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Interview

Ambulante Hospizbewegung besteht in Münster seit 20 Jahren

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Münster - Manchmal sagt ein schlichter Satz ja mehr als viele Worte: „Kommst du zu mir, wenn ich gehen muss?“ Für die ambulante Hospizbewegung Münster ist dies der Leitgedanke, der ihre Arbeit prägt. Seit 20 Jahren begleiten Menschen in Münster Sterbende und ihre Familien. Wie die Hospizbewegung angefangen hat, wie sie sich entwickelt hat und wie sie ihre Zukunft sieht, darüber hat Redakteurin Martina Döbbe mit Sabine Haunhorst (Vorstandsmitglied) und Ruth Rühl (ehrenamtliche Sterbebegleiterin) gesprochen.

Wie ist die Hospizbewegung in Münster entstanden?

Haunhorst: Einige engagierte Münsteraner haben sich damals - in einer Zeit, in der die Hospizidee in Deutschland noch recht unbekannt war - zusammen gefunden, um sterbende Menschen und deren Angehörige zu unterstützen. Zu Beginn unserer Arbeit gab es viele Fragen zur praktischen Hospizarbeit. Wie bereiten wir die ehrenamtlichen Begleiter auf die Aufgaben vor? Wer übernimmt die Ausbildung? Wie informieren wir über das, was wir tun? Das alles musste geklärt werden, ehe wir mit der Arbeit beginnen konnten.

Sind Sie damit auf offene Ohren getroffen?

Haunhorst: Es gab damals viel mehr Skepsis und Fragen als heute. Allerdings gibt es auch heute noch Berührungsängste, wenn Menschen sich mit der Hospizarbeit und damit mit dem Thema Tod und Sterben auseinandersetzen. Vielen ist bis heute auch unbekannt, dass es nicht nur stationäre Hospize, sondern auch ambulante Hospizdienste - wie wir es sind - gibt. Doch ist aus einer kleinen Gruppe engagierter Gründer eine echte Bürgerbewegung geworden. Der Verein hat mittlerweile mehr als 500 Mitglieder sowie viele Freunde und Förderer.

Können Sie beschreiben, was die ambulante Hospizarbeit ausmacht?

Rühl: Wir begleiten Menschen in einem besonderen Lebensabschnitt und zwar dort, wo sie zu Hause sind. Wir schenken Zeit, Aufmerksamkeit, menschliches Miteinander. Wir sind da, wenn Menschen am Lebensende nicht allein sein möchten. Wir unterstützen auch die Angehörigen, stehen für Gespräche zur Verfügung, eigentlich für alles, was in dieser Zeit wichtig ist und gewünscht wird. Manchmal sitzt man zusammen und redet, manchmal sitzt man zusammen und schweigt. Etwas vorlesen, Musik hören, es gibt viele Möglichkeiten, aber kein Patentrezept, jede Begleitung ist anders.

Wie viele Mitarbeiter arbeiten zurzeit in der Hospizbewegung mit?

Haunhorst: Wir haben drei hauptamtliche Koordinatoren. Dazu kommen rund 60 Ehrenamtliche. Der größte Teil ist aktiv in der Sterbe- und Trauerbegleitung, aber es gibt auch Ehrenamtliche, die sich für andere Aufgaben - zum Beispiel Öffentlichkeitsarbeit - engagieren.

Wie intensiv ist eine Sterbebegleitung?

Rühl: Das sprechen Begleiter und Betroffene ab. Üblich ist, dass man sich etwa zwei Mal pro Woche für zwei Stunden trifft. Es gibt aber auch Situationen, in denen ein täglicher Besuch gewünscht und nötig ist. Auf der anderen Seite hatte ich einmal eine Begleitung, die sich über zwei Jahre erstreckt hat. Da waren die Kontakte zwischendurch lockerer und zum Ende hin dann wieder sehr eng.

Wie werden Sterbebegleiter auf ihre Aufgabe vorbereitet?

Haunhorst: Hierfür gibt es Grund- und Aufbaukurse. Der Grundkursus bietet Interessierten einen ersten Einblick in das Thema. Wer ihn besucht hat, kann entscheiden, ob die Arbeit als ehrenamtlicher Begleiter für ihn in Betracht kommt. Dann schließt sich ein intensiver Aufbaukursus an, für den man sich bewerben muss. Insgesamt sind es deutlich über 100 Stunden der Vorbereitung. Später ist es dann so, dass wir für die Ehrenamtlichen Supervision anbieten. Der Austausch untereinander und mit den hauptamtlichen Koordinatoren ist wichtig - auch um die teilweise sehr belastende Situation zu verarbeiten.

Wie groß ist das Interesse, sich in der Hospizarbeit zu engagieren? Und welche Voraussetzungen sollte man dafür erfüllen?

Haunhorst: Das Interesse ist wirklich groß. Darüber freuen wir uns, weil es zeigt, dass die Idee von vor 20 Jahren auf fruchtbaren Boden gefallen ist.

Rühl: Sterbebegleitung ist, das muss man betonen, etwas für beide Seiten sehr Wichtiges. Der Mensch, dem es gut tut, in dieser Phase nicht allein zu sein, gibt uns als Begleitern auch viel zurück. Es ist ein gegenseitiges Geschenk, das Menschen sich machen. Eine Grundvoraussetzung für die Arbeit ist sicherlich Einfühlungsvermögen, um sich auf den jeweiligen Menschen einzustellen. Man muss gern mit anderen zusammen sein und Menschen offen, ohne Vorurteile, begegnen.

20 Jahre ambulante Hospizbewegung in Münster - wie soll dieser Geburtstag begangen werden?

Haunhorst: Heute ist quasi der offizielle Auftakt für unser Jubiläumsjahr. Im Rathaus gibt es einen Empfang, in dem wir einen Rück- und Ausblick wagen und über die „Hospiz-Bürger, die die Gesellschaft bewegen“ diskutieren. Außerdem wollen wir das ganze Jahr über mit Ausstellungen, Informationsangeboten und Vorträgen auf unsere Arbeit aufmerksam machen.

Was wünschen Sie sich für die nächsten 20 Jahre ambulante Hospizbewegung?

Haunhorst: Wir wollen den Betroffenen auch in Zukunft zur Seite stehen. Und wir möchten weiterhin innerhalb des gesamten Helfernetzes - bestehend aus Pflegediensten, stationären Hospizen, Palliativärzten und anderen mehr - eine wichtige Rolle übernehmen.

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