antwort auf Distanz.

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