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Cine-Lenz

"American Gangster": Der Brusthaar-Bringer

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Zuletzt drohte er zum Stamm-Charmeur für die Damen der Toskana-Fraktion zu werden. Man sah ihn auf der Leinwand gar als stubenreiner Slapstick-Macho über ein Weingut irren. Doch jetzt ist Russell Crowe wieder ganz der Alte, und er spielt genau die Rollen, die wir von ihm sehen wollen: einen zwielichtigen Cop in „American Gangster“ und im Dezember dann einen brutalen Banditen in dem grandiosen Neo-Western „Todeszug nach Yuma“. Wenn einer das kann, dann er.

Russell Crowe, heute 43, hat schließlich die harte Männlichkeit nach Hollywood zurückgebracht und dem in den 90er Jahren arg bubifizierten Sex-Appeal der Kinohelden wieder Brusthaar wachsen lassen. Wir erinnern uns: Bevor Crowe zum Star wurde, galt noch Leo DiCaprio als ultimativer Mädelsschwarm.

Der Spitzenkrimi „L. A. Confidential“ machte Crowe 1997 zum Inbegriff maskuliner Leinwandheldenpräsenz, und seinen Ruhm zementierte „Gladiator“, die Wiedergeburt des längst versandet geglaubten Sandalenfilms: Für seine erste Zusammenarbeit mit „American Gangster“-Regisseur Ridley Scott erhielt er nicht nur den „MTV Movie Award“ für den „besten Kampf mit einem Tiger“, sondern auch Golden Globe und Oscar als „bester Schauspieler“. Mehr geht nicht. Er hätte den Oscar allerdings lieber für den Tatsachen-Thriller „Insider“ bekommen. Darin spielte er einen Informanten aus der Zigarettenindustrie. Seine beste Rolle.

Auf den Gladiatorenpart wollte er nie festgelegt bleiben. Immerhin hätte der Schulabbrecher aus mangelndem Selbstwertgefühl beinahe die Rolle in „L. A. Confidential“ ausgeschlagen: Als Mann von untersetzter Gestalt war er eigentlich zu klein für das Rauhbein, das er da spielen sollte. Um sich „aufzubauen“, mietete er vor dem Dreh eine Wohnung mit niedriger Decke – schon fühlte er sich groß.

Gern übersehen werden seine Anfangsjahre. An die Soap „Nachbarn“ sollte man ihn dabei nicht erinnern. Nach einigem Tingeltangel in Musicals wie „Grease“ kam er aber schnell zum Film: Werke wie „Blutiger Schwur“ oder „Proof“ kennt hier kaum einer, doch in seiner Wahlheimat Australien waren sie durchaus erfolgreich. Das gilt erst recht für den Skinhead-Skandalfilm „Romper Stomper“ (1992), der ihm ebenso den Weg nach Hollywood ebnete wie sein Part als sensibler Schwuler in „Die Summe der Gefühle“ (1994). In Amerika fiel er erst neben Sharon Stone im Comic-Western „Schneller als der Tod“ auf.

Seit „Gladiator“ pendelt er zwischen Abenteuer- und Charakterkino. „Master & Commander“ war ein Hit, „Lebenszeichen“ dagegen ein Flop. Immerhin bescherte ihm der Entführungsreißer eine Affäre mit Meg Ryan, die sogleich ihren Gatten für ihn verließ. Doch Crowe kehrte zu seiner Langzeitfreundin Danielle Spencer zurück, einer Sängerin. Heute haben sie zwei Kinder und leben mal auf ihrer Farm, mal in ihrem 14-Millionen-Penthouse in Sydney.

Vielleicht liegt’s an diesem familiären Rückzug, dass die Skandalgeschichten verstummt sind. Keine TV-Produzenten mehr, die er anbrüllt, weil sie seine Dankesreden zensiert haben, keine Raufereien mehr in Londoner Kneipen.

Parallel dazu entwickelten sich seine Rollen von oscarheischend (das schizophrene Mathe-Genie in „A Beautiful Mind“ etwa, oder der verzweifelte Boxer in „Das Comeback“) hin zu locker-leicht: Die Weingut-Burleske „Ein gutes Jahr“, ebenfalls von Ridley Scott, verstörte selbst beinharte Fans, denn ein großer Komiker ist Russell Crowe wirklich nicht.

Das wird jetzt also wieder anders. „American Gangster“ und ganz besonders „Todeszug nach Yuma“ sind Pflichtfilme, und zwar keineswegs nur für Fans von Crowe. Man darf zudem hoffen, dass das erstmal so bleibt: Demnächst nämlich spielt er Robin Hoods finsteren Gegenpart, den Sheriff von Nottingham.

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