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"Amoklauf" in Gellendorfer Kaserne - Training mit Lehrern

Rheine - Schüsse fallen. Kinder kreischen, schreien um Hilfe. Ein Rauchmelder-Alarm zerrt am Trommelfell. Im Foyer liegt ein lebloser Körper, auf der Treppe sitzt ein Mädchen mit einer blutenden Wunde am rechten Handgelenk. Da, auf dem Flur, läuft der Amokschütze: schwarz gekleidet, vermummt. Er zielt und schießt … Erstmals hat das Regionale Bildungs-Netzwerk des Kreises...

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<1>Rheine - Schüsse fallen. Kinder kreischen, schreien um Hilfe. Ein Rauchmelder-Alarm zerrt am Trommelfell. Im Foyer liegt ein lebloser Körper, auf der Treppe sitzt ein Mädchen mit einer blutenden Wunde am rechten Handgelenk. Da, auf dem Flur, läuft der Amokschütze: schwarz gekleidet, vermummt. Er zielt und schießt …

Erstmals hat das Regionale Bildungs-Netzwerk des Kreises Steinfurt gemeinsam mit der Kreispolizeibehörde für Lehrer aus dem Kreis Steinfurt am Donnerstagnachmittag ein Amoktraining durchgeführt.

Schauplatz der krimireifen Inszenierung ist die ehemalige Kaserne Gellendorf. Dort hat die Kreispolizeibehörde ihr Trainingszentrum eingerichtet. "Jeder Polizist wird hier drei Mal im Jahr einen Tag lang geschult und trainiert", erläutert Paula Haverkämper, Leiterin der Fortbildungsstelle bei der Polizei.

In den vergangenen zehn Jahren sind bundesweit 73 Menschen nach Amokläufen in Schulen ums Leben gekommen, 150 wurden verletzt. Spätestens nach den Schüssen des Amokläufers in Erfurt, bei dem im April 2002 fast 20 Menschen ihr Leben verloren haben, trainiert die Polizei gezielt sogenannte Amok-Lagen.

<2>Im Ernstfall müssen Polizei und Lehrer bestmöglich zusammenarbeiten. Im Schnitt dauert es rund zehn Minuten, bis das erste Einsatzteam die Schule erreicht. "Das ist die so genannte Chaosphase. Rund zehn Minuten, die verdammt lang werden können", sagt Peter Gehrmann-Beutenmüller. Der Polizist weiß, wovon er spricht: Als Dienstgruppenleiter war er am 20. November 2006 der erste Polizist, der sich dem Amokläufer in der Emsdettener Geschwister-Scholl-Schule entgegenstellte.

Das Land Nordrhein-Westfalen hat den Schulen einen Notfallplanordner mit Handlungsanweisungen an die Hand gegeben. Die Lehrer sollen unter anderem den Polizei-Notruf 110 absetzen, den Namen der Schule und den Ortsnamen mitteilen - schließlich läuft der Notruf bei der Kreisleitstelle in Steinfurt auf und im Kreis gibt es viele Schulen mit gleichlautendem Namen. Zudem sollen die Lehrer die Klassen verbarrikadieren und beruhigend auf die Schüler einwirken.

Dann kommt die Polizei ins Spiel. "Seit Erfurt gilt: Sofort eingreifen, kein Zögern", sagt Gehrmann-Beutenmüller, jetzt Einsatztrainer im Trainingszentrum der Polizei. Der Täter soll möglichst schnell unschädlich gemacht werden. Das heißt: Das erste Zugriffsteam ist die Streifenwagenbesatzung, die am schnellsten die Schule erreicht.

"Die Kollegen gehen sofort unter hohem Eigenrisiko vor", sagt der Einsatztrainer. Geschützt sind sie durch ein oder zwei Sicherheitswesten. Den Ernstfall trainieren sie mit einer relativ neuen Polizei-Pistole, die mehr Schuss Munition bevorratet als das alte Modell. "Mit der Ausrüstung, die uns zur Verfügung steht, sind wir weitgehend zufrieden", sagt Gehrmann-Beutenmüller.

Johannes Juling, stellvertretender Leiter am Gymnasium Dionysianum, gehört zu einer Gruppe von Lehrern, die den ersten Durchgang des Amoktrainings hautnah miterleben. In die Chaosphase hinein ertönt im Trainingsszenario das Martinshorn. Ein Streifenwagen braust heran. Sich gegenseitig deckend, erreichen die beiden Polizeibeamten das zweigeschossige Trainingsgebäude. Im Foyer kommt es zu einer kurzen Trainingsunterbrechung, die den Sicherheitsvorschriften geschuldet ist. Die Beamten tauschen ihre Dienstwaffen gegen so genannte FX-Waffen, die mit einem Treibsatz orangefarbene Seifenpatronen verschießen. Treffer werden angezeigt, verletzen aber nicht. Zusätzlich müssen Ohrstöpsel und ein Schutzhelm getragen werden.

Dann weiter: Ein Opfer liegt am Boden. Die Beamten kümmern sich nicht darum. Ihr Ziel ist der Täter. Er muss ausgeschaltet werden. Ein CD-Player beschallt den Raum. Kreischen, Hilferufe - Menschen in Panik. Schüsse fallen, noch eine Verletzte auf der Treppe. Im Obergeschoss wird der Täter gestellt. Schuss. Treffer. Noch ein orangener Fleck auf der schwarzen Ledermontur des Vermummten.

"Das war lebensecht. Und bedrückend", sagt Juling später. "Die ganze Stimmung, das Geknalle, das Geschrei. Das möchte ich in Wirklichkeit nicht erleben. Ich kann nur hoffen, dass das in Wirklichkeit nicht passiert." Im Ernstfall könne man nur hoffen, dass alles ganz geordnet abläuft und die Polizei schnell kommt.

An seiner Schule sei der Notfallplan beraten worden. "Mir ist aber heute noch einmal bewusst geworden, dass man das in jedem Jahr wiederholen muss. Die alten Kollegen an den Ablauf erinnern und die neuen Kollegen neu einweisen. Und ganz wichtig ist, in diesen Fällen Ruhe zu bewahren."

Kerstin Hemker, als Vorsitzende des evangelischen Kirchenkreises Steinfurt, Coesfeld, Borken Mitglied im Regionalen-Bildungs-Netzwerk, sieht zwar die Bedeutung des Polizeitrainings. Sie weist in der Pressekonferenz aber darauf hin, dass für die Präventiv-Arbeit die Schwelle viel niedriger beginnt: "In der Gesellschaft ist etwas aus dem Ruder gelaufen. Das können Lehrer allein nicht richten." Im Vorfeld der Eskalation sollten alle - Eltern, Lehrer, Freunde - sensibler sein. "Welche Spiele spielen die Kinder? Wie ist ihr Fernseh-Verhalten? Wo wird gemobbt? Da muss man schon eingreifen", sagte Hemker.

Infos zum Regionalen Bildungs Netzwerk unter: www.rbn.kreis-steinfurt.de

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