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Angela Merkels amerikanischer Traum

Washington - Die Bundeskanzlerin fühlt sich wohl auf der Weltbühne. Besonders an diesem sonnigen Tag unter der weißen Kuppel des Kapitols im vollbesetzten Sitzungssaal. Hier, im Herzen der amerikanischen Demokratie, gibt es für die im dunkelblauen Hosenanzug erschienene Rednerin Angela Merkel immer wieder stehende Ovationen, „Hey“-Rufe, Wangenküsse vom Ex-Vizepräsiden...

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Washington - Die Bundeskanzlerin fühlt sich wohl auf der Weltbühne. Besonders an diesem sonnigen Tag unter der weißen Kuppel des Kapitols im vollbesetzten Sitzungssaal. Hier, im Herzen der amerikanischen Demokratie, gibt es für die im dunkelblauen Hosenanzug erschienene Rednerin Angela Merkel immer wieder stehende Ovationen, „Hey“-Rufe, Wangenküsse vom Ex-Vizepräsidentschaftskandidaten Joe Lieberman - und das wohlige Gefühl, unter Freunden zu sein.

„A great speech“ - eine große Rede, raunt der republikanische Senator John Ensign seinen Kollegen im Flur zu, als die Kanzlerin nach 35 Minuten ihren historischen Auftritt - die erste Ansprache eines deutschen Regierungschefs vor beiden Kammern seit Konrad Adenauer vor 52 Jahren - beendet hat.

Auch fast das gesamte Kabinett von Barack Obama, von dem sie zuvor bei einem 60-minütigen Gedankenaustausch im Weißen Haus mit Lob (,,Voller Energie und mit einer starken Vision“) überschüttet worden war, ist vertreten - und erlebt mit den Parlamentariern eine geschickt formulierte Rede, die mehr ist als das angekündigte „Danke“ für die Hilfestellung der USA beim Fall der Mauer.

Merkel präsentiert sich vielmehr als deutsche Version des „American Dream“, des amerikanischen Traums, - und die Schilderungen ihres eigenen Aufstiegs und der ersten Wahrnehmungen Amerikas nach dem Fall der Mauer sind Balsam für das Publikum, das solche Erfolgsgeschichten liebt und sich nur allzu gerne daran erinnern lässt, wie einst John F. Kennedy und Ronald Reagan Anteil und Einfluss auf das Schicksal der damals getrennten deutschen Nation nahmen.

Deshalb fällt es der Bundeskanzlerin dann auch leicht, mit der Metapher der zu überwindenden und einzureißenden Mauern des 21. Jahrhunderts ihre politischen Bitten vorzutragen. Denn sie weiß: Vor allem beim Thema Klimaschutz sind die Erwartungen an sie hoch bei jenen, die sich wirkliche Fortschritte in Kopenhagen erhoffen. Merkels Appell, nun keine Zeit mehr zu verlieren und international verbindliche Verpflichtungen zu übernehmen, ist besonders pikant, weil ausgerechnet im Saal auch ein Teil jener Bremser sitzt, die allzu starke Einschnitte ablehnen und das Klimaschutzgesetz Obamas blockieren.

Die Zuhörer erleben aber auch, wie sich die Kanzlerin nicht als deutsche Regierungschefin, sondern vor allem Europäerin präsentiert. Auf die Reibungspunkte geht die Kanzlerin nicht ein, stattdessen gibt es Klartext und begeisterten Beifall beim Thema Iran (,,Die Sicherheit Israels ist für mich nicht verhandelbar“) und den politisch unverbindlichen Hinweis, Deutschland stelle sich der Verantwortung in Afghanistan. Noch bevor Angela Merkel das erste Wort im Kapitol gesprochen hatte, durfte sie sich schon freuen. Als „Europas ruhige Anführerin“ würdigte die „Washington Post“ in ihrer Ausgabe vom Dienstag den Gast, der zwar „der Anti-Obama mit null Charisma“ sei, aber dennoch als einzige Regierungschefin für eine tonangebende Rolle in der europäischen Außenpolitik in Frage komme.

Doch der Empfang im Kapitol zeigt, dass Charisma nicht unbedingt Voraussetzung für besondere Ehren ist. Den letzten Absatz ihrer Rede trägt die Bundeskanzlerin zum Entzücken der Versammelten in englischer Sprache vor. Und wieder gibt es Hochrufe, ein Spalier zum Händeschütteln und die Erkenntnis: Amerikas politische Elite liebt Dankesreden, aber auch einen berechenbaren Partner in Berlin.

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