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Allenfalls eine „kleine Chance“

Münster. Keine Frage – das Abschneiden der türkischen Fußball-Nationalmannschaft bei dieser Europameisterschaft hat auch bei den Fans in Münster und Umgebung Begeisterung geweckt. Wobei die Hoffnung auf ein friedvolles Fest...

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Münster. Keine Frage – das Abschneiden der türkischen Fußball-Nationalmannschaft bei dieser Europameisterschaft hat auch bei den Fans in Münster und Umgebung Begeisterung geweckt. Wobei die Hoffnung auf ein friedvolles Fest, bei dem deutsche wie türkische Anhänger gleichermaßen gewinnen können, ein prägendes Merkmal der Erwartungen ist. In der Favoritenrolle – das zeichnet sich ebenfalls ab – sehen die meister Türkeistämmigen das deutsche Nationalteam.

„Man hat gesehen, dass die deutsche Mannschaft da ist, wenn es darauf ankommt. Das hat sich auch in diesem Jahr gezeigt“, sagt Veli Gündogdu. Der Trainer des heimischen A-Ligisten SC Türkiyem sieht allenfalls eine „kleine Chance“, wie er sagt, für die Auswahl seines Heimatlandes. Gleichwohl elektrisiert auch Gündogdu das EM-Halbfinale am morgigen Mittwoch in Basel. „Ich denke, früher hätten wir eine Packung von den Deutschen gekriegt. Diese Zeiten sind vorbei“, erkennt der Trainer generell einen Aufwärtstrend im türkischen Fußball. „In erster Linie führe ich das auf die größeren Freiheiten zurück, die jeder einzelne Spieler heute genießt. Zudem macht sich bemerkbar, dass viele unserer Spieler inzwischen im Ausland spielen.“ Gündogdu: „Das führt individuell zu größerer Stärke“, erläutert der Coach.

Auch Cihan Tasdelen, Trainer der Preußen-Reserve, schiebt der Elf von Joachim Löw die Favoritenrolle zu. „Allein schon deshalb, weil Löw die Spielweise unserer Mannschaft sehr gut kennt“, sagt Tasdelen, der freilich einräumt, dass auf der anderen Seite Fatih Terim ähnlich gut über die Qualitäten des Kontrahenten Bescheid weiß. Dass der Coach von Preußens „Zweiter“ die Deutschen im Vorteil sieht, liegt maßgeblich auch am Personalbestand. „In dieser Hinsicht ist unsere Mannschaft arg gebeutelt. Aufgrund zahlreicher Ausfälle müssen wir notgedrungen auf Spieler zurückgreifen, die selbst in ihren Vereinen zweite Wahl sind“, sagt Tasdelen, der nicht zuletzt aufgrund dieser Engpässe die DFB-Auswahl im Vorteil sieht. „Allerdings“, so der in Istanbul aufgewachsene Trainer, „darf man die türkische Mannschaft nie abschreiben. Das hat sie bei diesem Turnier schon mehrfach bewiesen.“

In seiner Einschätzung liegt der Preußen-Trainer auf einer Wellenlänge mit Aziz Kahraman. „Ich gehe von einem knappen Sieg der Deutschen aus. Allein schon deshalb, weil wir nicht komplett sind“, gibt der Vorsitzende des Türkischen Jugendvereins Münster zu verstehen. Der Chef des heimischen B-Ligisten wäre freilich nicht böse, wenn es anders laufen und die Auswahl seines Heimatlandes für die nächste Überraschung sorgen würde. „Für uns ist es schon ein Erfolg, dass wir überhaupt so weit gekommen sind. Deshalb kann unsere Mannschaft völlig befreit aufspielen.“

Orhan Özkara, Mannschaftskapitän von Regionalligist SC Preußen Münster, weilt zur Zeit noch in der Heimat. Der 29-Jährige ist am südlichsten Punkt der Türkei in Anamur beheimatet, und freut sich auf das Spiel, allerdings: „Deutschland ist generall als Mannschaft einen Schritt voraus und wir haben nur noch 13 Feldspieler." Und dabei hat der Preußen-Kapitän ein durchaus kritisches Verhältnis zu den Erfolgsaussichten seiner Mannschaft: „Ich denke, das Spiel geht mit 0:0 in die Verlängerung und am Ende gewinnt Deutschland.“

Das sieht sein Teamkollege Kurtulus Öztürk ein bisschen anders. Just zurückgekehrt aus dem Heimaturlaub, will sich der Abwehrspieler die Partie beim Public Viewing auf dem Dortmunder Friedensplatz ansehen. „Die Jungs haben in der Türkei schon Geschichte geschrieben. Es ist unglaublich, welche Euphorie entstanden ist, wie eine Nation plötzlich zusammenhält.. Gegen Deutschland hat die Mannschaft nicht zu verlieren“, sagt der 27-Jährige. Und lässt sich auch nicht mit einem Tipp lumpen: „Sieg in der Verlängerung mit 2:1 für die Türkei.“

Boxer Soner Ün vom Telekom Post SV blickt schon jetzt mit Spannung der Partie am Mittwoch entgegen. Geboren in der Türkei, aufgewachsen in Deutschland, fällt der Aktive vom Telekom Post SV Münster eine fast schon salomonische Prognose: „Ich werde mich so oder so freuen und das Spiel genießen. Der Bessere soll gewinnen, und ich werde nicht traurig sein bei einer Niederlage.“ Eine gute Einstellung.

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